Pamela Rendi-Wagner ist seit Mittwoch neue Gesundheits- und Frauenministerin

© KURIER/Gerhard Deutsch

Pamela Rendi-Wagner
03/12/2017

Nur Mutter? "Kein Modell mit dem ich glücklich wäre"

Die neue Gesundheits- und Frauenministerin verrät ihre ersten Ziele, wie sie konsequent an ihrer Karriere arbeitete und warum ihre Eltern den Vornamen Pamela Joy wählten.

KURIER: Frau Minister, vergangenen Sonntag fand die Trauerfeier für Sabine Oberhauser statt. Drei Tage später werden Sie zur neuen Gesundheits- und Frauenministerin angelobt. Das ist keine übliche Amtsübergabe. War es schwer für Sie, dieses Erbe anzutreten?Pamela Rendi-Wagner: (atmet tief durch) Sie treffen genau den Punkt. Auf der einen Seite sprechen alle von Feierlaune und meinen, es sei ein großartiger Moment für mich. Doch aufgrund der Konstellation, dass ich zweieinhalb Jahre mit Sabine Oberhauser zusammenarbeiten durfte und wir hier, wo wir gerade sitzen, sehr viele Meetings hatten, ist es gleichzeitig auch eine schwere emotionale Situation. Am Sonntag war die Verabschiedung von Sabine mit sehr starken emotionalen Momenten. Am Montag war ich beim Bundeskanzler und am Mittwoch war die Angelobung. Das ist schon ein sehr enger zeitlicher Rahmen, um die Geschehnisse zu verarbeiten.

Ist es Ihnen in den letzten drei Tagen irgendwann mal kalt über den Rücken gelaufen?

Ja, als ich zum ersten Mal mein neues Büro betreten habe.

Als Gesundheitsministerin haben Sie wenig Macht, aber viele Gegner wie die Ärztekammer, Länder oder den Hauptverband der Sozialversicherungsträger. Dazu kommt der Zeitdruck. Im besten Fall haben Sie 18 Monate, um Erfolge vorzuweisen. War das eine Überlegung, ob Sie den Job überhaupt annehmen?

Die Fragmentierung des Gesundheitssystems habe ich als Sektionschefin sechs Jahre lang miterlebt. Das war mir bewusst. Was die Zeit betrifft: Ich finde, dass die 18 Monate durchaus ausreichend sind, um das, was auf den Weg gebracht wurde, nun mit aller Kraft auf den Boden zu bringen. Wir müssen in erster Linie die Ärzte und die Gesundheitsberufe an Bord holen. Da sind wir auf einem guten Weg. Mein erstes Telefonat mit Ärztekammer-Präsident Artur Wechselberger war positiv und wir streben eine gute Zusammenarbeit an.

Eine der größten Baustellen sind die Primärversorgungszentren. Trotz 16 Verhandlungsrunden, gab es Streiks und die Ärztekammer Niederösterreich will sogar ein Volksbegehren initiieren. Wie wollen Sie den gordischen Knoten lösen?

An einer Stärkung der Primärversorgung führt kein Weg vorbei. Die Bedürfnisse der Patienten haben sich verändert, wir haben andere Krankheitsbilder, die Menschen werden älter, die chronischen Erkrankungen und der Alltag der Menschen haben sich geändert. Aber das Gesundheitssystem hat in den letzten Jahrzehnten mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten. Am Ende des Tages benötigen wir eine Gesundheitsversorgung, auf die sich die Menschen verlassen können. Sie muss wohnortnah, auch zu Tagesrandzeiten verfügbar und es muss auf die heutigen Krankheiten eingestellt sein. Auf der anderen Seite müssen wir die Arbeitsbedingungen für die Gesundheitsberufe attraktiver machen. Die junge Ärzteschaft hat andere Ansprüche an die Arbeitsbedingungen. Sie wollen mehr Work-Life-Balance, in Teams arbeiten und andere Arbeitszeiten. Dieser neuen Anforderung müssen wir auch Rechnung tragen. Das ist auch ein wichtiger Schritt, um einem möglichen Ärztemangel entgegenzuwirken. Trotz des Widerstandes der Ärztekammer denke ich, dass wir nicht sehr weit auseinanderliegen. Aber es gibt natürlich noch offene Punkte. Nach vielen Gesprächsrunden auf politischer und parlamentarischer Ebene sind wir an einem Punkt angelangt, wo ich überzeugt bin, dass wir gemeinsam etwas weiterbringen können.

