Politik | Inland
10.08.2017

Bergdoktor ade, willkommen im PHC

Warum fehlen am Land die Hausärzte? Sind die neuen Ärztezentren ("PHC") die Lösung?

Ein Wellness-Spa ist direkt im Ort, als Ausflugsziel locken rundum Ruinen, Schlösser und romantische Kellergassen: Laa an der Thaya ist wahrlich großartig – für einen Urlaub, für ein paar Tage Erholung.

Doch die Vorstellung hier zu arbeiten, oder genauer: hier als Landarzt zu arbeiten, reizt nur Wenige.

Wie sonst ist es zu erklären, dass eine Landarzt-Stelle im Ort unglaubliche 20 Mal ausgeschrieben werden musste, ehe sich eine ungarische Medizinerin fand, um die Ordination zu übernehmen? "Wir sind an der Peripherie und junge Mediziner wollen heute eben nicht mehr von Montag bis Sonntag arbeiten. Die Work-Life-Balance ist ihnen wichtig", sagt Brigitte Ribisch zum KURIER.

Ribisch ist seit drei Jahren Bürgermeisterin in Laa/Thaya. Und ihr Schicksal – nämlich händeringend nach Ärzten für die Bevölkerung zu suchen – teilen außerhalb der Ballungsgebiete immer mehr Amtskollegen.

Binnen weniger Jahrzehnte wurde der finanziell wie gesellschaftlich attraktive Beruf des Landarztes und Bergdoktors fast schon uninteressant; insbesondere in Oberösterreich und der Steiermark fehlen Allgemeinmediziner (Grafik).

Wohl auch deshalb hat vor wenigen Tagen Gesundheitsministerin Pamela Rendi-Wagner daran erinnert, dass ihr Ressort 200 Millionen Euro für eine "Gründungsinitiative" reserviert.

Konkret will die Ressortchefin mit der Initiative dafür sorgen, dass bis 2021 in ganz Österreich zumindest 75 "Primärversorgungseinheiten", kurz PHC (Primary Healthcare Center), entstehen.

Hinter dem gewöhnungsbedürftigen Namen verbergen sich Gruppen-Praxen, in denen Allgemein- und Fachärzte mit Experten wie Psychologen oder Sozialarbeitern zusammenarbeiten.

Einer der Vorteile für die Patienten: Im Vergleich zu Einzel-Ordinationen sind die Öffnungszeiten in den PHC deutlich großzügiger.

Völliger Humbug

Die Freiheitlichen und einzelne Ärztekämmerer sehen in den PHC das endgültige Aus der Landärzte.

"Völliger Humbug", sagte gestern dazu Ressortchefin Rendi-Wagner. Die Hausärzte sollten und würden in den Zentren weiter ihren Job machen – nur eben im Team.

Aber ist dem so? Sind die PHC die richtige Antwort auf die Bedürfnisse von Hausärzten und Patienten?

Wer wissen will, wie es um die Versorgung mit ärztlichem Nachwuchs steht, der ist bei Leo Chini gut aufgehoben. Chini ist Leiter des Forschungsinstitutes für Freie Berufe an der Wirtschaftsuniversität Wien, und er sieht eine "dramatische Situation" am Horizont.

"Wir verlieren in den Jahren 2018 bis 2020 allein in Wien 600 Allgemeinmediziner in die Pension. Diesem Abgang stehen derzeit rund 350 ausgebildete Jung-Ärzte gegenüber – die Nachwuchslücke beträgt also mehr als 50 Prozent", sagt Chini zum KURIER.

Dem nicht genug, würden junge Ärzte nach dem Studium in einem steigenden Ausmaß ins benachbarte Ausland gehen. "Nur 75 Prozent der Medizin-Studenten sind Inländer". Und für acht von zehn Jung-Medizinern ist der Beruf des Allgemeinmediziners im Vergleich zum Facharzt ohnehin keine Option mehr.

Die Konsequenz ist für Chini klar: "Wenn man zu wenige angehende Allgemein-Mediziner hat und gleichzeitig von einer wachsenden Bevölkerungszahl ausgeht, muss man seine medizinischen Kräfte konzentrieren."

Sind die PHC also nur die Konsequenz dessen, dass Österreich zu spät und/oder zu wenig für den Nachwuchs bei Hausärzten bzw. Allgemeinmedizinern getan hat? Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer will diese These so nicht unterschreiben. "Der immer erreichbare Landarzt, der als Einzelkämpfer eine Praxis führt und ganze Landstriche versorgt, ist ein Berufsbild, das schon seit vielen Jahren überholt ist", sagt Pichlbauer zum KURIER.

Moderne Medizin funktioniere heute anders, ganzheitlicher. "Um Qualität in die Versorgung der Menschen zu bringen, müssen andere Gesundheits- und Sozialberufe – Krankenschwestern, Therapeuten, Sozialarbeiter – in die Betreuung mit einbezogen werden." Insofern seien die neuen Ärzte-Zentren sinnvoll. Und: Der Einzelne erspare sich bisweilen leidliche Tätigkeiten. Pichlbauer: "In Ärztezentren werden Aufgaben wie die Buchhaltung zentral erledigt. Für den Arzt bedeutet das: Er kann sich auf das konzentrieren, wofür er ursprünglich ausgebildet wurde, nämlich: die Behandlung von Patienten."