Politik | Inland
29.10.2017

Polt: "Ich kokettiere mit Missverständnissen"

Gespräch mit Gerhard Polt (75). Er glaubt an Humor als Mittel, um sich selbst zu entwischen. Der Kabarettist über die Weihen von Sebastian Kurz, die Englischkenntnisse von Beppe Grillo und die Folgen des "Mia san mia"-Gefühls.

"Mögt’s a Brezn?"

Der höflichen Ablehnung, sich vom tendenziös bayrisch gedeckten Garderobentisch im Salzburger "Republic" zu bedienen, entgegnet er fast ein wenig enttäuscht: "Was? Ihr mögt’s koa Brezn? Na guad." Sagt er. Und kaut.

Er lehnt an der Wand, im Trachtenjanker, in Bluejeans und Turnschuhen. Wacher Blick durch rahmenlose Augengläser. Gerhard Polt ist präsent, aufmerksam und den anderen Raum gebend. So wie er später den drei Well-Brüdern gleichsam die Bühne überlassen wird. Indem er vermeintlich teilnahmslos dasitzt, dem Tatendrang der Musiker zuschaut, ihnen zuhört. Um dann seine einzigartigen, verführerisch einfachen, aber umso genaueren Monologe zu führen, die ihre hintergründige Bissigkeit verbergen.

Der 75-Jährige kommt gerade aus Italien. "Wir waren zwoa Tag in Rom und zwoa in Neapel. Wunderbar." Die Wahlen in Österreich hat er mitbekommen. "Die Italiener haben das cool genommen. ,Austria va a destra.‘ Österreich geht nach rechts. Die CSU hat ja bei uns verloren. Die Well-Brüder, die singen a Gstanzl dazu. ,Des kann ned sein. Rechtsfahren können wir schon selber, ohne AfD.‘ Und: ,Schweinsbraten für Europa, Schweinsbraten für die Welt, mit Knödel und Weißbier sind wir bestens aufgestellt, damit das Abendland nicht dem Islam in die Hände fällt.‘"

Fehlt der CSU ein Politiker wie Sebastian Kurz?

Gerhard Polt: Es ist immer eine Frage, warum einer aus irgendeinem Grund die Weihen kriegt. Ich war mal im Kasperltheater. Da hat man doch diese klassischen Figuren. Den Sepperl, den Kasperl, usw. Meine Figur, das war "der Trachtenanzug". Ich hab’ einmal eine Wahlwerbung gesehen, da war bloß ein Schweinsbraten drauf und eine Maß Bier. Ned amoi Beilagen. Und dann: "Deshalb Sedlmayer." Des hat genügt.

Sehen Sie Parallelen zwischen der deutschen und der österreichischen Politik?

Die wird es sicher geben. Man kann es oberflächlich sehen oder tiefer. Wenn man es tiefer sieht, dann muss man schon sehen, dass historisch die Habsburger eine andere Größenordnung waren als die Wittelsbacher. Die Gemeinsamkeit ist erst einmal: das Vergessen. Wenn ich heute einen Österreicher frag’: Warum habt ihr mit de Preißn die Dänen militärisch angegriffen?, dann woaß des koana. Dann war der gemeinsame Verlust in der Schlacht von Königgrätz. Ich will damit sagen: Man kann tief einsteigen oder man kann sagen, was zur Zeit ist.

Was ist zur Zeit?

Es gibt diese Rechtswende. Ich glaube, dass Katalonien eigentlich auch ein Rechtsruck wäre. Dieses " Mia san mia"-Gefühl. Ziemlich unhistorische, merkwürdige, verdrehte Vorstellungen, mit denen man Politik machen kann. Eine merkwürdige Form von Wir. Wer immer des is.

Unwort

Wir. Das ist ein Wort, das Gerhard Polt gerne zum "Unwort des Jahres" erklären würde. Das auch mit Angela Merkel zu tun hat.

