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Portrait
10/05/2013

So tickt Neos-Chef Strolz

Er machte die Neos wählbar und spricht eine neue Sprache: Wer ist dieser Matthias Strolz?

von Christian Böhmer

Ihm ist jetzt irgendwie kalt. Vor Matthias Strolz steht ein Becher warmer Tee, das Büro ist gut geheizt. Trotzdem friert er, und das liegt wohl daran, dass der 40-Jährige an diesem klar-kalten Freitag schon im Wald war.

Wieder einmal der Wienerwald, ein Fernseh-Team wollte ihn zwischen Bäumen filmen. Warum ist klar: Nachdem der Parteigründer vor einer Woche die Sensation schaffte und mit den Neos auf Anhieb ins Parlament gewählt wurde, erzählt man sich allerorten die Geschichte von Strolz Selbstentdeckung.

Die Kurz-Version: Im August 2011 schnallt sich Strolz einen Rucksack um und marschiert allein in den Wienerwald. Der Unternehmensberater fastet fünf Tage, durchwacht eine Nacht am Lagerfeuer und schreibt auf einem Fels sitzend seinen Lebenssatz nieder: „Du bist ein Gärtner des Lebens. Kultiviere Formen und Felder sämtlicher Art.“

Auch jetzt sitzt Strolz, der Wirtschafts- und Politikwissenschaften studierte, ruhig da, er ist in seinem Büro in einem Dachgeschoß-Loft in Wien-Neubau. An der Wand stehen Regale mit verpackten Büchern, hinter dem Schreibtisch: ein meterlanges Berg-Panorama des Klostertals – da kommt er her.

„Ich weiß, dass mich manche ins Eso-Eck stellen. Aber das sind die selben, die bis vor kurzem gesagt haben: Ihr seid verrückt, es gibt 900 Parteien in Österreich, keine hat’s ins Parlament geschafft, warum also ausgerechnet die Neos?“

Der Matthias Strolz, der jetzt spricht, ist anders als der aus dem Fernsehen. Ruhiger, nicht ganz so aufgekratzt. Die unorthodoxe Sprache bleibt und irritiert ein Stück weit – welcher Parteichef sagt schon Sätze wie „Ich bin auf der Suche nach der Melodie des Lebens“?

Doch Strolz ist kein Schamane, kein Träumer, im Gegenteil: Er ist ein Arbeiter, Planer. Einer, der binnen zwölf Monaten eine Partei aus der Taufe hob, die vergangenen Sonntag 232.946 Bürger für die beste Wahl hielten.

Bergbäuerin

Wie das gelingen konnte, versteht man besser, wenn man seine Vergangenheit besieht: Strolz wächst im Klostertal auf. Die Mutter: Bergbäuerin, der Vater: Angestellter einer Textilfirma. „Meine Mutter ist eine stark verwurzelte Frau mit alemannischem Arbeitsethos. Für Vorarlberger Bergbauern heißt arbeiten schuften bis du physisch Schmerzen hast.“ Sport sei abstrus gewesen. „Schweiß produzieren ohne Arbeit? Das war nahe am Frevel! Wenn ich zum Fußball wollte, haben die Eltern gesagt: Bub, Du bist eh in der Blasmusik, das genügt, wir müssen heuen.“

Der Vater war der Gegenpol. „Er war gern auf Reisen, hat in Paris gearbeitet und hatte eine Statue von Kennedy auf dem Fernseher.“

Disziplin und Weltläufigkeit, das geben sie ihm mit, die Eltern. Die Pubertät wird zur wilden Zeit. „Wir haben viel gesoffen und gefeiert“, sagt Strolz. „Die weichen Drogen haben schwer in die engen Täler gedrängt.“

Im Winter urlaubten deutsche 68er bei der Familie. „Einer kam – so wurde uns Jahre später klar – stets unter falschem Namen. Sie waren Sympathisanten der Baader-Meinhof-Gruppe, wuzelten ihre Zigaretten selbst und wechselten überraschend oft die Partner. Eine Gegenwelt, die ich als andere Selbstverständlichkeit erlebte. Erst später begriff ich: Da gibt es also noch viel mehr.“

Ranger nannten sie ihn damals, wie schon den Vater. Der Bub ging ins Gymnasium, wurde Klassensprecher, später Landesschulsprecher. An der Uni Innsbruck wurde er Chef der Hochschülerschaft und rutschte bald ins Nah-Feld der ÖVP: Strolz arbeitete für den Wirtschaftsbund und wurde Trainee der Industriellenvereinigung. „Im Forum Alpbach hat er einen Jugendaufstand angezettelt“, sagt Erhard Busek. „Er wollte mehr Junge und Frauen auf den Podien – die Reform kam wirklich.“ Busek war es auch, der den ÖVP-Chefs Molterer, Pröll und Spindelegger empfahl, das Polit-Talent doch zu fördern – ohne Erfolg. „Anstatt ihn einzubinden hat die Partei versucht sein Projekt zu torpedieren und dafür gesorgt, dass ihm Geschäftspartner abhanden kamen.“Strolz selbst hegt keinen Groll. „Ich werfe niemandem einen Stein nach.“ Er weiß: Die wahren Mühen warten noch. Die mögliche Fusion der Neos mit dem Liberalen Forum, der Aufbau des Parlamentsklubs – all das braucht Zeit, Kraft. „Es werden schwierigere Zeiten kommen.“ Die Mühen der Ebene, Herr Strolz? „Nicht der Ebene! Die Mühen des Hochplateaus, so muss es heißen!“ Ja, das klingt ungewöhnlich, anders als der übliche Polit-Sprech. Aber genau das gefällt ihm. Und schon hat er vergessen, dass ihm gerade noch kalt war.

