Politik | Inland
27.10.2017

Warum Politiker Kontrolle über die Bilder wollen

ABD0086_20171022 - WIEN - ÖSTERREICH: ÖVP-Bundesparteiobmann Sebastian Kurz (r.) und Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) (l.) am … © Bild: NEUE VOLKSPARTEI/JAKOB GLASER

Private Fotografen, die Politiker gekonnt in Szene setzen, gehören mittlerweile zum Alltag in Österreich. Jüngst sorgte die ÖVP für Aufregung, weil sie Pressefotografen den Zugang bei den Sondierungsgesprächen verwehrte. Politikwissenschaftlerin Petra Bernhardt hält diese Bildpraxis für bedenklich.

Bilder erzählen Geschichte, sie machen Geschichte und mit ihnen wird Politik gemacht. Wir engagieren private Fotografen, um ins beste Licht gerückt zu werden. Auch in der Politik ist das bereits üblich. Staats- und Regierungschefs vertrauen auf ihre Haus- und Hoffotografen, sie machen die Bilder, die man sich eben wünscht.

Jüngst sorgte allerdings die ÖVP für Aufregung. Die Volkspartei hat bei den Sondierungsgesprächen unabhängige Fotografen nicht zugelassen, sondern den Medien nur Bilder zur Verfügung gestellt, die selbst gemacht wurden. Zum Teil wurden diese kommentarlos in vielen Medien verwendet. Platznot, so die Begründung der ÖVP.

Ein fadenscheiniges Argument, befindet die Politikwissenschaftlerin Petra Bernhardt. Im Gespräch erklärt die Expertin für visuelle Kommunikation, warum die Politik die Kontrolle über Bilder haben möchte und wo es bereits der Fall ist.


KURIER: Frau Bernhardt, stellen wir uns vor, Sie seien eine Politikerin. Würden Sie sich lieber von einem privaten Fotografen ablichten lassen oder von einem Pressefotografen?

Petra Bernhardt: Ich wäre vermutlich gut beraten, beides zu haben.

Es spricht also nichts gegen einen persönlichen Fotografen, der den Politiker in Szene setzt?

Heute ist das gängige Praxis, weil es enorme Vorteile bietet. Einerseits entsteht, wenn der Fotograf über Jahre hinweg mit dem Politiker zusammenarbeitet, zwangsläufig so etwas wie ein Vertrauensverhältnis, wie etwa zwischen Barack Obama und seinem Fotografen Pete Souza. Souza konnte sich im Oval Office frei bewegen, um hochwertige Fotos vom US-Präsidenten zu machen. Durch den doch besonders privilegierten Zugang wusste er bereits, wie Obama in bestimmten Situationen reagieren wird. Die Fotos wirkten authentisch und waren hochprofessionell. Und das obwohl es Obama mitunter vielleicht gar nicht mehr aufgefallen ist, dass Souza ständig bei ihm war. Es herrschte ein zwangloses Arbeiten.

President Barack Obama makes Thanksgiving Day phone calls from the Oval Office in Washington, DC to U.S. troops stationed around… © Bild: REUTERS/HANDOUT

Welche Vorteile bietet der Haus- und Hoffotograf für den Politiker selbst?

Am Fotografen hängt ein PR-Team dran, das aus dem hochwertigen Bildmaterial die besten Fotos auswählen kann. Sie können sich überlegen, welches Bild am besten zu dem passt, was ich kommunizieren möchte und verbreiten es über Facebook, Twitter & Co. Für einen Politiker ist das unheimlich praktisch. Er kann mit seinen Bildern etwas über seine Person und sein Amtsverständnis erzählen, wie er mit seinen Kollegen arbeitet oder wie sein Verhältnis zu anderen Regierungschefs ist. Außerdem kann der Politiker ein sogenanntes bypassing (Umgehung, Anm.) von klassischen Medien machen. Er muss nicht mehr auf ein Interview warten, um ein hübsches Bild von sich am Schreibtisch zu bekommen.

Bei den Sondierungsgesprächen zwischen Sebastian Kurz und den anderen Parlamentsparteien war nur der private Fotograf anwesend. Für Pressefotografen war der Zutritt verboten, wegen Platzmangel, hieß es.

Es ist ein etwas fadenscheiniges Argument. Denn Agenturfotografen werden hoffentlich reinpassen und die würden den Medien Material zur Verfügung stellen können. Auf internationaler Bühne, bei großen Gipfeln wie etwa G8 oder G20, wird ähnlich argumentiert. Dann wird auf eine Beschränkungspraxis mit Photo-Opportunities zurückgegriffen. Das heißt, man definiert spezifische Schauplätze, wo sich die Politik zu sehen gibt. Sie treten zum Beispiel vor oder nach einem Gespräch auf, stellen sich zu einem Gruppenfoto zusammen. Diese Schauplätze sind dann aber gut ausgewählt. Die Möglichkeiten für Pressefotografen dementsprechend beschränkt.

