Politik | Inland
15.10.2017

ÖVP feiert: "Nächster Kanzler heißt Kurz"

Es wurden nicht 35 Prozent, aber 31,7. Kurz umwirbt auch Neos.

Sein Vater stand ganz außen am Rand des Festsaales im Wiener Kursalon Hübner, als Sebastian Kurz dort seine Siegesrede hielt. Er hatte keinen Chance in die Nähe seines Sohnes zu kommen.

"In den letzten Jahrzehnten hat die ÖVP nicht oft gewinnen können. Wir haben das Unmögliche möglich gemacht", jubelte der ÖVP-Chef unter tosendem Applaus.

Für rund 100 Meter, von der Bühne zum Ausgang, benötigte der (wahrscheinlich) neue Kanzler mehr als 30 Minuten. Jeder wollte ihm einmal auf die Schulter klopfen. " Sebastian bitte ein Selfie", riefen Fans von allen Seiten.

Während sich Kurz geduldig fotografieren ließ, ging in den Regierungskreisen der ÖVP ein Schreckszenario um: Wird sich die SPÖ aus Angst vor dem totalen Machtverlust nicht doch zu einem rotblauen Experiment aufschwingen? Ein ehemaliger ÖVP-Chef, der anonym bleiben will, meinte: "Wenn ein 31-Jähriger einen 51-Jährigen besiegt, dann sitzt das tief. Ich bin mir nicht sicher, ob Kern kampflos das Feld räumt." Denn rein rechnerisch ginge sich eine rot-blaue Koalition aus.

So feierte die ÖVP ihren Wahlsieg

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Nationalratswahl 2017…

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"Mit allen reden"

Anders gesagt: In den Partyräumen des Kursalons Hübner regierte am Wahlabend zwar überbordende Freude über den Sieg mit 31,7 Prozent (laut Hochrechnung). Das sind 62 Mandate und ein Plus von 15 Abgeordneten im Parlament. Aber es herrschte auch eine spürbare Ungewissheit, ob es am Ende doch für den Einzug ins Kanzleramt reicht.

In ÖVP-Kreisen war man sich sicher, dass bereits am Wahlabend die ersten Verhandlungen zwischen SPÖ und FPÖ stattfanden. "Generalsekretär Harald Kickl hat noch einige Therapiearbeit ins Sachen ÖVP vor sich", meinte ein hochrangiger Funktionär der Neuen Volkspartei.

Wahlsieger Kurz selbst ließ sich am Wahlabend noch nicht in die Karten blicken, wie er die Koalitionsverhandlungen taktisch anlegen wird: "Es ist weder eine Koalition mit der SPÖ oder der FPÖ ausgemacht."

Der Außenminister meinte, zuerst müsse man das Endergebnis am Donnerstag abwarten, erst dann sei klar, wer Zweiter sei und ob es die Grünen doch noch ins Parlament schaffen. Sollte er den Regierungsbildungsauftrag erhalten, werde er jedenfalls mit allen Parteien Gespräche führen. Was man aus ÖVP-Kreisen hört, will Kurz nicht auf alle Forderungen der FPÖ eingehen. Eine Grundbedingung der Blauen ist, dass der nächste Innenminister Heinz-Christian Strache heißt. Mit dieser Forderung soll sich der ÖVP-Chef noch nicht angefreundet haben.

Für Vizekanzler Wolfgang Brandstetter gibt es eine Voraussetzung für die neue Koalition: "Es muss eine gute Teamfähigkeit vorhanden sein, damit die neue Regierung stark genug ist, um rasch Reformen durchzusetzen."

Von einer schnellen Einigung, etwa bis zum Nationalfeiertag, hält der Vizekanzler nichts.

Auch Finanzminister Hans-Jörg Schelling sendete mahnende Worte an SPÖ und FPÖ: "Wenn die Parteien zu ihrem Wort stehen, dann muss der nächste Kanzler Sebastian Kurz heißen". Und Schelling ließ mit einer überraschenden Ansage aufhorchen. Er könne sich auch unter einer schwarz-blauen Regierung vorstellen, als Finanzminister zur Verfügung zu stehen: "Ich habe immer gesagt, dass ich nicht Finanzminister sein will, wenn die FPÖ den Kanzler stellt."

Kein Rechtsruck

Dass die geschrumpfte Oppositionspartei und SPÖ-Chef Christian Kern von einem Rechtsruck sprechen, versteht die ÖVP-Ministerriege nicht. Ein Intimus von Kurz meinte wenige Minuten nach der Bekanntgabe des Wahlergebnis sogar: "In Wahrheit hat Kurz den Rechtsruck verhindert. Denn ohne Kurz wäre jetzt vielleicht Strache Kanzler."