Politik | Inland
28.01.2018

Peter Hochegger: Mit Yoga zum Geständnis

Mit zen-buddhistischer Gelassenheit absolvierte er ein siebentägiges Verhör im Buwog-Prozess. Der Ex-Lobbyist sagt: "Meine Spiritualität half mir". Für die Verteidigung ist die Wandlung Show. Was steckt dahinter?

Nach sieben Prozesstagen und einem spektakulären Geständnis war endlich Schluss. Fast fünf Tage verhörte ihn die Richterin, zwei weitere Tage "grillten" ihn die Verteidiger von Karl-Heinz Grasser. Dutzende Fragen musste er wie in einer Endlosschleife wieder und wieder beantworten. Selbst als sich Momente im Kreuzverhör auftaten, wo der Ex-Lobbyist Unstimmigkeiten zugeben musste, kam keine Nervosität auf. (Er irrte sich beim Zeitpunkt, wann er erfuhr, dass Grasser bei der Buwog-Provision mitprofitiert haben soll). Hochegger demonstrierte sieben Tage lang fast zen-buddhistische Gelassenheit.

"Jeder muss für seine Vergangenheit selbst die Verantwortung übernehmen", resümierte Hochegger nach dem Aussage-Marathon. Mit diesen Worten "verabschiedete" sich der Ex-Lobbyist auch von Walter Meischberger, bevor er in den Zeugenstand trat und mit seinem Geständnis "reinen Tisch machte". Tiefenentspannt offenbarte er der Justiz, was sie seit acht Jahren vermutete: Auch Grasser soll beim Buwog-Deal 2,4 Millionen Euro an Provisionen mitgeschnitten haben.

Meridian-Stretching

Woher kommt Hocheggers stoische Ruhe im Prozess? Er selbst definiert sich nicht als Profi, sondern als "Gelernter". Unzählige Einvernahmen hat er hinter sich, detto einen Prozess inklusive rechtskräftiger Verurteilung wegen Untreue. Um bei den stundenlangen Frage-Antwort-Rallyes eine positive Atmosphäre zwischen ihm und der Strafverfolgung zu schaffen, entwickelte er ein spirituelles Ritual. Frühmorgens steht der ehemalige PR-Profi auf, startet den Tag mit Meditation und den Fünf-Tibeter-Übungen, danach folgen ein Meridian-Stretching und Atemübungen. "Dabei stelle ich mir vor, dass die Staatsanwälte und Verteidiger eigentlich nette Menschen sind, die nur ihren Job machen und nichts gegen mich persönlich haben. Das macht die Situation für mich lockerer."

"Jeder hat Seelenplan"

Keine Läuterung, sondern ein Geständnis aus Kalkül unterstellt ihm die Verteidigung. Damit "erkaufe" sich Hochegger bei der Justiz ein milderes Urteil. Mehr noch: Grassers und Meischbergers Anwälte vermuten einen illegalen Deal zwischen dem 69-Jährigen und den Staatsanwälten. Der Verteidigung liegt ein Mail von Hocheggers Ex-Anwalt an die Staatsanwaltschaft vor, wo er um einen Termin bittet.

Die Angst vor dem Gefängnis, weil er bereits 69 Jahre alt ist, sei die Motivation des Ex-Lobbyisten, seine ehemaligen Freunde zu opfern, behauptet die Gegenseite. Diese "Angst", so meint Hochegger gegenüber dem KURIER, kenne er nicht, "selbst wenn er für mehrere Jahre hinter Gitter müsse". Fünf Monate hat er in der Justizanstalt Hirtenberg schon hinter sich gebracht.

"Ich bin dankbar dafür, dass ich im Gefängnis war. Das war gut für mich, weil ich viel Zeit zur Selbstreflexion hatte." Der gefallene Ex-Lobbyist glaubt daran, dass jeder Mensch einen "Seelenplan" hat. "Sobald wir in unser Leben eintreten, haben wir unsere Lernreise in Abstimmung mit anderen Menschen und auf Grund der eigenen Entscheidungen definiert", erzählt Hochegger.

