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18.12.2016

NMS: "Die Kids suchen geradezu nach Struktur und Grenzen"

© Bild: NMS Pazmanitengasse

Karina Krummeich unterrichtet seit drei Monaten an der NMS Pazmanitengasse. Sie hat die Privatwirtschaft hinter sich gelassen und startet als Junglehrerin und Quereinsteigerin bei Kindern, die besondere Unterstützung brauchen.

Die Lehrer an den heimischen NMS sind besonders gefordert und müssen viele Funktionen gleichzeitig erfüllen - und das bei vergleichsweise niedrigem Gehalt. Dennoch hat sich Karina Krummeich dazu entschieden, ihren alten Job zu verlassen und im Rahmen eines Intensivkurses, den Lehrberuf zu erlernen.

Kurier: Wie ist es dazu gekommen, dass Sie in der NMS in der Pazmanitengasse unterrichten?

Karina Krummeich: Ich hatte nie den Plan, Lehrerin zu werden. Ich wollte aber nach acht Jahren die Privatwirtschaft hinter mir lassen. Die Suche nach mehr Sinn in meiner Arbeit hat mich sehr lange beschäftigt. Meine Liebe zu den verrückten Kids und eine vermutlich recht ideologische Weltansicht haben mich dann zur NGO Teach for Austria gebracht. Die Organisation setzt sich für Bildungsgerechtigkeit ein. Hochschulabsolventen werden rekrutiert, um nach einer Intensivausbildung als Quereinsteiger im Lehrberuf an Neuen Mittelschulen zu starten. Bevorzugt sind diese Junglehrer dann an Schulen im Einsatz, deren Kinder besondere Unterstützung brauchen.

Wie war der Tag vor dem ersten Unterricht?

Ich habe mir viele Gedanken gemacht, ob ich meinen eigenen Ansprüchen innerhalb der Grenzen des Schulsystems genügen kann. Ich bin ja an einer Schule gelandet, die ganz typisch für die aktuellen Auseinandersetzungen ist. Alle reden über die sogenannte Ausländerfrage und Flüchtlinge. Ich verstehe überhaupt nicht, wo das Problem liegt. Es gibt leise, laute, fleißige, langsame, chaotische, ordentliche, österreichische, serbische, türkische, afghanische Kinder. Punkt. In Sachen Schule verstehen sich viele als Experten, aber ich finde, der Umgang mit unseren Kindern ist einer der Indikatoren einer aufgeklärten Gesellschaft.

Welche sind die besonderen Herausforderungen an dieser Schule?

Die Auseinandersetzung mit den Inhalten und Werten verschiedener Kulturen ist sehr komplex. Wobei das vielleicht ein ganz prinzipielles Spannungsverhältnis ist, in dem Lehrer arbeiten müssen. Durch die vielfältigen Herkunftsgeschichten unserer Kinder haben wir es mit einer ganz starken Differenzierung zu tun. Da geht es nicht nur um Nationalitäten. Du möchtest natürlich all deinen Schülern gerecht werden. Wir haben hier wirklich ein starkes Kollegium, das mich toll unterstützt.

Ist der Job anstrengend?

Der Beruf an sich ist nicht zu unterschätzen. Wir haben es mit Kindern zu tun, die oftmals Probleme haben, wenn es um Selbstständigkeit, Durchhaltevermögen oder ganz einfach um Selbstvertrauen geht. Die Kids suchen geradezu nach Struktur und gewissen Grenzen. Einige kennen das von zu Hause kaum. Meine große Herausforderung ist es, ihnen diese Struktur zu geben, ohne restriktive Methoden anzuwenden. Es ist gar nicht so leicht, bei Kindern für Ruhe zu sorgen, die aus Erfahrung nur auf Strenge und einen scharfen Tonfall reagieren. Da braucht es schon einiges mehr. Vor allem aber Zeit.

Wie funktioniert der Eltern-Lehrer-Dialog?

Das ist ein Schauplatz, um den man sich ganz besonders bemühen muss. Ganz grundlegend, weil oft die sprachliche Barriere vorhanden ist. Etwa 90 Prozent unserer Kinder sprechen eine andere Muttersprache als Deutsch. In der Kommunikation mit den Eltern haben wir für solche Fälle aber auch Unterstützung. Etwa eine Arabisch-Lehrerin oder weitere Übersetzer während der Klassen- und Schulforen, wo alle Beteiligten zusammentreffen. Wenn am anderen Ende der Telefonleitung kaum Deutschkenntnisse vorhanden sind, ist es natürlich schon schwierig. Dann versucht man sich durchzuhanteln - mit den Kindern als Übersetzer etwa. In vielen ferneren Ländern ist die Involvierung der Eltern in das Schulwesen nicht erwünscht. Es gibt aber natürlich auch sehr engagierte Eltern.