"Wir sollen, wir müssen, wir sollten, wir können, … wir. Ich bin nicht wir. Wir: Des sind die anderen", wird er später auf der Bühne sagen. Und dafür Beifall ernten.

Politik interessiert Polt, doch nie würde er sie, noch ihre Protagonisten zum Inhalt seines Kabaretts machen. Zu viel Bedeutung würde politischer Berichterstattung ohnehin schon beigemessen. "Die Politiker haben immer die Schlagzeilen, san immer vorn zu finden in den guaden Zeitungen. Statt dass ma des einmal unter die Todesanzeigen schreibt."

Beppe Grillo ist für ihn "eine interessante Figur" – bis zu dem Zeitpunkt, als der italienische Humorist und Politiker mit Nigel Farage sympathisierte. "Der wo den Brexit g’macht hat. Den Farage hab’ ich zufällig im Fernsehen in Cornwall gesehen. Wia der g’redt hat. Des is a Bierdimplfer (bayr. jemand, der regelmäßig in einer Wirtschaft sitzt und viel Bier trinkt). A richtiga Bierdimpfler. Da hab ich mich g’fragt: Kann denn der Grillo so schlecht Englisch, dass der des ned kapiert."

Englisch, Schwedisch (Polt studierte Skandinavistik, lebte sechs Jahre in Schweden, spielte dort Kabarett) spricht er fließend. Darauf angesprochen, bleibt er – wie es sein Naturell vorgibt – beeindruckend bescheiden. "Ich kann makkaroni-haft Russisch, wie die Italiener sagen. Ich bin froh, wenn ich g’scheit Deutsch kann."

Kein Akzent ist ihm fremd. Charmantes Werkzeug seiner präzisen Ironie. So gerät der Kauderwelsch des Englisch sprechenden katholischen Würdenträgers aus Indien zu einem Höhepunkt im aktuellen Programm.

Den bayerischen Dialekt treibt der gebürtige Münchner spielerisch vor sich her. Auf der Bühne türmt sich seine profane, manchmal brachiale Erzählweise zu Wutausbrüchen auf, oder schmeichelt sich ein als naiv besserwisserische, von schelmischen Lachern unterbrochene Beurteilung des Alltäglichen. "Was ich mache, und was ich gemacht habe, hat eine gewisse Ambiguität: Ich kokettiere mit Missverständnissen."

Keine Rolle ist ihm auf der Bühne dafür zu unsympathisch. Als Verfechter der Wehrpflicht und Gegner des Zivildiensts zum Beispiel: "Bevor ich jemanden, den ich nicht kenne, den Arsch auswisch’, da erschieß ich eam liaba." Über die Kriegsvergangenheit lässt er vor ausverkauftem Haus wissen: "Wenn wir den Ersten Weltkrieg nicht verloren hätten, hätten wir den Zweiten nicht gebraucht." Zum Hang zu ewiggestriger Verehrung: "Günther Prien. Das ist mein großes Vorbild. Der war ein U-Boot-Kommandant, der hat nach einem Treffer noch beim Absinken gegrüßt", sagt Polt mit gestrecktem rechten Arm. "Jetzt grüßt dich im Lift koa Schwein mehr."

Unkorrekt

Die politische Unkorrektheit ist sein Mittel – seit Jahrzehnten seine Gabe. Sie entlarvt und schafft Bewusstsein. Es gibt kein Entrinnen vor Polts Pointen. Den aufgeregten Voyeurismus unserer Zeit macht er – am Beispiel der IS-Gräuel – auf der Bühne lächerlich. "Geköpft worden ist immer. Die haben Leut’ geköpft, da hat’s das Fernsehen noch gar nicht gegeben."

Das Gespräch – jetzt auf der Bühne im noch leeren Konzertsaal, weil die Well-Brüder in der Garderobe ihre maßgeschneiderten Gstanzl für Salzburg dichten müssen – führt zum Thema Zukunft. "Die Glaskugel hab’ ich nicht", sagt Polt.

