Politik | Inland
09.05.2017

FLÖ: "Damit wird man sich ins Knie schießen"

Johanna Zechmeister, Spitzenkandidatin der Fachschaftslisten Österreichs (FLÖ), im KURIER-Gespräch über die kommende ÖH-Wahl.

Flyer werden verteilt, Hände geschüttelt, das ein oder andere Bier getrunken. Es ist Wahlkampfzeit an den Hochschulen Österreichs. Am 16. startet die Wahl zur Bundesvertretung der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH). Studierende können entscheiden, wer sie auf Bundesebene künftig vertreten soll. Der KURIER hat mit den Spitzenkandidaten der ÖH-Fraktionen gesprochen. Wie lauten ihre Forderungen? Was sind ihre Ziele? Und: Wieso überhaupt ÖH?

Johanna Zechmeister, Frontfrau der Fachschaftslisten Österreichs (FLÖ), will ein gemeinsames Studienrecht und glaubt, dass die Studienplatzfinanzierung nicht das bringen wird, was sich die Regierung erhofft.


Alle Interviews mit den ÖH-Spitzenkandidaten finden Sie hier.

KURIER: Welche Aufgabe hat die ÖH?

Johanna Zechmeister: Die ÖH-Bundesvertretung hat die Aufgabe, die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Studierenden zu verbessern. Und das Alltagsgeschäft heißt Servicearbeit. Wir beraten alle, die Hilfe benötigen.

Soll sich die ÖH in die Gesellschaftspolitik einmischen?

Zu sagen, die ÖH darf sich nur zu Themen äußern, die ausschließlich Studenten betrifft, wäre falsch. Auch als ÖH haben wir eine Meinung zur Politik außerhalb der Hochschule. Außerdem gibt es Überschneidungen. Der Fokus muss aber trotzdem auf den Interessen der Studierenden liegen.

Nun ist es aber nicht so, dass die ÖH parteipolitisch unabhängig ist. Man denke an GRAS und die Grünen oder den VSSTÖ und die SPÖ.

Wir sind parteipolitisch unabhängig und möchten das auch weiterhin bleiben. In den Exekutiven, in denen wir vertreten sind, schauen wir, dass Parteiinteressen keine Rolle spielen. Natürlich gelingt uns das nicht immer.

Woher kommt euer Wahlkampfbudget?

Ausschließlich private Spenden von Freunden und die uns unterstützen wollen. Auf unserer Homepage listen wir auf, wofür wir das Geld ausgeben. Bisher haben wir 400 Euro ausgegeben, aber ich glaube nicht, dass wir die 1.000-Euro-Marke weit überschreiten werden. Wir machen keine Materialschlacht. Uns geht es um Inhalte und nicht um Wahlgeschenke.

Apropos Wahl: Ihr fordert bundesweites Studienrecht und bekräftigt aber auch die Autonomie aller Hochschulen. Passt das zusammen?

Es geht um die rechtlichen Rahmenbedingungen. Egal ob ich an einer öffentlichen Universität, an einer privaten Universität oder an einer Fachhochschule studiere, ich muss die gleichen Rechte für Prüfungen haben. Gesetze dürfen nicht vom jeweiligen Standort abhängig sein. FH-Studenten haben einen mangelnden Rechtsschutz, weil die Fachhochschulen im Privatrecht angesiedelt sind. Eine Klage kann sehr teuer werden.

Wie oft kommt es zu einer Klage?

Es ist nicht selten der Fall, dass die ÖH-Bundesvertretung Klagen durchführt. Uns geht es darum: Wenn ich mehrere Prüfungsantritte benötige oder sage, dass die Prüfung nicht in Ordnung war, brauchen wir ein starkes, klares Studienrecht, das für alle gilt.

Die Forderung von "Einheit von Forschung und Lehre" gilt bei vielen Wissenschaftlern heute als antiquiert.

Wir sind anderer Meinung. Es ist verdammt wichtig, dass aktuelle Forschungsergebnisse in die Lehre miteinbezogen werden und Studenten wissen, wie wissenschaftlich geforscht wird. Wie kommen Studien zustande? Wie kann ich sie aktiv mitgestalten? Welche Probleme entstehen beim Verfassen von Arbeiten?

Wieso können Forschung und Lehre nicht getrennt werden? In der Berufswelt kommt es auch auf die Spezialisierung an.

Universitäten müssen zum kritischen Denken anregen. Ergebnisse, die ich vorgelegt bekomme, müssen hinterfragt werden. Das geht nur, wenn Lehre und Forschung eine Einheit bilden. Die Hochschule soll ein Ort des kritischen Diskurses sein.

Demnächst wird ein konkreter Plan zu Studienplatzfinanzierung vorgelegt. Wie steht ihr dazu?

Ich glaube, dass die Studienplatzfinanzierung eine interessante Idee sein kann. Aber sie wird ausschließlich für weitere Zugangsbeschränkung benutzt. Eine Finanzierung der Studienplätze soll sich nicht nach Einnahmen und Ausnahmen richten, sondern nach der Vorstellung, wie ich mir eine kritische Gesellschaft vorstelle. Möchte ich gebildete und ausgebildete Menschen, die Dinge kritisch hinterfragen? Oder will ich das nicht?

Also Ja oder Nein zu weiteren Beschränkungen?

Nein. Die Regierung möchte doch mehr Absolventen. Aber wie soll das mit weiteren Hürden funktionieren? Die Regierung will also genau planen, wie viele Absolventen pro Studium wir in den kommenden Jahren benötigen. Da bin ich mal gespannt. Damit wird man sich ins Knie schießen.

Geht die Formel bessere Studienbedingungen ist gleich mehr Absolventen nicht auf?

Die Drop-Out-Quote wird vielleicht sinken, aber es wird immer Menschen geben, die ein Studium abbrechen müssen. Deshalb muss präventiv vorgegangen werden und schon mehr an den Schulen passieren. Auch die Beratung während des Studiums muss verbessert und finanzielle Hürden abgebaut werden.

Konkrete Maßnahmen?

Prüfungsgebühren wie bei den Medizin-Aufnahmetests müssen abgeschafft. 110 Euro sind für 17- oder 18-Jährige nicht wenig. Wir müssen auch etwas gegen diese teuren Vorbereitungskurse machen. Die kosten bis zu 2.000 Euro. Wer kann sich sowas leisten? Das sind die finanziellen Hürden vor dem Studium, aber ich muss auch noch während des Studiums leben können. Teils müssen sich Studierende teure Bücher kaufen, weil sie in Bibliotheken nicht vorhanden sind. Und erst die Mietpreise – das betrifft ja nicht nur uns Studierende, sondern die ganze Gesellschaft.

Mit welcher Koalition soll sich das alles in den nächsten zwei Jahren ändern?

Wir reden mit allen, die die ÖH-Arbeit ernst nehmen und mit unseren Grundwerten übereinstimmen.

Welche Fraktionen schließt ihr aus?

Ich glaube, beim RFS gibt es viele Punkte, die wir als FLÖ nicht teilen können.


Zur Person: Johanna Zechmeister ist Spitzenkandidatin der Fachschaftslisten Österreichs (FLÖ). Sie studiert Humanmedizin an der Meduni Wien.