Ihr Spezialgebiet sind die Impfungen. Wir steuern in Österreich, was die Masernerkrankungen betrifft, auf ein Rekordjahr zu. 20.000 Kinder sind nicht geimpft. Braucht es eine Impfpflicht?

Wir haben seit Jahresanfang 60 Masernfälle. Das sind mehr als doppelt so viele wie 2016. Was ist zu tun? Ein erster Schritt wird sein, dass sämtliche Gesundheitsberufe – von Ärzten über Hebammen, Pfleger bis Sanitäter – geimpft sein müssen. Allein 2017 wurden 15 Prozent der Masernfälle im Krankenhaus akquiriert oder betreffen das Krankenhauspersonal . Das heißt: Wir haben auch im medizinischen Personal niedrige Durchimpfungsraten. Das ist für mich absolut inakzeptabel, weil es eine Frage der Qualität des Gesundheitswesens ist. Hier müssen wir als ersten Schritt die Impflücke schließen und werden bereits nächste Woche mit allen neun Landesgesundheitsreferenten Gespräche führen. Der nächste Schritt ist der elektronische Impfpass. Dadurch verbessert sich die Dokumentation. Der Hausarzt und die Bürger sollen mit dem elektronischen Impfpass ein Erinnerungssystem erhalten, wann welche Impfung aufgefrischt werden muss.

Familienministerin Sophie Karmasin möchte ein Rauchverbot bis 18 gesetzlich verankern. Haben Sie selbst jemals geraucht?

Nie, ich habe es nicht einmal richtig ausprobiert. Nach einer halben Zigarette wusste ich, was ich nicht brauche. Mit der Forderung nach einem Rauchverbot bis 18 hoffen wir, dass wir das Einstiegsalter der Jugendlichen heben. Aber das kann nicht die einzige Maßnahme sein. Wir brauchen Bewusstseins-Kampagnen, um die Jugendlichen zu erreichen.

Sie sind Karrierefrau, haben sich aber nie in einer Frauenorganisation engagiert. Wie wollen Sie als Frauenministerin das Amt anlegen?

Es ist kein ganz neues Gebiet für mich. Jede Frau, die arbeitet, kennt die Hürden, wenn man Beruf und Familie vereinbaren will. Das weiß ich aus persönlicher Erfahrung. Die Herausforderungen lasten noch immer zum Großteil auf der Frau, auch wenn ich in einer privilegierten Situation bin. Es gibt viel zu tun, Frauen verdienen für die gleiche Arbeit immer noch 22 Prozent weniger als Männer. Oder schauen wir uns das Thema Gewalt gegen Frauen an: Jede fünfte Frau in Österreich hat mindestens ein Mal eine Gewalterfahrung gemacht. Angesichts dieser Herausforderungen ist es eine große Verantwortung, Frauenministerin zu sein. Sabine Oberhauser und ich hatten ein sehr intensives Arbeitsverhältnis. Ich sehe es als meine Aufgabe an, die Projekte, die sie auf den Weg gebracht hat, fortzusetzen.

Sie haben bei Ihrer Antrittspressekonferenz gesagt, dass Sie auch den täglichen Spagat leben. Wie schaffen Sie es?

In dem ich sehr wenig Zeit für mich selber habe. Ich schaffe es mit einem Ehemann, der seinen Teil der Arbeit macht. Ohne die Unterstützung meiner Mutter, die mir zum Glück unter die Arme greift, würde ich es auch nicht schaffen. Zusätzlich habe ich gelegentlich eine Kinderbetreuung, weil meine Mutter auch nicht jederzeit einspringen kann. Und ohne Ganztagsschule bis 17 Uhr würde das alles auch nicht klappen.

Leben Sie das Modell "Halbe-Halbe", das die Ex-Frauenministerin Helga Konrad in den 90ern kampagnisierte?

Mein Mann und ich haben beide Berufe, wo der Joballtag nie gleich ausschaut. Das heißt, wir müssen uns jeden Tag individuell abstimmen, wer wann Zeit für die Kinder hat. Oder, wer den Einkauf am Samstag erledigt. Der Alltag muss straff organisiert sein, damit alles klappt. Dieser Weg ist oft herausfordernd.

Als Frauenministerin hat man kaum Geldressourcen. Eigentlich kann man nur Lobbyistin der Frauen sein. Was wollen Sie erreichen?

