Politik | Inland
27.06.2017

Naschmarkt: Was hinter dem Antipasti-Boom steckt

Zu teuer, zu eintönig: Der Wiener Naschmarkt steht in der Kritik. Was sind die Ursachen? Eine Video-Spurensuche mit interaktiver Naschmarktkarte.

Die Temperaturen steigen, am Wiener Naschmarkt herrscht Hochbetrieb. Bis zu 66.000 Personen pro Woche besuchen den berühmtesten Markt Österreichs. Ein Wert, von dem viele Händler anderer Märkte der Stadt nur träumen können. Der Naschmarkt ist eine Ikone, eine Sehenswürdigkeit.

Doch seit einiger Zeit ist Unzufriedenheit zu spüren. In den Medien und Internetforen häuft sich die Kritik: Der Naschmarkt sei überteuert. Die Vielfalt der Waren nehme ab, der Handel würde von der Gastronomie verdrängt. Ramsch-Souvenir-Geschäfte machten sich breit. Kurz: der Markt stirbt.

Und was sind die Ursachen? Und ist die Situation wirklich so düster?

Sie stehen mittlerweile symbolisch für alles, was am Markt falsch läuft: Oliven, Antipasti und Trockenfrüchte. Das Angebot ist von Stand zu Stand kaum mehr zu unterscheiden.

Der Grund dafür ist nicht zu übersehen: Untertags drängen Massen von Touristen durch die engen Gassen des Markts. "Hauptsächlich sind unsere Kunden hier Touristen, damit muss man klarkommen", sagt Ibrahim Lashin, dessen Familie drei Delikatessenstände im "hinteren" Teil des Markts in Richtung Kettenbrücke betreibt. "Die Touristen kaufen entweder Süßigkeiten wie Baklava oder Trockenfrüchte, etwas, das schnell zu essen ist", sagt Lashin. Hinzu kommt, dass diese Produkte lange haltbar sind, das Risiko für die Standler ist geringer als etwa im Gemüseverkauf.

Die Kopie der Kopie

Das erklärt, warum es am Naschmarkt bereits drei Souvenir-Geschäfte gibt und warum Trockenfrüchte und Wasabinüsse dominieren – aber nicht, warum alle dasselbe verkaufen. "Am Naschmarkt gibt es das große Problem, dass die Leute zuerst darauf schauen, was der Nachbar macht, und das dann einfach kopieren", sagt der gebürtige Ägypter Mostafa El Hamrawi, der größte Händler von Gewürzen am Markt.

"Die Leute haben einfach keine Ideen, damit schadet man sich selbst und den Nachbarn." El Hamrawi betreibt neben dem "Gewürzeck" auch das Lebensmittelgeschäft "Asia Punkt" und den Süßigkeiten-Shop "Sweet Dreams" im "vorderen" Drittel des Markts nahe dem Karlsplatz. Hier gebe es noch Vielfalt, sagt Hamrawi. Dieser Teil des Markts gilt seit jeher als Anlaufstelle für die betuchtere Klientel.

Tatsächlich ist auch die Antipasti-Dichte im hinteren Teil des Markts höher als im vorderen (siehe Karte unten), seit viele Obst und Gemüse-Händler umgesattelt haben. Mit den Einheimischen alleine konnten sie kein Auslangen mehr finden.

Das Gastro-Dilemma

Die Gastronomie hingegen zieht die Wiener an. Sie ist der mit Abstand lukrativste Geschäftszweig. Am Markt gäbe es nach einhelliger Meinung keine Händler mehr, wenn die Stadt die Gastronomie im Jahr 2006 per Marktordnung nicht auf ein Drittel beschränkt hätte. Damit auch die Händler am Boom mitnaschen können, dürfen sie mit höchstens acht Sitzplätzen auch Gastronomie betreiben. Die Regelung führte dazu, dass gut die Hälfte der Stände heute in irgendeiner Form auch bewirtet. Nicht selten wird der Handel mit Waren hintangestellt.

Der Wiener Naschmarkt-Plan

Die Namen und Sparten der Naschmarktstände, die Warenkategorie und die Aufteilung der Flächen veranschaulicht unser interaktiver KURIER-Naschmarkt-Plan die bisher umfassendste, öffentlich zugängliche Karte des Markts.

Mit Klick auf die jeweilligen Reiter gelangen Sie zu den unterschiedlichen Ansichten: "Markt" für die Gesamtansicht, "Handel" für Händler-Stände und ihre Produkte und "Handel mit Gastro" für jene Händler, die auch die kleine Gastronomie betreiben.

Anmerkung: Bei den Warenkategorien handelt es sich um die augescheinlich überwiegende Warengruppe eines Stands, die Einteilung erhebt keinen Anspruch auf die vollständige Darstellung des Sortiments.
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Ablösen zu hoch?

In der Debatte um die Vielfalt am Markt spielt ein weiterer Aspekt eine Rolle: Die Ablösesummen, die für Naschmarktstände mittlerweile bezahlt werden. Für einen Stand mit 23 Quadratmeter werden schon einmal 220.000 Euro verlangt, wie im vergangenen Mai eine Annonce mit dem Titel "Klein aber fein am Naschmarkt" bewies. Könnte das ebenfalls Auswirkungen auf das Markt-Angebot haben?