Wie gehen Sie damit um, dass Kinder mit ganz unterschiedlichen Deutschkenntnissen und Wissen in der gleichen Klasse sitzen?

Kinder, die in Deutsch Schwierigkeiten haben, brauchen bildungssprachliche Fertigkeiten, um auch in den anderen Fächern gut mitzukommen. Sprache lernen bedeutet authentische Lernsituationen herzustellen, den Kids viele Möglichkeiten an aktiver Teilnahme zu bieten. Ich versuche die Kinder auch darin zu bestärken, ihre eigene Muttersprache zu fördern. Wir wissen ja mittlerweile, dass die Erlernung einer Zweitsprache auf Basis einer komplex ausgeprägten Primärspräche basiert und damit gefördert werden kann.

Wo liegen die Toleranzgrenzen der Schule, wenn es um andere Religionen oder Gepflogenheiten geht?

Toleranz geht soweit, sobald die Grenzen des Einzelnen nicht verletzt werden. Die Gewährleistung eines qualitativen Unterrichts ist die oberste Prämisse. Wir bieten an der Schule Religionsunterricht in den verschiedensten Facetten an – für islamische Kinder, für Orthodoxe, für Katholische. Religion ist für viele unserer Kinder ein großes Thema. Ein kleiner Prozentteil der Kinder isst nur Halal. Am Schulbuffet können die Kinder aber natürlich auch vegetarische Speisen als Alternative bekommen. Wenn ich Respekt und Interesse für meine Traditionen einfordere, dann darf ich das auch meinem Gegenüber entgegenbringen. Das kann auch ganz simpel beim gemeinsamen Kochen geschehen. Gerade haben wir eine Reise um die Welt in der Schulküche angedacht. Börek und Apfelstrudel sozusagen.

Gibt es an der NMS Pazmanitengasse so genannte „Flüchtlingsklassen“?

Jene Kinder, die Ihre Heimat verlassen mussten, weil in Ihrem Land Gefahr droht, wurden auf die verschieden Klassen entsprechend ihres Alters aufgeteilt. Kinder lernen in durchwachsenen Gruppen am Besten voneinander. Für diese Kinder gibt es zusätzliche Deutschkurse, um ihnen zu helfen, so schnell wie möglich am normalen Unterricht teilnehmen zu können. Außerdem haben wir eine vierte Klasse, in der sich hauptsächlich Kinder befinden, die erst seit kurzem in Österreich sind.

Sie sind ja erst sehr frisch in dem Beruf. Gab es bisher schon ein einprägsames Erlebnis?

Einprägsam ist für mich die Bestätigung, dass ganz viel über Beziehungsarbeit geschieht. Das ist eine zwischenmenschliche Frage, die dich verbindet und Vertrauen aufbaut. Schüler, die einen begrüßen mit den Worten „Wir haben Sie schon vermisst, Frau Krummeich“. Oder auch ein Brief einer Schülerin, der offenbart, dass Informatik und Englisch jetzt ihre Lieblingsfächer sind. Da geht mir natürlich das Herz auf. Für eine Klasse habe ich ein Monat lang auf Zucker verzichtet – es hat gerade so gut zum Unterricht in Ernährung in Haushalt gepasst. Die stetigen Sorgen meiner Schüler, wie es mir dabei geht, waren entzückend.

Facts zu Teach for Austria

Teach For Austria will die die Schulbildung von Schülern mit schlechten Startbedingungen durch „Fellows“ stärken, die für zwei Jahre als vollwertige Lehrkräfte an Schulen der Sekundarstufe I unterrichten. Jeder Fellow unterrichtet durchschnittlich vier Klassen à 25 Kinder im Alter von 10-15 Jahren, in allen Fächern der Unterstufe. Die Arbeit der Fellows stärke die schulischen Leistungen und die Selbstwirksamkeit der SchülerInnen, was deren Chancen auf gute Lehrplätze oder den Besuch von weiterführenden Schulen steigert. Mit dem Schuljahr 2012/13 starteten die ersten Fellows in Wien und Salzburg. Die Studienhintergründe reichen von Technischer Mathematik und Maschinenbau über Betriebswirtschaft, Veterinärmedizin und Ernährungswissenschaften bis Linguistik oder Soziologie. Die Junglehrer werden von Teach For Austria in einem mehrstufigen Verfahren ausgewählt.