Politik | Inland
11.05.2017

Wie die ÖVP ihre Chefs absägt

Von Figl bis Mitterlehner. Bei fast jedem Abgang waren Intrigen im Spiel.

Nein, einen würdevollen Abgang gönnt diese Partei ihren Obmännern nicht. Reinhold Mitterlehner war der 16. ÖVP-Chef, womit die Schwarzen seit 1945 fast doppelt so viele Obleute verbrauchten wie die Roten (deren Chef Christian Kern erst die Nr. 9 ist). Kaum ein Schwarzer ging freiwillig, meist waren interne Intrigen im Spiel.Staatsmänner wie Figl und Raab zählen zu den Gründern der Republik und haben den Wiederaufbau des Landes mitermöglicht. Aber auch sie wurden von der eigenen Partei eiskalt abserviert.

Figls Entmachtung

Leopold Figl wurde 1945 ÖVP-Chef, er war der erste Bundeskanzler und beliebteste Politiker des Landes, und doch wurde auch er hinterrücks durch einen parteiinternen Putsch entmachtet. Zuerst warf man ihm vor, der SPÖ gegenüber zu kompromissbereit zu sein, dann verzieh man ihm nicht, dass der Sozialist Theodor Körner 1951 Bundespräsident wurde. Figl wurde durch seinen besten Freund Julius Raab 1952 als Parteichef und nach wilden Intrigen auch als Bundeskanzler abgelöst.

Auch Raab muss gehenRaab erging es nicht besser. In seine Regierungszeit fallen Wirtschaftswunder, Vollbeschäftigung und Staatsvertrag, und doch wurde auch er brutal aus allen Ämtern gedrängt. Das Muster wiederholte sich: 1957 war ihm die Partei gram, dass schon wieder ein Roter, diesmal Adolf Schärf, Bundespräsiden wurde. ÖVP-Granden forderten einen "neuen, dynamischen Parteiobmann", ohne jedoch über einen geeigneten zu verfügen. So wurde der farblose Alfons Gorbach Parteichef und Kanzler. An seinem Sessel sägten die Partei-"Freunde" fast vom ersten Tag an, sodass auch er 1963 den Hut nehmen musste.

Allerdings spielten sich die damaligen Hinrichtungen auf anderem Niveau ab: Die ÖVP hatte in den 1950er- und 60er-Jahren doppelt so viele Wähler wie heute und war bei jeder Bundeswahl die mandatsstärkste Partei.

Josef Klaus, der Gorbach folgte, bescherte seiner Partei den größten Triumph und die größte Niederlage: 1966 schaffte er erstmals in der Zweiten Republik die absolute Mehrheit, dafür rutschte die ÖVP vier Jahre später hinter Bruno Kreisky auf Platz 2.

Brutale Intrigen

Klaus ging von sich aus. Dafür verliefen die VP-Obmann-Intrigenspiele in 13 Kreisky-Jahren besonders brutal. Auf Josef Klaus folgte Hermann Withalm, der nach nur einem Jahr das Handtuch warf, als Kreisky 1971 die absolute Mehrheit erreichte.Nun kam Karl Schleinzer, dem die parteiinterne Kritik durch ein tragisches Schicksal erspart blieb: Er starb 1975 bei einem Autounfall.Sein Nachfolger Josef Taus verlor zwei Mal gegen Kreisky – und hätte dennoch Parteichef bleiben sollen. Er knüpfte dies jedoch an die Bedingung, die ÖVP-Bünde – Wirtschaftsbund, ÖAAB und Bauernbund – zu entmachten, da deren Intrigen immer wieder zu Turbulenzen in der Partei führten. Die Bünde lehnten ab, und Taus musste gehen. Ihm folgte 1979 Alois Mock als Parteichef, der den Abwärtstrend der ÖVP stoppte und SP-Chef Bruno Kreisky 1983 die "Absolute" nahm.

Doch der neue rote Kanzler Fred Sinowatz bildete die Regierung mit Norbert Stegers FPÖ, die 1986 von Franz Vranitzky nach dem "Haider-Putsch" beendet wurde. Die ÖVP kam wieder in die Regierung, in der sich Außenminister Mock als "Vater des EU-Beitritts" Verdienste erwarb. Da er aber nicht Vranitzkys Popularität erreichte, war’s – wie so oft – die steirische ÖVP, die den Bundesobmann 1989 drängte, "freiwillig" nicht mehr zu kandidieren.

"Wunderwutzi"Als neuer "Wunderwutzi" wurde Josef Riegler an die Parteispitze gehievt, der ein Jahr später gegen Vranitzky die Nationalratswahlen verlor. Riegler trat – oder wurde vielmehr zurückgetreten.Sein Nachfolger Erhard Busek blieb bei den Wahlen im Oktober 1994 glücklos, womit sein Ende besiegelt war. Der neue Parteichef Wolfgang Schüssel wollte 1999 als Drittstärkster in die Opposition – und wurde mit Jörg Haiders Hilfe Kanzler.

Schüssel errang bei den Wahlen 2002 mehr als 42 Prozent und damit einen der größten Wahlerfolge der Parteigeschichte. Vier Jahre später drehte sich der Spieß um und SP-Obmann Gusenbauer stellte den Kanzler. Schüssel machte Wilhelm Molterer Platz, der nach nur eineinhalb Jahren mit den Worten "Es reicht" die Koalition mit der SPÖ platzen ließ. Aber "es reichte" bei den Wahlen nur zum Debakel für die ÖVP, worauf Molterer von sich aus ging, um dem traditionellen Abstrafen des Parteichefs zuvorzukommen.

"Nie wieder Intrigen"

Sein Nachfolger Josef Pröll legte den Vorsitz nach drei Jahren aus gesundheitlichen Gründen zurück. Michael Spindelegger ging 2014 nach drei Jahren. "Wegen parteiinterner Kritik", wie er sagte. Wie immer schwor man sich in den Reihen der ÖVP, dass ein solcher Abgang "nie wieder" vorkommen dürfte.Bis dann eben Reinhold Mitterlehner Adieu sagte.