Stattdessen hat er immer noch ein Stück Brezn in der Hand und Zitate parat: "Die Frage,wird des besser oder ned, is eine Frage, die sollt ma besser hinten anstellen. Man kann es nur wie die Römer sagen: ‚Ich hoffe wider die Hoffnung’. Spero contra spem. Oder wie Herbert Achternbusch es gesagt hat: ‚Ich habe keine Hoffnung, aber ich nehme sie wahr.’ Das ist doch ein schöner Spruch. Was willst du denn sagen, wenn du dir die politische Phalanx anschaust: Das ist eher nicht verheißungsvoll."

Wie gehen Sie mit der Phalanx um?

Wenn ich guad gefrühstückt hab’, dann geht’s, dann resigniere ich – aber vital. Ich sage es einmal vorsichtig: Ich würd’ immer versuchen, Dinge so zu betrachten, dass ich nicht ihr Opfer bin. Eine der Möglichkeiten, mich mir selbst entwischen zu lassen, ist Humor. Sowohl als Trost, als auch um Möglichkeiten, Distanz und keine totale Verletzbarkeit zu kriegen, um sich aus den fürchterlichsten Situationen zu retten. Das ist, warum Leit’ wie Sie und ich an den Humor glauben.

Aber die Leut’ haben sich auch verändert?

Wir wissen doch alle, was sich verändert hat. Dass die Leit’ wischen. In der Tram-Bahn haben sich die Leit’ früher unterhalten oder streiten müssen. Des brauchen’s heit ned. Weil a jeder so a Wischgerät hat. Das schafft natürlich eine andere Atmosphäre. Ich glaub schon, dass sich die Art des Kommunizierens verändert hat und verändern wird . Das Merkwürdige ist, dass sich die Menschen aus irgendwelchen Gründen hysterisieren lassen, obwohl es ihnen objektiv betrachtet gar nicht schlecht geht. Die Frage ,Wie geht’s mir?’ hat nicht unbedingt mit der Realität zu tun. Warum fühlt sich der schlecht? Der ist g’sund, der hat einen Appetit. Das gefällt mir an den Italienern, die furchtbar schimpfen, einen roten Kopf kriegen, sich aufregen über die Schweine und Verbrecher in Rom und dann sitzt er vor seinem Teller mit Spaghetti und isst mit einem Appetit. Das g’fallt ma. Irgendwo muss ma auch ignorieren können.

Sie betonen immer wieder, dass es die Wirtshäuser nicht mehr gibt, in denen stundenlang gesprochen, politisiert wurde.

Heut kriegst zwoar an Tisch in einer Boazn, aber man weiß genau: Man muss sich umsetzen, wenn der nächste kummt, weil: Nur so und so viel Gemütlichkeit für so und so viel Geld. Instant-Griabigkeit ist des. Für langes Reden is do koa Zeit mehr.

Es ist Zeit, die er braucht, um Geschichten für seine Kabarettprogramme, die er stets mit der Hand schreibt, zu finden. Beobachtungen aus der "Froschperspektive", wie er erklärt. "Man muss einen kennen, der wo wen kennt, der wieda oan kennt."

Woher nehmen Sie abseits der zwischenmenschlichen Beobachtungen und Geschichten Ihre Informationen?

In Italien lese ich Corriere della Sera und eine Regionalzeitung, zu Hause am Schliersee den Economist und den Miesbacher Merkur. Fernschauen tue ich nicht viel, wenn dann Al Jazeera und BBC. Beim Frühstück hab ich viel Zeit: Dann les ich, hör ich ein bissl Radio und dann red ich amoi mit die Gebrüder Well, die wissen a imma wos.

Seit den 1980ern kennt sie ein breites Publikum aus Filmen wie "Man spricht Deutsch", TV-Serien wie "Fast wia im richtigen Leben" und der Kult-Kabarettsendung "Scheibenwischer" mit Dieter Hildebrandt. Polt auf der Leinwand scheint nach "Äktschn" Geschichte zu sein. Warum?

