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05.06.2017

Nationalratswahlen 2017: Es geht ums Kanzleramt

Bundeskanzler Christian Kern führt den KURIER durch die Prunkräume der einst Geheimen Staatskanzlei, in der in den Zeiten des Fürsten Klemens Metternich Weltgeschichte geschrieben wurde.

Eigentlich werden im Herbst die Abgeordneten zum Nationalrat gewählt, letztlich geht es aber darum, wer künftig der Hausherr im Palais Metternich sein wird. Kern, Kurz & Strache nehmen den Kampf um das Kanzleramt auf. Der Regierungschef lud den KURIER zu einem Rundgang durch Österreichs Zentrum der Macht und seine wechselvolle Historie.

Es ist keine Übertreibung wenn man sagt, dass am Ballhausplatz Weltgeschichte geschrieben wurde. Vor allem als Staatskanzler Metternich 1814 zum "Wiener Kongress" lud, auf dem nach den napoleonischen Kriegen die Neuordnung Europas geregelt wurde. Vor 300 Jahren errichtet, strahlt die einstige Geheime Staatskanzlei "eine Atmosphäre aus, in der arbeiten zu dürfen ein Privileg ist", sagt Christian Kern, während er uns durch das Barockpalais führt.

Die Atmosphäre im Kreisky-Zimmer

Jeder Kanzler kann sich das Zimmer aussuchen, in dem er arbeiten will. "Das Kreisky-Zimmer ist sicher das eindrucksvollste", meint Kern, "nicht nur weil dort Kreisky und Vranitzky saßen, sondern auch wegen der Täfelung aus österreichischem Nussholz. Ich habe ernsthaft überlegt, diesen Raum wegen seiner einzigartigen Atmosphäre zu beziehen. Aber er erschien mir dann doch sehr düster und der Aufwand, die Bürostrukturen zu ändern, wäre zu groß gewesen."Also regiert der Kanzler wie seine Vorgänger Schüssel, Gusenbauer und Faymann vom Metternich-Zimmer aus. Auf den ersten Blick würde man nicht vermuten, dass Fürst Metternich, der mächtigste Staatsmann seiner Zeit, hier geherrscht hat. Denn die helle, moderne Einrichtung ist ebenso kühl wie zweckmäßig gehalten. "Für Repräsentation ist dieser Raum nicht geeignet", erklärt der Kanzler. "Wenn ich besondere Gäste erwarte, wie etwa Prinz Charles oder Hugo Portisch aus Anlass seines 90. Geburtstags, dann empfange ich sie im Kreisky-Zimmer. Ich bin aber auch stolz, wenn ich ausländischen Gästen das große Porträt der Maria Theresia im Steinsaal zeigen kann."

Attentat auf den Kanzler

Die dramatischste Stunde in der Geschichte des Ballhausplatzes schlug am 25. Juli 1934, als nationalsozialistische Putschisten den Regierungssitz stürmten und Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordeten. Christian Kern führt uns in den Marmorecksalon, in dem die Schüsse auf den damaligen Regierungschef fielen. Kern sieht Dollfuß ambivalent: "Einerseits ist zu respektieren, dass er versucht hat, die Nazibarbarei zu verhindern. Andererseits ist er aus Sicht der Sozialdemokratie eine problematische Figur, weil er ein Wegbereiter der Unterdrückung war und die Demokratie außer Kraft gesetzt hat."

Während ÖVP-Kanzler wie Figl, Raab und Schüssel dort, wo auf Dollfuß geschossen wurde, eine Kerze zum Gedenken entzünden ließen, hat Kern "nicht das Bedürfnis" es ihnen gleichzutun. "Dennoch gilt: Dollfuß ist wie jedes Opfer um eines zu viel."Der Bundeskanzler kennt nicht nur die große Geschichte, sondern auch ein paar kleinere G’schichterln vom Palais Metternich, dessen Winkel und Ecken er selbst – wie Schulklassen, Lehrlinge und andere Gäste – durch eine Führung kennen gelernt hat. "In unmittelbarer Nähe zu meinem Büro liegt der Ministerratssaal mit seinem großen grünen Tisch, an dem die Regierung jeden Dienstag zusammenkommt. In diesem Raum ist die Redewendung vom grünen Tisch entstanden, an dem man sich einigen möge. Ich halte das für eine schöne österreichische Wortschöpfung."

Macht und Intrige?