Ich bin erst wenige Tage Frauenministerin. Aber eines habe ich erkannt, dass es ganz viele Verbündete braucht, um die Anliegen der Frauen zu erreichen. Die Hauptaufgabe sehe ich, dass ich diese Partner an Bord bringe. Frauenpolitik ist Gesellschaftspolitik. Wenn es am Ende den Frauen besser geht, dann geht es auch der Gesellschaft besser. Das ist die Botschaft, die man überzeugend vertreten muss.

War es für Sie immer sonnenklar, dass Sie Karriere machen wollen. Oder gab es irgendwann die Option, sich ausschließlich auf die Rolle der Mutter zu konzentrieren?

Nein. Als mein Mann vier Jahre Botschafter in Israel war, hätte ich die Möglichkeit gehabt, mir dieses Modell anschauen zu können. Noch bevor ich nach Israel umgezogen bin, war für mich klar, dass das für mich persönlich kein Modell ist, mit dem ich glücklich wäre. Drei Monate nach unserer Ankunft habe ich dann eine Assistenzstelle an der Universität in Tel Aviv angenommen.

Ihre Eltern haben Ihre Karriere auch immer unterstützt?

Meine Eltern habe ich nie gefragt (lacht). Meine Mutter war 19 als ich zur Welt kam und steckte damals in der Ausbildung zur Kindergartenpädagogin. Später hat sie dann noch eine Sekretärinnen-Ausbildung absolviert – und war Alleinerzieherin. Aber auch mein Vater war Feminist und hat mit mir als Jugendliche viele Gespräche über Familie und Karriere geführt. Das hat mich sicher geprägt.

Viele Frauen sind gut ausgebildet. Wenn die Kinder auf die Welt kommen, lassen sie sich in die Teilzeitarbeit drängen. Dieses Modell wird aber spätestens, wenn die Kinder erwachsen sind, zum Bumerang. Wie kann man das ändern?

Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, für mich kam keine lange Karenz oder Teilzeit infrage. Ich war nur sechs Monate in Karenz und fragte meine Mutter, ob sie mir hilft. Wir hatten auch Unterstützung durch eine Kinderbetreuung, damals ging ein Großteil des Gehaltes drauf. Ich wollte keine Chancen auf dem Weg liegen lassen. Da gilt es natürlich auch als Frauenministerin Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Frauen ohne familiäres Netzwerk diese Chance haben, um nicht in die Teilzeit gehen zu müssen. Kinderbetreuung ist ein wichtiger Schlüssel.

Gab es Momente, wo es Ihnen schwerfiel, das Kind zu verlassen?

Es fiel mehr schwer, in der Früh die Kinder zu verlassen. Aber abends am Weg nach Hause habe ich mir auch oft gedacht: Schade, dass ich jetzt schon nach Hause gehe. Ich hätte noch so viel zu tun. Das ist die typische Zerrissenheit einer berufstätigen Mutter. Ich habe oft in der Nacht gearbeitet. In der Karenz habe ich in den Schlafphasen meiner Tochter die Habilitation vorbereitet.

Ihre Vornamen lauten Joy Pamela: Waren Ihre Eltern von der 68er-Generation geprägt?

(lacht) Ja, meine Eltern waren stark von den 68ern geprägt. Mein Vater wollte einmal etwas anderes. Es war nicht leicht in den 70ern mit dem Namen Joy Pamela aufzuwachsen. Das Joy habe ich schnell versteckt. Und ich war sehr froh, als in den 80ern die TV-Serie "Dallas" ins Fernsehen kam. Da gab es eine zweite Pamela und die Menschen wussten endlich, dass das wirklich ein Name ist.

Quereinsteigerin Joy Pamela Rendi-Wagner (45) :Bundeskanzler Christian Kern hat sich als Nachfolgerin von Sabine Oberhauser eine ausgewiesene Expertin ins Regierungsteam geholt. Sie hat sich nie in einer SPÖ-Frauenorganisation (erst einen Tag vor Angelobung trat sie der SPÖ bei) engagiert, aber – geprägt durch ihren Vater – ist sie seit ihrer Jugend eine überzeugte Feministin.
Sie ist verheiratet mit dem Diplomaten und jetzigen Kabinettschef von SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda, Michael Rendi, mit dem sie zwei Töchter hat. 1996 promovierte sie an der Medizinischen Universität Wien, 2011 wurde die Sektionschefin und Generaldirektorin für die öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium.

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