Epa04789414 German Chancellor Angela Merkel and US President Barack Obama pose for a group photo with the guests of the outreach… © Bild: APA/EPA/SVEN HOPPE

Bei den Sondierungsgesprächen gab es nicht einmal diese Photo-Opportunity. Verstehen Sie die Aufregung der Medien, insbesondere der Pressefotografen?

Nur einen Fotografen zuzulassen, den die ÖVP sogar noch selbst engagiert hat, ist sehr seltsam. Ich vermute, viele Personen haben die Zugangsbeschränkung als eine Art Vorboten für die Praxis der künftigen Regierung gelesen. Diese Bedenken sind absolut nachvollziehbar, weil viele Medienunternehmen bereits Handout-Bilder der Privatfotografen für ihre Artikel verwenden.

Die ÖVP hat sich für den Ausschluss der Pressefotografen entschuldigt und erklärt, dass man es künftig anders machen wird.

Das ist eine nachvollziehbare Reaktion. Ich denke, dass die Kritik ernst genommen wird. Die Praxis der persönlichen Fotografen wird sicherlich beibehalten. Die Frage ist, ob bei Besprechungsterminen auch Pressefotografen dabei sein dürfen.

ABD0041_20171021 - WIEN - ÖSTERREICH: ÖVP-Bundesparteiobmann Sebastian Kurz (l.) und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache am Samstag… © Bild: NEUE VOLKSPARTEI/JAKOB GLASER

Falls nicht, sollten Medien überhaupt Handout-Fotos übernehmen?

Dass man das dann konsequent meidet, ist eine große Herausforderung. Wenn es nicht anders geht, dann halte ich einen Verweis, dass Pressefotografen nicht zugelassen wurden, für angebracht. Jeder Politiker sollte aber Medien die Möglichkeit geben, Fotos zu machen, die eben keine PR-Bilder sind. Aus der Perspektive der Politik ist es nachvollziehbar, dass man die Kontrolle über Bilder behalten will. Genauso nachvollziehbar ist aber auch, dass Pressefotografen ein Bildmaterial anfertigen wollen, das nicht unbedingt dem Wunsch der Politiker entspricht.

Nun könnte man doch behaupten, dass Pressefotografen keine wesentlich anderen Bilder von den Sondierungsgesprächen machen hätten können. Ein Handshake, ein Lächeln.

Das stimmt, andere Möglichkeiten die Gesprächssituation zu bebildern gibt es wohl kaum. Was Politiker aber gerne vermeiden möchten und deshalb auch persönliche Fotografen engagieren, ist, dass Fotos mit Symbolgehalt entstehen. Das sind Bilder, in das sehr viel hineininterpretiert werden kann. Es gibt ein Foto vom Treffen zwischen Justin Trudeau und Donald Trump. Die beiden sitzen nebeneinander und Trump streckt seinen Arm für den für die Situation typischen Handschlag aus. Als Trudeau für eine Zehntelsekunde auf die Hand des US-Präsidenten schaut, drückt der Fotograf ab. Es sieht so aus, als würde der Kanadier zögern. Dementsprechend war die Deutung, dass Trudeau Trump nicht die Hand reichen wollte, weil er weiß, wie Shinzo Abe durchgeschüttelt wurde. Ich vermute, bei den Sondierungsgesprächen ging es auch darum, in dieser sensiblen Phase keine Bilder zu haben, wo man viel hineinlesen kann. Es soll schlicht gezeigt werden, Kurz ist der Gastgeber, die anderen kommen zu ihm.

Prime Minister Justin Trudeau meets with US President Donald Trump in the Oval Office of the White House in Washington, D.C. on … © Bild: AP/Sean Kilpatrick

Sollen Pressefotografen Bilder machen, die sich mit Deutungen aufladen können?

Es hängt extrem stark mit dem professionellen Selbstverständnis zusammen. Es gibt manche Fotografen, die sich als Journalisten verstehen. Sie sagen: Ich mache Journalismus. Ich bin nicht dazu da, damit ich mit meinem schreibenden Kollegen durch die Gegend fahr und einfach irgendwelche Fotos mache. Aber dieses Selbstverständnis, politisch erwünschte Lesarten zu konterkarieren oder zu hinterfragen, haben nicht alle. Wenn ein angestellter Fotograf genügend Budget und Zeit hat, dann kann er sich überlegen neben dem Handshake und Lächeln der Politiker noch ungewöhnliches Material zu sammeln. Er könnte das ganze Narrativ hinterfragen. Vielleicht noch ein kurzes Beispiel, das mir sehr gut zeigt, was ich meine. Als Christian Kern in der Gruft war, wollten alle den Bundeskanzler fotografieren. Es gibt aber ein Bild, das den Moment eingefangen hat, wie ein Fotograf auf den Tisch steigt, an dem gerade eine alte Frau saß. Der Fotograf hat die Fotogeilheit und die vorgefertigte Photo-Opportunity hinterfragt. Das ist sehr wichtig. Ich brauche jemanden, der sich auch andere Dinge ansieht und dokumentiert.

https://twitter.com/MatthiasCremer/status/798238402311294977?ref_src=twsrc%5Etfw
Matthias Cremer (@MatthiasCremer

Nun klingt das alles schon etwas elitär und akademisch. Dem Gros der Bevölkerung wird es egal sein, wer das Foto macht.