Von der die Regierung zuletzt nicht allzu großen Gebrauch gemacht hat. Das jüngst erschiene Buch "Die Staatskanzlei" von Manfred Matzka hat den Untertitel "300 Jahre Macht und Intrige am Ballhausplatz". Ist der Untertitel nach einem Jahr Kanzler-Erfahrung gerechtfertigt? Kern will hier "weder Machtrausch noch Intrigen" verspüren. "Die Politik hat sich grundlegend verändert. Ich würde auch die Aufkündigung der Koalition durch den Außenminister nicht als Intrige bezeichnen, sondern als politische Entscheidung, die ich für nicht richtig halte, die aber zu akzeptieren ist."Und noch ein G’schichterl vertraut uns Christian Kern an: "In den Kongresssaal, in dem Metternich mit seinen Staatsgästen aus ganz Europa tagte, führen fünf große Türen, damit alle beim Wiener Kongress anwesenden Herrscher gleichzeitig den Raum betreten konnten. Ich hab mir das angeschaut und festgestellt, dass man durch eine dieser Türen in ein Besenkammerl gelangt." Kern zeigt uns die bewusste Tür, hinter der sich tatsächlich ein winziger Abstellraum befindet. Er kann sich "nicht vorstellen, dass einer der Herrscher würdig aus dem Besenkammerl geschritten ist. Möglicherweise sind mit diesem Gebäude auch einige Mythen verbunden", schmunzelt der Kanzler.

Das Haus atmet Geschichte

Kein Mythos ist, "dass das Haus in jeder Ecke Geschichte atmet". Den Fürsten Metternich sieht Kern als Österreichs "renommiertesten Diplomaten, aber auch als Symbol gegen Aufklärung und Liberalismus. Er hat sich so lange gegen den Gang der Geschichte gewehrt, bis er zurücktreten und das Land fluchtartig verlassen musste". Allerdings sollte man "die Geschichte aus der Zeit heraus sehen und das Einfühlungsvermögen haben, dass man die Dinge nicht allein aus dem Wissen des Jahres 2017 beurteilen kann".

Würde es Kern reizen – wie einst Metternich samt Familie – in diesem Haus auch zu wohnen?"Nein", sagt er und zeigt uns noch ein kleines Privatissimum. Es ist ein Kabinett, das an das Kreisky-Zimmer angrenzt und in dem sich ein schmales Bett und eine Dusche befinden. "Diesen Raum verwende ich, wenn ich in der Früh ins Büro jogge, um danach zu duschen."

Staatskanzler Kaunitz hat vom Ballhausplatz aus bis in sein 82. Lebensjahr regiert, Fürst Metternich saß hier fast 40 und Kreisky 13 Jahre. Christian Kern hat nicht vor, diese Rekorde zu brechen: "Ich habe erlebt, wie die Macht Menschen verändern kann, und glaube, dass es gut ist, sich auch auf andere wichtige Dinge wie die Familie zu konzentrieren. Ich habe daher von Anfang an gesagt, dass zehn Jahre Politik genug sind."

Meint er damit zehn Jahre Politik am Ballhausplatz?

"Ja, das ist der Plan. Zehn Jahre Politik am Ballhausplatz."

Im Palais des Fürsten Klemens Metternich

Das Bundeskanzleramt am Ballhausplatz Nr. 2 wurde in den Jahren 1717 bis 1719 vom Architekten Johann Lukas von Hildebrandt als Hofkanzlei errichtet. 1753 bis 1792 regierte hier Maria Theresias wichtigster Berater, Wenzel Fürst Kaunitz, in dessen Amtszeit das Gebäude bedeutend erweitert wurde.

"Wiener Kongress"

In der Ära des Staatskanzlers Klemens Fürst Metternich (1810 bis 1848) erlebte der Ballhausplatz als Geheime Staatskanzlei seine Blütezeit, vor allem durch den "Wiener Kongress", an dem Staatsmänner und Diplomaten aus 200 Staaten und Regionen teilnahmen. Der Ballhausplatz war aber auch Ausgangspunkt des Metternichschen Polizeistaates.

Seit 1923 Sitz des österreichischen Bundeskanzlers, wurde hier am 25. Juli 1934 der damalige Regierungschef Engelbert Dollfuß von nationalsozialistischen Putschisten erschossen. Nach 1938 residierte Reichsstatthalter Baldur von Schirach am Ballhausplatz.

Am 10. September 1944 wurde das Gebäude durch Bomben schwer beschädigt. Nach dem Wiederaufbau ist es wieder Sitz des Bundeskanzlers, bis 2005 war hier auch das Außenministerium untergebracht.