Der Eintritt in das ehemalige Konzentrationslager ist Ausgangspunkt für intensive Aufklärungsarbeit.

© /Johanna Hager

Mauthausen
05/03/2015

Zwischen Steinbruch, Schnitzel und Schandmal

Am 5. Mai 1945 machten US-Truppen den Leiden der KZ-Häftlinge vorerst ein Ende. Gebrandmarkt war fortan der Ort, lange Zeit "Sondermülldeponie des österreichischen Nationalsozialismus", meint der Bürgermeister. Die Momentaufnahme 70 Jahre danach.

von Johanna Hager, Bernhard Hanisch

Gänseblümchen nehmen sich wichtig im satten Grün. Der Lieblichkeit werden von Mauern Grenzen gesetzt. Blau strahlend beleuchtet ist ein Szenario, das eigentlich absolute Stille fordert. Ein kleines Mädchen hält davon nichts, tritt plärrend gegen das eiserne Tor. Kein Ordnungsruf, nervtötendes Scheppern begleitet innere Widersprüche. Nachsehen und aufkeimende Wut. Helles Jetzt und tiefschwarzes Gestern. Leben und Sterben.

Die Beklemmung kommt, die Ratlosigkeit im Schlepptau. Wer hier, auf dem Platz der ehemaligen Quarantänebaracken steht, hat – auf einer Tafel nachlesbar – 10.085 Tote unter sich. Wo heute nicht unweit 4894 Menschen leben, starben vor 70 Jahren über 100.000. Erschlagen. Erschossen. Ermordet. Vergast. Verhungert. Vernichtet.
19. April, 2015 – Mauthausen taucht in den Postkartenkitsch. Und morgen ist der "Geburtstag des Führers", als solcher an heimischen Stammtischen noch immer zu oft mit Ehrfurcht erwähnt, denn verdammt. Vergangen sind sieben Jahrzehnte der ständigen Konfrontation, Verdrängung und Aufarbeitung. Wenige Meter unter dem Konzentrationslager, in dem von 1938 bis 1945 "schwer belastete, unverbesserliche (...) kaum erziehbare Schutzhäftlinge" vegetierten, sitzen Sonntagsausflügler in der Sonne. Most und Jause im Frellerhof. Die Homepage lädt dazu ein, dort den Alltag hinter sich zu lassen. Mit Blick auf die Gedenkstätte ist dies schwer vorstellbar und doch sichtbar. Beobachtbar. Mauthausens Bevölkerung akzeptiert ihrer Geschichte. Muss sie auch. Allerdings, von Urlaubsbekanntschaften nach der Herkunft befragt, kommt man aber weiterhin lieber "aus der Nähe von Linz". Schamgefühle? Auch. Häufigste Antwort: "Wir wollen den Vorwurf nicht mehr hören, wie man hier überhaupt leben kann."

Bekannt berüchtigt

Surreal, skurril, bisweilen pervers kann die Situation anmuten. Für Fremde. Für jene Menschen, die Mauthausen nur aus Geschichtsbüchern kennen. Die nur wissen, dass einzig dieses Konzentrationslager im Dritten Reich der Stufe III zugeordnet war, dass Häftlingslisten fast lückenlos mit der Aufforderung "Rückkehr unerwünscht" in den Akten Vermerk fanden. Horror dieser Qualität stigmatisiert, prägt auf ewig. Und macht bekannt und berüchtigt. 70 Jahre danach ist ein TV-Team aus Peking angereist. Um sich ein bewegtes Bild von der Gegenwart zu machen. Welches genau? Höfliches Grinsen, der Mann mit dem Mikro versteht nur chinesisch.

Überall Stacheldraht, einst mit 380 Volt geladen. Das Unmenschliche gerät in die Gefangenschaft menschlicher Vorstellungskraft. Gaskammer und Genickschussecke zeugen von industrieller Vernichtung.

Faszinierend

Die kühle Berechnung der Massenmörder überfordert heute vor allem junge Menschen. Dennoch, oder gerade deshalb üben die Hinrichtungsstätten Faszination aus. "14-jährige Schüler wollen zuerst die Gaskammer sehen. Ich zeig‘ sie ihnen. Und hole sie dann dort ab", sagt Mauthausens Bürgermeister Thomas Punkenhofer. Der 40-Jährige geht offensiv an das Thema heran. "Abholen", das bedeutet für ihn, in der Mittelschule Vorbereitungsworkshops zu leiten, Aufklärung zu leisten. "Wir vermitteln eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte Mauthausens von 1938 bis 1945. Und vor allem muss das System begriffen werden, das dahinter lag. Unglaublich, wie groß das Unwissen darüber manchmal ist.".