Die Hoffnung trägt pink-grün, nicht blau

Die renommierte internationale Nachrichtenagentur Bloomberg widmet dem FPÖ-Wahlergebnis die Schlagzeile: „Warum sich die Faschisten in Österreich leichter tun als in Griechenland“ – illustriert mit dem Bild der Verhaftung des Parteichefs der ultrarechten „Goldene Morgenröte“ wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ein hanebüchen gewagter Vergleich, der zu Recht Empörung auslöst.

Die Hamburger Zeit wirbt überraschend vehement für „Rot-Blau“. Beide Parteien kämpften mit den gleichen Themen um dieselben Wähler, so das liberale Blatt. Beide pflegten „ähnliche Feindbilder: Banken, Millionäre, Spekulanten“. Das Wahlergebnis sei ein Auftrag an Werner Faymann, „den blauen Parteiführer zu domestizieren“. In der SPÖ fordern nach dem schlechtesten Wahlergebnis aller Zeiten nicht nur Hinterbänkler, die Bannmeile gegenüber den Blauen zu durchbrechen.

Strache bald ein Fall für den Richter oder für die Resozialisierung am Regierungstisch? Selten hat ein Wahlergebnis national und europaweit derart polarisiert.

Was ist passiert? Die FPÖ hat erstmals wieder die 20 Prozent knapp übersprungen. In ihrer Hochburg Wien mit einem Plus von 0,13 Prozent; österreichweit mit knapp drei Prozent mehr. Noch in der Wahlnacht rechnete etwa Spiegel online das blaue Wahlergebnis inklusive der Stimmen fürs BZÖ und Stronach zu einem dramatischen „Rechtsruck“ von 30 Prozent hoch.

Buhlen um die blauen Wähler

Eine nüchterne Betrachtung ergibt eine andere Rechnung: Fast eine halbe Million Wähler ging diesmal nicht zum Schmied Strache, sondern zu den Schmiedls Stronach und Bucher. Sie fischten zwar im gleichen Wählerteich; Bucher und Stronach aber ohne jede Ausländerhetze, auch nicht perfide als „Nächstenliebe“ verkleidet.

Diese 30 Prozent eint nur, dass sie ihre tiefe Abneigung gegen die EU ventiliert haben. Das ist kein Grund, zur Tagesordnung überzugehen, aber auch keiner für Faschismus-Alarm nach Athener Muster. Hier rächt sich die Ignoranz gegenüber der wachsenden Anti-Euro-Stimmung. Das ist ein Auftrag, mit noch mehr Herz und Hirn für das Jahrhundertprojekt Europa zu werben. Ein Auftrag, mit Blau zu regieren, ist das nicht.

Die wahre Sensation der Wahl geht in der Rechtsruck-Hysterie unter. Mit den pinken Neos gibt es erstmals zwei Parteien, die auch aus der Opposition heraus nicht auf plumpe Nein-Sagerei setzen. Die Parteienlandschaft ist inklusive der gestärkten Grünen so in der Mitte breiter geworden. Das lässt hoffen, dass das Land doch lernfähig ist.

Das Buhlen um Strache bleibt vergebliche Liebesmüh. Er denkt nicht daran, den Steigbügelhalter für Schwarz oder Rot zu machen. Er lauert vielmehr darauf, beim nächsten Mal als Nr. 1 das Spiel selber zu bestimmen.

Was lohnt, ist das Buhlen um das neue Heer der Protestwähler, das weit über die Blauen hinausgeht. Dafür braucht es eine Allianz aller konstruktiven Kräfte – ob innerhalb oder außerhalb der Regierung ist sekundär.

Der das Leben gärtnert

Bei manchen Stämmen der amerikanischen Ureinwohner war so was üblich: Als Initiationsritual ging ein junger Mann in die Wildnis und fastete solange, bis ihm die Geisterwelt Visionen schickte. Dann kehrte er zurück, galt als Mann und bekam einen Namen.

Von jetzt an sollst du genannt werden: Matthias Strolz. Was so viel heißt wie: Matthias Strolz. Es fällt leicht, die Geschichten, die der Neos-Häuptling rauf und runter erzählt, mit den Mitteln des galligen Humors der Gruppe Monty Python zu verspotten: Fünf Tage habe er im Wienerwald gefastet, bis dann am Lagerfeuer sein künftiges Lebensmotto bei ihm vorstellig wurde: „Du bist ein Gärtner des Lebens.“ Wenn er solche und ähnliche Sätze sagt („Ich bin auf der Suche nach der Melodie des Lebens“), wirkt Strolz kein bisschen peinlich, sondern sogar sachlich. Warum auch nicht? Sogar Erwin Pröll bekannte sich dazu, ein Baumumarmer zu sein.

Zu messen ist Strolz an seiner Politik. Seine Ideen zum Bildungssystem – Schulautonomie, individuelle Förderung – klangen schon einmal gut.

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