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14.03.2016

Roma-Vertreter Rudolf Sarközi gestorben

Der gebürtige Burgenländer war als Vorsitzender des Volksgruppenbeirates Stimme und Gesicht der Roma.

Er hat sich nie dafür geniert, ein Roma zu sein, sagte Rudolf Sarközi. Nun starb er im Alter von 71 Jahren nach schwerer Krankheit. Er war Vorsitzender des Volksgruppenbeirates der Roma und Obmann des Kulturvereins Österreichischer Roma. Neben seinem Engagement für die Volksgruppe war der gebürtige Burgenländer auch für die SPÖ Wien aktiv und wurde in Döbling als erster Rom Wiener Bezirksrat.

Kampf für bessere Bildung

Bessere Bildungsverhältnisse waren Sarközi ein großes Anliegen für seine Volksgruppe. Er selbst musste in Unterschützen (Burgenland) mit der achtjährigen Volksschule Vorlieb nehmen. In der Schule sei er noch als "Zigeuner" beschimpft worden, was er als Beleidigung empfunden habe. Dies hatte sich geändert. Anfeindungen oder Beschimpfungen hat Sarközi laut eigener Schilderungen danach nicht mehr erlebt. In seiner positiven Art bezeichnete er Österreich immer wieder als guten Ort für Roma und Sinti. Slum-ähnliche Siedlungen wie in anderen Staaten gebe es hier nicht.

Rudolf Sarközi wurde am 11. November 1944 im NS-Anhaltelager Lackenbach geboren und arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter im Hoch- und Tiefbau. Als sogenannter "Zigeuner" erhielt er damals keine Lehrstelle. Nach der Eheschließung übersiedelte Sarközi 1964 mit Ehefrau Helga und Sohn Andreas nach Wien, wo er zunächst in einem Elektrounternehmen beschäftigt war, bevor er 1981 als Kraftfahrer bei der Gemeinde Wien angestellt wurde.

Auf Sarközis Initiative wurde 1991 derKulturverein Österreichischer Romagegründet. Als dessen Obmann erreichte er schließlich die Anerkennung der Roma und Sinti als eigene Volksgruppe. Eine Petition des Kulturvereins führte zu einem Entschließungsantrag aller vier damals im Parlament vertretenen Parteien, der 1993 einstimmig angenommen wurde. "Es hat einige Zeit gedauert, bis einmal begriffen worden ist, worum es hier geht", meinte Sarközi 2013 in einem Gespräch mit der APA.

Der Anschlag von Oberwart

Nach diesem Höhepunkt in Sarközis politischer Tätigkeit folgte nur zwei Jahre später eine düstere Stunde für die noch junge Volksgruppe. Am 4. Februar 1995 wurde die südburgenländische Stadt Oberwart zum Tatort des schwersten politisch motivierten Anschlags in der Geschichte der Zweiten Republik. Eine Rohrbombe tötete damals vier Bewohner der Roma-Siedlung. Die Bombe war mit einer Tafel getarnt, die die Aufschrift "Roma zurück nach Indien" trug. Als Urheber wurde der 1997 festgenommene Briefbomber Franz Fuchs verurteilt.

Sarközi vertrat seine Volksgruppe nach dem traurigen Ereignis bei unzähligen Informations- und Gedenkveranstaltungen und ließ sich nicht von seinem Weg abbringen. Noch im selben Jahr übernahm er den Vorsitz im neu eingerichteten Volksgruppenbeirat der Roma und Sinti und gründete den Roma-Bildungsfonds, 1996 wurde in Wien-Döbling das Roma Dokumentations- und Informationszentrum (kurz: Roma-Doku) eröffnet. Sarközi beteiligte sich auch an der ständigen Ausstellung im Museum Auschwitz-Birkenau. DerInternationale Rat zum Gedenken der Vernichtung der Roma, dem Sarközi angehörte, proklamierteschließlich den 2. August als Gedenktag an die Vernichtung der Roma.

Intensive Tätigkeit

Um ihm seine immer intensivere Tätigkeit im Interesse der Roma und Sinti zu ermöglichen, wurde Sarközi im Jahr 1997 von der Gemeinde Wien karenziert. 2005 trat er in den Ruhestand, 2010 wurde ihm das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich, als nur eine von vielen Auszeichnungen, verliehen. Seit 2002 trug er außerdem den Professor-Titel.

Der Sache der Roma blieb er treu, einige Jahre wollte er noch im Roma-Verein aktiv bleiben. Noch im Vorjahr hat er an den Gedenkfeierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Anschlags von Oberwart teilgenommen.

Die grauenerregende Tat rückte nicht nur die Volksgruppe schlagartig in den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, es war auch für Rudolf Sarközi eine Bewährungsprobe, so stark im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Eine Aufgabe, die der eloquente und engagierte Handwerker mit viel Geschick meisterte, als unermüdlicher Kämpfer für die Sache der Roma.