Ich bin 75 Jahr’. Des sollen junge Leut’ machen. Besonders Kinofilme kosten a Geld, sind so aufwendig. Ich find’, wenn ich selbst in der Geldvergabe wär’ – sei es beim ORF oder bei filmunterstützenden Institutionen – , dann sollten sie es den Jungen geben. Junge Menschen, die wo was mach’n woll’n, denen muaß ma helfen.

Polt vermisst die italienischen, französischen Filme aus den 1970er-Jahren. "Man sieht nur mehr amerikanische. Des find’ ich schad’. Fellini, des is nimma, oder geht’s euch da anders?" Nicht auf der Leinwand, auf der Bühne will er sein "so lange ich g’sund bin und es lustig ist – dann mach ich des. Ich hab’ das ja erlebt mit dem Hildebrandt, der wo des g’macht hat bis über 80, wie der Loriot auch. Die waren noch unglaublich fit auf der Bühne und dann sans umg’foin, auf Deitsch g’sagt. Die sind g’sund abgetreten. Toll war Hildebrandt, als der den Leuten vorgespielt hat, wie ein alter Mensch in einem Altersheim behandelt wird. Das ist besonders gut, wenn man wirklich das Alter hat. Bei Schauspielern gibt’s die Phasen: Der junge Liebhaber, dann is amoi über a paar Jahr lang überhaupt nix und dann kommt er als reifer Held und dann folgt der würdige und weise Greis."

In welcher Phase befinden Sie sich?

Ich habe nie einen jungen Liebhaber gespielt, ich werde auch keinen Weisen spielen. Wenn, dann einen unwürdigen Greis. Weil ich bin kein Schauspieler, nur ein Darsteller.

Kurz vor Vorstellungsbeginn: Polt, der kein Schauspieler sein will, hat immer noch die Brezn in der Hand: "Ich möchte weder älter noch jünger sein. Ma is wos ma is. Ich denk’ nicht weit voraus. Höchstens bis zum nächsten Frühstück."

Zur Person: "Gescheiterter Bootsbauer" und "unwürdiger Greis"

Zur PersonDer gebürtige Münchner (7. Mai 1942) studierte Politik, Geschichte und Kunstgeschichte in seiner Geburtsstadt, Skandinavistik und Altgermanisch in Göteborg, Schweden. Seit 1975 spielt der ehemalige Dolmetscher und Lehrer Kabarett. Die Serie „Fast wia im richtigen Leben“, Filme wie „Kehraus“ und „Man spricht Deutsch“ sowie Sketche wie „Mai Ling“ sind Legende. Seit 37 Jahren ist Polt mit den Biermösl Blosn bzw. den Gebrüdern Well auf Tour. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt: „Der große Polt. Ein Konversationslexikon“. Seit 1971 ist der „gescheiterte Bootsverleiher“ mit Tini Polt verheiratet. Das Paar hat einen Sohn und lebt in Schliersee (Bayern) und in Italien.

Der gebürtige Münchner (7. Mai 1942) studierte Politik, Geschichte und Kunstgeschichte in seiner Geburtsstadt, Skandinavistik und Altgermanisch in Göteborg, Schweden. Seit 1975 spielt der ehemalige Dolmetscher und Lehrer Kabarett. Die Serie „Fast wia im richtigen Leben“, Filme wie „Kehraus“ und „Man spricht Deutsch“ sowie Sketche wie „Mai Ling“ sind Legende.

Seit 37 Jahren ist Polt mit den Biermösl Blosn bzw. den Gebrüdern Well auf Tour. Er veröffentlichte zahlreiche Bücher, zuletzt: „Der große Polt. Ein Konversationslexikon“. Seit 1971 ist der „gescheiterte Bootsverleiher“ mit Tini Polt verheiratet. Das Paar hat einen Sohn und lebt in Schliersee (Bayern) und in Italien.