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Hofburg
05/24/2016

"Das Land ist nicht gespalten, es ist bunt"

So knapp der Sieg von Van der Bellen auch ist: Wahl-Analysten sehen noch lange keine Spaltung der Gesellschaft, sondern Brüche – und einen Aufbruch zu mehr Buntheit.

von Christian Böhmer

Ist es ein Spalt, ein Riss – oder gar ein tiefer Graben?

Wie genau man Österreichs Zustand nach der knappsten Hofburg-Wahl aller Zeiten beschreiben soll, darüber waren sich Beobachter am Tag der Entscheidung nicht wirklich einig.

Am vermeintlichen Faktum, dass die Bevölkerung gespalten und zerstritten sein soll, daran gab es insbesondere für ausländische Beobachter aber kaum einen Zweifel. – Wie sonst sollte man erklären, dass ein Rennen zwischen den Antipoden des politischen Systems fast exakt 50 zu 50 ausgeht?

So verständlich es auch ist, das "arschknappe" (© Van der Bellen) Rennen zwischen Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer als gesellschaftliche Spaltung zu beschreiben, so verkürzt, ja gefährlich kann das sein.

Denn namhafte Experten sind fast einhellig der Meinung, dass es weder historische, soziale oder politikwissenschaftliche Argumente dafür gibt, von einer tiefen Spaltung des Landes zu reden. Das Gegenteil ist der Fall – und dafür gibt es folgende Argumente:

Eine Hofburg-Wahl ist eben keine Parlamentswahl

"Bei der Wahl des Bundespräsidenten geht es de facto ausschließlich darum, ob man einer bestimmten Person vertraut oder nicht vertraut", sagt der Politik-Berater und frühere Kanzler-Sprecher Josef Kalina zum KURIER.

Eine Wahl, bei der nur zwei Personen antreten, heranzuziehen, um auf die Befindlichkeit und anhaltende Strömungen in der Gesellschaft zu schließen, hält Kalina für falsch – zumal die aktuelle Präsidentenwahl stark von Ablehnungs-Faktoren dominiert war.

Kalina: "Das stärkste Wahl-Motiv der Van-der-Bellen-Wähler war schlicht und ergreifend, Hofer zu verhindern. Umgekehrt konnten sich auch viele Hofer-Wähler nicht vorstellen, einen Grünen zu küren. Bei der nächsten Wahl könnten beide Wählergruppen wieder völlig anders entscheiden. Um die Demokratie an sich muss man sich deshalb aber längst keine Sorgen machen."

Für ein gespaltenes Österreich gibt es historisch weitaus eindringlichere Vorbilder

"Wenn man von einer echten Spaltung der Gesellschaft sprechen will, dann sollte man sich die 1930er-Jahre in Erinnerung rufen", sagt Politikwissenschafter Anton Pelinka. "Damals hielten sich Parteien noch Privatarmeen und fungierten als Ersatz-Kirchen. Das heißt, sie haben konsequent in den Kategorien Gut/Böse und Schwarz/Weiß argumentiert, und für sich in Anspruch genommen, absolute Wahrheiten zu verkünden. Davon kann heute nicht ansatzweise die Rede sein."

Meinungsforscher Peter Hajek bringt noch ein anderes historisches Argument, warum man das Wahlergebnis mit Gelassenheit betrachten sollte: "In den 60er- und 70er-Jahren war das Land auf allen politischen und den meisten gesellschaftlichen Ebenen zwischen SPÖ und ÖVP aufgeteilt. Die Polarisierung war damals nachweislich gegeben bzw. anders gesagt: Wenn Österreich heute polarisiert sein sollte, dann haben wir diese Polarisierung, seitdem es beide Parteien gibt – also seit rund 70 Jahren."

Das politische System ist nicht zerrissen, es ist bunt

"Ein Blick in den Nationalrat zeigt: Das Land ist nicht zerrissen, sondern es ist bunt – so bunt wie nie zuvor", sagt Politikwissenschafter Pelinka. Tatsächlich finden sich im Nationalrat derzeit sechs verschiedene Parlamentsparteien – so viele wie noch nie in der Zweiten Republik. Experten sprechen von einer "Ausdifferenzierung" der Politik, sprich: Die Bedürfnisse der Menschen werden zunehmend unterschiedlicher – entsprechend muss es mehrere Parteien geben, um diese Wünsche und Bedürfnisse abzudecken.

Österreich ist nicht gespalten, aber voller Brüche

Wer sich die Wahlergebnisse im Detail ansieht, der erkennt, dass die Gesellschaft nicht in Klassen oder Lager gespalten ist, dass es aber offenkundig einige Brüche gibt. Ein Beispiel sind die Wahl-Motive der Van-der-Bellen-Unterstützer: Selbst ausgewiesene (Christ-)Konservative wählten den früheren Grünen-Chef, weil dieser die europäische Integration propagiert, während Hofer der EU skeptisch bis vorsichtig ablehnend gegenübersteht.

Ein anderer Bruch ist, dass sich männliche Wähler von Politikern wie Norbert Hofer eher vertreten fühlen als vom professoralen Alexander Van der Bellen. "Es gibt Brüche und Spannungen in der Gesellschaft", sagt Anton Pelinka. "Daraus eine Spaltung abzuleiten, wäre aber überzogen."

Polit-Puppen: Politikerpaar im Prater

Über Nacht ließ KURIER-Mitarbeiter Thomas Ettl Puppen der Stichwahl-Kandidaten anfertigen (siehe Bild), am Wochenende kommen beide auf eine Bühne. Ettl ist Spielleiter des "Praterkasperls". Und weil politisches Theater offenkundig ankommt, soll es ab Sonntag regelmäßige Vorstellungen mit Politiker-Puppen geben. Details: www.praterkasperl.com

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