In einem Interview im Juli 2015 erklärte er: "Viele fragen mich: Wer wird in deine Fußstapfen treten? Ich muss sagen: niemand. Aber jeder muss seine eigene Spur hinterlassen."

Ein Interview mit Rudolf Sarközi aus dem Jahr 2014 lesen Sie hier.

Politik trauert um Rudolf Sarközi

Faymann sowie SPÖ-Bundesgeschäftsführer Gerhard Schmid und der Vorsitzende des Bunds Sozialdemokratischer Freiheitskämpfer/innen, Johannes Schwantner, bezeichneten Sarközi "als einen, der unermüdlich einmahnte, niemals den Schrecken des Nationalsozialismus zu vergessen". SPÖ-Klubobmann Andreas Schieder würdigte die "unermüdliche Arbeit" des am Samstag verstorbenen Volksgruppenvertreters. "Mit Rudolf Sarközi ist ein großer Österreicher von uns gegangen. Sein ganzes Leben und Wirken stand im Zeichen seines Einsatzes gegen Ausgrenzung, Intoleranz und Rassismus", meinte Nationalratspräsidentin Doris Bures (SPÖ).

"Rudolf Sarközi war als Roma-Aktivist der ersten Stunde die treibende Kraft für die Anerkennung der Roma als Volksgruppe. Er ist Zeit seines Lebens gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit eingetreten", zeigte sich Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny betroffen. "Seine unermüdliche Arbeit für die Volksgruppe war immer von großer Menschlichkeit, Diplomatie und persönlichem Einsatz getragen".

Auch ÖVP-Vertreter trauerten: "Mit dem Tod Rudolf Sarközis verliert Österreich einen unermüdlichen Vorkämpfer für Toleranz und Gleichberechtigung, der sich um den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Österreich verdient gemacht hat", sagte Außenminister Sebastian Kurz. ÖVP-Volksgruppensprecher Nikolaus Berlakovich trauerte um "eine Persönlichkeit, welche nicht nur das Verhältnis der Roma und Sinti zur Mehrheitsbevölkerung sehr positiv geprägt, sondern darüber hinaus ein neues Verständnis für Volksgruppenpolitik eingeleitet hat".

Bundespräsidentenkandidaten

Auch die Bundespräsidentschaftskandidaten zeigten sich betroffen: Rudolf Hundstorfer von der SPÖ erklärte via Aussendung: "Rudolf Sarközi kämpfte unermüdlich von erster Stunde an für die Rechte der österreichischen Roma und Sinti." Er habe durch seinen Einsatz deren Anerkennung als Volksgruppe in Österreich erreicht. Für Bundespräsidentschaftskandidat Andeas Khol "hat unser Land einen Menschen verloren, der sein Leben dem Kampf für die Gleichstellung der Roma gewidmet hat", meinte er in einem Statement gegenüber der APA und weiter: "Ich habe ihn persönlich gut gekannt und für sein unermüdliches Bemühen gegen Ausgrenzung und Rassismus außerordentlich geschätzt."

"Im Einsatz gegen Rassismus und Diskriminierung war Rudolf Sarközi der Israelitischen Kultusgemeinde immer eng verbunden", betrauerten auch die Vertreter von Österreichs Juden den Todesfall. "Sein Wissen um Verfolgung und Vernichtung während der Nazi-Zeit, die späteren Anfeindungen und schwierigen Lebensumstände aufgrund seiner Herkunft haben ihn nicht verbittern lassen. Im Gegenteil, Warmherzigkeit, Humor und unermüdliches Engagement haben ihn als Menschen ausgezeichnet", zeigte sich IKG-Präsident Oskar Deutsch betroffen.

Trauerbekundungen aus dem Burgenland

Die Landespolitiker aus Sarközis Heimatbundesland zeigten sich am Montag betroffen über das Ableben des Volksgruppenvertreters. "Dass Roma und Sinti heute die rechtliche Gleichstellung wie die anderen Volksgruppen haben, wäre ohne den Einsatz von Prof. Rudolf Sarközi nicht möglich gewesen", erklärte Landeshauptmann Hans Niessl (SPÖ) in einer Aussendung.

Sarközi habe sich immer dafür eingesetzt, "dass Antisemitismus, Rassismus, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit und Ausgrenzung in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr haben dürfen. Er war die treibende Kraft für die Anerkennung als Volksgruppe am 16. Dezember 1993", so Niessl.

"Mit Rudolf Sarközi verliert Österreich eine Persönlichkeit, welche nicht nur das Verhältnis der Roma und Sinti zur Mehrheitsbevölkerung sehr positiv geprägt, sondern darüber hinaus ein neues Verständnis für Volksgruppenpolitik eingeleitet hat", erklärte ÖVP-Volksgruppensprecher Nikolaus Berlakovich zum Ableben von Sarközi.