"Jetzt ist der Punkt gekommen, wo man sagt, es muss sich etwas radikal ändern", sagt die Grünen-Aktivistin Susanne Jerusalem, die in der Mariahilfer Bezirkspartei für den Naschmarkt zuständig ist. Sie hält die verlangten Ablösen für Naschmarkt-Stände für überhöht. Sie würden in keinem Verhältnis zum erwartbaren Umsatz eines Gemüsestands stehen. Jerusalem vermutet, dass mit Ablösen am Markt auch Spekulation betrieben werde, auf Kosten der Vielfalt.

Tatsächlich gehört der Grund des Naschmarkts und der überwiegende Großteil der Gebäude der Stadt Wien. Wechselt ein Stand den Betreiber, werden in der Regel Ablösen verlangt, doch die Stadt Wien hat das letzte Wort. Jerusalem fordert, dass die Stadt künftige Standbetreiber genauer abklopft und Ablösen einen Riegel vorschiebt.

"Ganz normal"

Am Markt selbst stößt die Idee auf Widerstand: "Das Ablösen von Betrieben gehört ganz normal dazu", sagt etwa Naschmarkt-Urgestein Mario Berber, der in zweiter Generation einen Gemüsestand nahe der Schleifmühlgasse betreibt. "Die Besucheranzahl am Markt ist noch immer die höchste in ganz Wien. Das ist so. Das wirkt sich natürlich auf die Höhe der Ablösen aus." Die Höhe der Ablösen sei gerechtfertig, sagt Berber, weil man auch mit einem kleinen Gemüse-Geschäft einen guten Umsatz erzielen könne. Denn die Mieten sind am Naschmarkt niedrig. "Du gibst einmal viel Geld aus, aber dann hast du das Weitergaberecht und zahlst eine Miete von zehn Euro pro Quadratmeter. Da hast du eigentlich schon gewonnen", sagt Berber.

Der Antipasti-Overkill am Markt gefällt aber auch ihm nicht: "Es geht mir auf die Nerven, dass alle dasselbe verkaufen. Warum machen sie das? Weil es haltbar ist. Ich finde, die Nachbarn sind alle einfallslos. Ich kritisiere das immer wieder. Dass neue Konzepte auf den Markt kommen, passiert selten."

Naschmarkt-Establishment

Abgesehen von den Ablösen ist es für Newcomer auch aus einem anderen Grund schwierig, am Naschmarkt Fuß zu fassen: Naschmarktstände tauchen eher selten auf Immobilienportalen auf.

Wer einen Marktstand aufgibt, fragt in der Regel zuerst die Nachbarn oder Familienmitglieder, ob Interesse an einer Übernahme besteht. Die Stadt Wien hätte zwar ein Mitspracherecht, macht davon allerdings selten Gebrauch. Seit jeher gibt es also richtige Naschmarktfamilien, die mehrere Stände betreiben, sowie enge Verbindungen innerhalb der Markt-Community.

Die größten Familien am Naschmarkt sind heute die Kaikovs (u. a. Tewa, Biowelt, Obsteck), die Dogans (Do-An, Deli, Dogan & Acer) und die Taskins (Asia Time, La Piazetta, Feinschmeck). Die Familie Molcho (Neni) expandierte vom Naschmarkt aus sogar international.

Mehr Regulierung?

Um frischen Wind in den Markt zu bringen, fordert Grün-Aktivistin Jerusalem unter anderem die Auswahl neuer Markständler durch die Stadt und anhand ihrer Konzepte.

Seitens der Stadt will man davon aber nichts wissen. "Die einen lieben den Naschmarkt, die anderen hassen ihn, das wird immer so sein", tut Marktamt-Sprecher Alexander Hengl die Kritik am Markt ab. Man habe 2006 aufgehört, den Standlern vorzuschreiben, was sie zu verkaufen haben. Jetzt regle das der Markt. "Die Kunden bestimmen die Nachfrage", sagt Hengl.

Liberalisierung oder Regulierung: die Frage, wie es mit dem Naschmarkt weitergehen soll, ist auch eine weltanschauliche.

"Früher war der Markt tot"

Man kann die Situation des Naschmarkts aber auch anders sehen, nicht als einmalige Krise, sondern als natürliche Entwicklung in einem ewigen Auf und Ab. "Einen Gemüsestand zu haben, war immer schon schwer", sagt der Gemüsehändler und Naschmarkt-Legende Karl Kuczera. "Wenn die Leute nicht mehr kommen und nichts mehr kaufen, dann wird sich der Standler eben etwas anderes suchen und der Markt wird sich verändern."

1974 eröffneten die Kuczeras ihren Stand und gehören damit zu den ältesten Mietern am Naschmarkt. "Damals war der Markt tot, viele Stände standen leer" , sagt Kuczera. "Aber auf einmal hat es sich mit den Gastarbeiter-Kunden wieder belebt. Dann kamen die Ungarn und die Rumänen als Kunden, dann kam der Flohmarkt am Samstag." Heute sind es Touristen, denen sich der Handel anpasst. Aber immerhin: "Auch die Gastronomie bringt wieder Leute auf den Markt."

Morgen auf kurier.at: Wie teuer ist der Naschmarkt wirklich? Wir haben die Gemüsepreise am Markt mit jenen der Supermärkten verglichen mit einem überraschenden Ergebnis.

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