Politik | Inland
17.08.2017

Tal Silberstein: Kanzlermacher, Kanzlerkiller

Politik von innen - ÖVP und SPÖ schreiben Silberstein den Machtwechsel 2006 zu.

Keiner kennt ihn. Keiner hat ihn je gesehen. Maximal ein oder zwei Mal den Namen gehört, mehr aber auch wirklich nicht. Tal, bitte wer?

Nach der Verhaftung ihres Wahlkampfberaters will in der SPÖ niemand etwas von Tal Silberstein wissen. Nicht, warum und von wem er für den Wahlkampf 2017 engagiert wurde. Nicht, was er genau gemacht hat. Er hatte eh nur "eine Nebenrolle". SPÖ-Chef Christian Kern selbst distanzierte sich am Mittwoch per Videobotschaft von seinem der Bestechung und Geldwäsche verdächtigten Berater und versucht nun, die Causa der ÖVP umzuhängen. Kerns Stoßrichtung: Weil Sebastian Kurz nicht über Inhalte reden wolle, mache die ÖVP aus einer Affäre einen großen Skandal.

Und es stimmt, die ÖVP macht tatsächlich einen Skandal aus Tal Silberstein – weil sie dem Wahlkampf-Guru ein traumatisches Erlebnis zu verdanken glaubt: den Verlust des Kanzleramts bei der Nationalratswahl 2006.

Völlig überraschend hatte Wolfgang Schüssel 2006 die Wahl verloren und Alfred Gusenbauer war Erster geworden. Auch die SPÖ geht davon aus, dass Silberstein beträchtlich zu dem Kanzlerwechsel beigetragen hat, und das ist wesentlicher Grund, warum Christian Kern unter anderem von Gusenbauer geraten wurde, den israelischen Wahlkampfspezialisten erneut zu konsultieren.

Im Herbst 2016, wenige Wochen vor der Bundespräsidentenwahl, beeindruckte Silberstein die aktuelle SPÖ-Führung mit seinem Können. Ein Insider: "Während andere die Nerven wegschmissen und glaubten, Alexander Van der Bellen würde verlieren, sah sich Silberstein einige Daten an und sagte ziemlich präzise das Ergebnis vorher."

"Er ist sicher kein einfacher Charakter. Er streitet gern, fetzt sich mit Mitarbeitern, hat etliche Partner verbraucht. Mit Glacéhandschuhen arbeitet er sicher nicht", sagt Josef Kalina im trend über den Wahlkampf-Guru. Kalina arbeitete 2006 als SPÖ-Kommunikationschef mit Silberstein zusammen.

Was die SPÖ nicht gern zugibt und als "Gräuelpropaganda der ÖVP" darstellt: Silberstein ist Spezialist für Negativ-Kampagnen. Diese bezwecken, das Lager des Konkurrenten zu demobilisieren. So hat die SPÖ 2006 Wolfgang Schüssel als den Kanzler der "sozialen Kälte" dargestellt und eine angebliche Pflegerin im Hause Schüssel als "Kronzeugin" lanciert. Die Negativ-Kampagne dürfte gewirkt haben, denn 2006 hat die SPÖ die Wahl nicht gewonnen (sondern sogar 0,8 Prozentpunkte verloren. Schüssel jedoch verlor das Zehnfache, und rutschte dadurch auf Platz 2.

Die ÖVP vermutet nun, die SPÖ werde auch im aktuellen Wahlkampf versuchen, die Begeisterung für Sebastian Kurz mittels Negativ-Kampagne zu unterlaufen.

Die Anlagen sind tatsächlich ähnlich. Auf dem Bundesparteirat stellte Kern Kurz als jemanden dar, der auf der Seite jener stehe, "die sich die Taschen voll stopfen". In seiner jüngsten Videobotschaft auf Facebook argumentiert er ähnlich: Gesundheit und Bildung würden bei einer ÖVP-Regierung zu "käuflichen Gütern", sie würde nur für Superreiche und Großindustrielle Politik machen.

Solche Demobilisierungsversuche im gegnerischen Lager sind grundsätzlich nicht außergewöhnlich, sie dienen auch dem Schärfen des eigenen Profils. Worauf es ankommt, sind die Methoden. Diesbezüglich soll Silberstein wenig zimperlich sein. Von ihm ist der Satz überliefert: "Im Wahlkampf gibt es keine Demokratie."

Die SPÖ sagt, sie habe den Vertrag mit Silberstein nun gelöst. Ihre Kampagne sei ohnehin schon fertig.