Sollte eine zweite Haftstrafe zu seiner Reise dazugehören, dann "ist es eben so", meint er unaufgeregt. Das Gefängnis hat er als eine ganz eigene Welt erlebt, wo sich manche besser zurecht finden als außerhalb der Mauern. So lernte der Ex-Lobbyist einen 45-Jährigen kennen, erzählt er, der schon 15 Jahre in Haft verbrachte und sein Leben lang immer wieder in die Justizanstalt einsitzen gehen wird. "Menschen wie er werden von unserer hektischen Welt abgeworfen. Im Gefängnis geht es ihnen besser", analysiert Hochegger. Täglich stand er um sieben Uhr auf, las eine Stunde in seiner spirituellen Bibel. Danach absolvierte er zwei Stunden Yoga. "In der Zelle habe ich mir das Frühstück dann selbst gekocht." Hochegger ernährt sich vegan, laktose- und glutenfrei – dieses Service wird in der Gefängnisküche von Hirtenberg nicht geboten. Täglich ging er im 1000 Quadratmeter großen Hof spazieren.

Hocheggers spirituelle Sätze verhöhnen die Verteidiger gerne als "Esoterik-Trip" oder "Erleuchtung" vor Gericht. Die Botschaft an den Schöffensenat ist klar. Die Grasser-Anwälte Ainedter und Norbert Wess wollen Hocheggers Reise zur Läuterung als taktische Show entlarven. Dieser Zynismus ärgert den 69-Jährigen nicht. "Das würde ich an ihrer Stelle auch so machen. Das gehört zum Spiel." Als der Buwog-Deal 2009 durch einen Zufall aufflog, schleuderte es Hochegger aus dem gewinnorientierten System, wo er ganz intensiv mitmischte. "Das war ein Segen für mich. Von selber hätte ich nicht die Kraft dafür gehabt", sagt er heute.

Als ein Korruptionsverdacht nach dem anderen auftauchte, waren sein Agenturennetzwerk schnell pleite. Heute hat Hochegger kein Konto in Österreich, weil ihm Banken dies verweigern. Er bezieht eine Pension in Höhe von brutto 2542 Euro, netto bleiben ihm 1151 Euro. Denn: Fast 700 Euro pfändet die Finanz. Der Rest entfällt auf die Krankenversicherung und die Lohnsteuer. Wenn er sich nicht in Wien vor Gericht verantworten muss, lebt er in Brasilien. Dort hat er mit seiner Cousine vor vielen Jahren eine Ferienanlage aufgebaut. Sonst schlägt er sich mit hohen Geldforderungen herum: Die Verbindlichkeiten belaufen sich auf 23,4 Millionen Euro.

Reinkarnation

Um diese Summe abzuzahlen, benötigt man mehrere Leben. Da passt es gut, dass Hochegger an die Reinkarnation glaubt. Auch seine Adoptivtochter und der Ex-Berater haben sich, so glaubt Hochegger, in einem früheren Leben schon einmal getroffen. "Das hat mir ein deutscher Astrologe bestätigt. Nur waren die Rollen damals vertauscht: Meine Tochter war mein Vater und ich das Kind."

"Nicht nur die Buddhisten und Hindus glauben an die Wiedergeburt, auch die "Urchristen taten das", erklärt Hochegger. Und wie stellt er sich die Reinkarnation vorvor? "Am Ende des Lebens verdichten sich alle Gedanken, Gefühle und Erfahrungen zu einer Codierung. Das muss man sich wie einen Computerchip vorstellen. Wenn die materielle Essenz zergeht, geht das Geistige ins Universum und reinkarniert später in einem neuen Leben. Man beginnt dort, wo man zuvor aufgehört hat." Hocheggers Hoffnung auf eine zweite Chance lebt also.