Na klar, es klingt alles hochtrabend und intellektuell. Viele werden sich an den Kopf greifen und denken: Na bitte, ist das nicht wurscht? Ja, im Einzelfall vielleicht. Bei den Sondierungsgesprächen wäre es wahrscheinlich wirklich wurscht. Aber dann gibt es zig andere Situationen, wo es eben nicht wurscht ist. Dann wäre ein kritischer Blick auf das, was die Politik vorgibt und liefert, durchaus wichtig. In den Redaktionen und der Öffentlichkeit geht es unter, aber Fotos sind genauso journalistisches Material wie es Texte sind. Und es ist wichtig zu wissen, dass ein PR-Fotograf das liefern wird, was sich der Auftraggeber wünscht und nicht das, was eventuell öffentliches Interesse ist. Nämlich hinter die Kulissen zu blicken, Inszenierungen und vorgefertigte Settings zu hinterfragen.

Mit Pressefotos kann aber auch Stimmung gegen oder für etwas gemacht werden.

Das Thema ist komplex. Wir reden jetzt über die ganzen hehren Ansprüche im Fotojournalismus. Problematisch wird es, wenn ein Bild nicht entsprechend ernst genommen, sondern illustrativ eingesetzt wird, um eine Deutung zu befördern, die man vorher schon gehabt hat. Dass Fotos missbräuchlich verwendet werden, passiert ständig. Seltener im Journalismus, vermehrt in Sozialen Netzwerken. In politischen Auseinandersetzungen werden immer wieder Bilder aus dem Zusammenhang gerissen, um Stimmung zu erzeugen. Den Vorschlag, dass Fotografen zumindest bei Bildunterschriften mitreden sollten, finde ich deshalb sinnvoll.

Warum?

Sie machen das Bild, kennen die Situation und können das Foto vielleicht besser einordnen. Können Sie sich an das Foto von Tal Silberstein erinnern, als er festgenommen wurde?

ABD0074_20170814 - RISHON LEZION - ISRAEL: ZU APA0142 VOM 14.8.2017 - Der Berater der Kanzlerpartei Tal Silberstein wurde in Isr… © Bild: APA/AFP/JACK GUEZ

Ja, er sitzt in einem türkisfarbenen T-Shirt da, umringt von weiteren Personen.

Genau. Dieses Foto wurde auch für andere Artikel über die aktuelle politische Situation in Österreich verwendet, obwohl es inhaltlich damit gar nichts zu tun hat. Das Foto einer Festnahme zur Bebilderung des Umstands, dass im Wahlkampf der SPÖ offenbar nicht sauber agiert wurde, heranzuziehen, ist eine visuelle Vorverurteilung. Es legt die Deutung nahe: Der Kerl ist schon einmal festgenommen worden, also muss da etwas im Busch sein. Das ist eine problematische Praxis. Wir hatten in Österreich schon öfters die Situation, dass die Praktiken von Politikberatern hinterfragt wurden. Aber so ein Meuchelfoto zu verwenden, hat schon einen besonderen Beiklang.

In this photo released by Kremlin press service on Saturday, Aug. 5, 2017, Russian President Vladimir Putin rests after fishing … © Bild: AP/Alexei Nikolsky
Sie haben gesagt, Politiker wollen, dass Ihre gewünschten Bilddeutungen übernommen werden. Mir fällt Wladimir Putin ein, der – überspitzt formuliert – im kalten Sibirien gegen einen Bären kämpft.

Putin ist ein Paradebeispiel für eine gelungene Bildkontrolle. Er möchte natürlich, dass er als starker Mann wahrgenommen wird, deshalb auch die Fotos mit nacktem Oberkörper im eiskalten Fluss. Interessant ist, dass internationale Medien oft genau diese Bilder heranziehen, um ihn auch als mächtigen Politiker auf internationaler Bühne zu beschreiben. Für Putin einen absolute Win-Win-Situation. Medien haben die dominante Deutung, die er sich von diesen Bildern wünscht, eins-zu-eins übernommen.

Klingt beinahe so, als wäre es durchaus möglich, dass sich Politiker den Pressefotografen entziehen können.

Wenn man sie aussperrt, ja. De facto ist es aber nicht möglich. Irgendwann kommt der Politiker in eine Situation, wo er fotografiert werden kann, aus einer Perspektive, die vielleicht nicht seinen Wünschen entspricht. Klarerweise auch, weil heute jeder ein Smartphone bei sich hat. Eine vollständige Bildkontrolle halte ich daher für unmöglich.

© Bild: Interfoto

Zur Person: Petra Bernhardt ist Politikwissenschaftlerin und Mitglied des Forschungsschwerpunkts "Visual Studies in den Sozialwissenschaften" an der Universität Wien. Zum Spezialgebiet von Bernhardt gehört die visuelle Kommunikation in der Politik.

Die Wahrheit hinter dem Foto Trump & Trudeau