Paul Zuhlener

© KURIER/Franz Gruber

Interview
02/05/2017

Paul Zulehner: "Burka-Debatte ist eine Ablenkung"

Der Theologe plädiert für mehr Toleranz bei der Burka- und der Islam-Debatte.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Zulehner, in Österreich herrscht die Meinung: Burka-Verbot ja, aber das Kreuz muss bleiben. Warum ist das Kreuz den Österreichern so wichtig, obwohl sich die Zahl der Kirchenbesucher am Sonntag in den vergangenen 20 Jahren halbiert hat?

Paul Zulehner: Ich habe 2012 eine Studie gemacht, wo wir das Verhältnis der Österreicher zum Christentum untersuchten. Da entdeckten wir, dass es – gerade in der aktuellen Auseinandersetzung mit dem Islam – 80 Prozent der Österreicher wichtig ist, dass Europa ein christlicher Kontinent bleibt. Ich denke, wir unterschätzen die Anhänglichkeit der Österreicher an die christliche Kultur. Es ja auch hochinteressant, dass nun Menschen für das christliche Abendland kämpfen, die gar nicht gläubig sind. Bestes Beispiel ist die Pegida in Ostdeutschland. Diese Region gilt eigentlich als atheistisches Kernland in Europa. Anders gesagt: Es kämpfen die Falschen für den christlichen Glauben. Denn sie kämpfen nicht für das Christentum, sondern gegen eine fremde Kultur.

Wenn die Falschen für das Abendland kämpfen, wer wird dann der Gewinner dieser Konfrontation sein?

Der Gewinner dieser Auseinandersetzung ist nicht das Christentum, sondern es sind die konfessionsfreien Aktivisten wie ein Niko Alm, die schon seit Langem verlangen, dass Österreich eine weltanschauliche Neutralität im öffentliche Raum zu leben hat. Sie setzen sich auf diese hochinteressante Debatte um die religiösen Symbole. Aber mit dem Ziel, dass es am Ende gar keine mehr gibt.

Was ist Ihre persönliche Meinung als Theologe: Soll das Kreuz hängen bleiben?

Ich habe mich bei Gericht erkundigt, das sollte auch Staatssekretärin Muna Duzdar machen. Am Bezirksgericht hängt in den Sälen kein Kreuz. Muss aber ein Zeuge einen Eid ablegen, dann gibt es die Bibel und das Kreuz für den Christen, den Koran für den Moslem, die Tora für Juden. Wer keine Religion lebt, legt den Eid ohne religiöse Symbole ab. Die Gerichte leben bereits die Pluralität und sind der Politik voraus. Auch die Frage der Kreuze in der Schule ist in Österreich fair geregelt und nimmt auf das Selbstbestimmungsrecht der Eltern und Schüler Rücksicht.

Das Burka-Verbot ist für Sie auch eine Schein-Diskussion?

Für die Politiker ist das Thema eine exzellente Ablenkung. Das erspart ihnen die Diskussion über die hohen Arbeitslosenraten, die in Österreich doppelt so hoch ist wie in Deutschland. Auch in Deutschland gab es kurzfristig ein Burkaverbot, das aber auf Wunsch der Tourismusbranche wieder aufgehoben wurde. Ich wundere mich, dass der Aufschrei der Hoteliers in Österreich nicht größer ist. Wir haben in Österreich zirka 160 Burka-Trägerinnen. Davon kommen 140 aus dem Hotel Imperial, die dann auf der Kärntner Straße einkaufen gehen. Die Burka-Debatte ist quantitativ völlig zu vernachlässigen.

Wie könnte eine Lösung ausschauen?

Es muss eine differenzierte Lösung geben. In den Schulen und vor Gericht darf es keine Vollverschleierung geben. Lehrende und Lernende müssen einander in die Augen schauen können. Auch bei der medizinischen Versorgung der Frauen, muss es legitim sein, dass die Vollverschleierung abgelegt wird.

Liegt Außenminister Sebastian Kurz mit seinem Vorschlag des Kopftuch-Verbotes für Lehrerinnen auch falsch?

Warum soll sich die Frauen nicht kleiden, wie es unsere Großmütter getan haben? Ich sehe nicht ein, dass die Klosterschwester, die in einer katholischen Privatschule unterrichtet, unter Druck gerät, den Schleier abzulegen. Eine Frau mit Kopftuch stellt keine Aggression dar. Das Problem sind nicht die Kopftuchträgerinnen, sondern die Angst, die politisch geweckt wird. Man soll nicht gegen das Kopftuch sein, sondern für die Bildung von Frauen. Unsere jungen Muslima wollen keine Fußnoten in den Lebensläufen der Männer sein. Die Männer verlieren durch diese Entwicklung zwar Macht, aber dafür können sie Liebe finden.

Hat sich das Kreuz durch die ständige Konfrontation mit dem Islam zum Symbol der kulturellen Identität entwickelt?

Seit den 68ern dachten wir, dass die Religion in den privaten Bereich verlagert hat. Durch die globale Durchmischung der Völker ist die Religion wieder auf die politische Bühne zurückgekehrt. Selbst die Franzosen, die seit 1803 eine ganz strenge Trennung zwischen Kirche und Katholizismus haben, sind nun ratlos, weil als dritter Player der Islam dazugekommen ist. In diesem Fall sind wir in Österreich gesegnet, weil wir intelligente Habsburger hatten. Als sie Bosnien-Herzegowina 1908 annektierten, war das Erste, was die katholischen Habsburger machten, die Errichtung einer theologischen Fakultät für islamische Theologie. Ich wünsche unseren Politikern auch so viel Weitblick. Das Islamgesetz ist zwar eines der modernsten Europas, aber was nun bei der Durchführung passiert, hat nur am Rand mit dem Islamgesetz zu tun. Man bewirtschaftet die Gefühle der Bürger – nicht, weil einem etwas am Glauben liegt, sondern weil der politischen Mitte ein Machtverlust ins Haus steht. Deswegen auch diese unglaublich scharfe Debatte, die ich für eine vergebliche halte, weil sie verfassungsrechtlich nicht haltbar ist.

Haben Sie die Hoffnung, dass es einen Euro-Islam geben wird?

Der moderne Euro-Islam existiert schon. Die Entwicklung in diese Richtung läuft in der zweiten und dritten Generation der Muslime. Lesen Sie sich einmal die Bücher von dem Universitätsprofessor für islamische Religionspädagogik Mouhanad Khorchide in Münster durch. Er sagt: "Der Islam ist Erbarmen." Er redet wie Papst Franziskus. Dass es aber trotzdem weiter Muslime geben wird, die diese Entwicklung nicht mitmachen, ist erwartbar. Das gibt es auch im Christentum. Denken Sie nur an die Fundamentalisten, die in den USA die Ärzte erschießen, wenn sie aus Abtreibungskliniken kommen.

Das heißt, keine Furcht vor dem importierten Islam, der nun durch die Flüchtlinge zu uns kommt?

Der Islam ist nicht importiert. Es kommen Menschen. Ich habe noch nirgends einen Islam herumlaufen gesehen. Ich habe ein 13-jähriges Mädchen, das als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling kam, kennengelernt. Sie hat mir mit Tränen in den Augen erzählt, dass sie das erste Mal in die Schule gehen darf. In Afghanistan haben es ihr die Taliban verboten. Das ist ein wunderbares Kind. Ich finde die Muslime können eine Bereicherung für Europa sein. Denn sie bringen auch viele positive Eigenschaften mit: Glaubensstärke, Gastfreundschaft, Familienzusammenhalt. Das kennen viele Österreicher gar nicht mehr.