Bemüht und modern wird daher Aufklärung betrieben. Demnächst begleiten 100 Guides, die großteils aus der Bewusstseinsregion (der Begriff wurde gemeinsam mit den Nachbargemeinden der ehemaligen Außenlager Gusen und St. Georgen gewählt) stammen, Touristen in Kleingruppen durch das weitläufige Areal. Ohne typisches Fremden-Führer-Verhältnis. "Wir suchen das Gespräch, gehen auf jeden Einzelnen ein", erklärt Gudrun Blohberger, pädagogische Leiterin der Gedenkstätte. Als "Schutzimpfung" gegen Anfälle von Nazibewunderung, wie Ex-Innenminister Ernst Strasser noch vor Jahren glaubte, tauge ein Besuch des Konzentrationslagers allerdings nicht. Im Schnitt kommen jährlich 180.000. Gratis ist der Eintritt.

Gegensätzlich

Erschreckende Wirkung tut der Zynismus, der auf Schildern verewigt, in den als Idylle getarnten Steinbruch am Fuße des Konzentrationslagers führt. "Wiener Graben", "Todesstiege", "Fallschirmspringerwand." Unten, inmitten der Wiesenfläche, genügt eine brennende Kerze, um flüchtenden Gedanken den Weg zu verstellen.

Ausgang. Zwei aufgemotzte, schwarze BMW üben sportliches Einparken auf Schotter. Alltag. Ein Schild lädt ein: in 200 Metern täglich warme Küche in der Kreuzmühle von 11 bis 15 Uhr. Heute Schnitzel, Seelachs und Spätzle. Der Wirt weiß, dass er auch vom KZ-Tourismus lebt, stellt fast entschuldigend fest: "Die Leute wollen schließlich auch was zu essen." Kein Widerspruch.

Radfahrer vor den Cafés am Heindlkai trinken Bier. Zu eng anliegende Trikots lassen vermuten, dass dies wohl öfters geschieht. Es könnte an irgendeinem Donauufer sein. Gäbe es den Wegweiser nicht: Zur Gedenkstätte. "Bei uns ist nichts ganz klar schwarz oder weiß. Bei uns ist eigentlich alles grau", sagt der Bürgermeister von Mauthausen, obwohl die Sonne noch immer ihr Bestes gibt. Man weiß, wie er es meint.

Hinweis: In einer früheren Version dieser Reportage wurde fälschlicherweise erwähnt, dass die Gedenkstätte Mauthausen am 20.April geschlossen sei. Die Gedenkstätte hat vom 11.07. - 31.10. von Dienstag bis Sonntag, geöffnet und ist demgemäß am Montag geschlossen. Wir bitten dies zu entschuldigen.

Weltbekannt - wie Auschwitz und Dachau

Thomas Punkenhofer (SP) ist seit acht Jahren Bürgermeister der Marktgemeinde Mauthausen (4894 Einwohner). War erst 32, als er dieses verantwortungsvolle Amt übernahm. Er tut dies ohne Tabus, tritt kritisch auf gegen all jene, die zum Vergessen neigen, ist Guide in der Gedenkstätte, arbeitet intensiv am Image des Ortes: "Kein Mauthausener Bewohner soll sich mehr schämen müssen, seinen Herkunftsort zu nennen."

KURIER: Was bedeutet es, Bürgermeister von Mauthausen zu sein?

Thomas Punkenhofer: Ich bin hier aufgewachsen, 200 Meter Luftlinie vom KZ entfernt. Für Außenstehende mag es komisch klingen, aber die Gedenkstätte ist Teil meines Lebens. Und als Bewohner eines solch stigmatisierten Ortes sollte es selbstverständlich sein, sich mit der Geschichte intensiv zu befassen. Ich beschäftige mich mit Dingen wie jeder andere Bürgermeister. Also auch mit dem wackeligen Kanaldeckel. Die Gedenkstätte steht ohnehin im Fokus. Die zusätzliche Herausforderung besteht darin, dass Mauthausen weltweit bekannt ist. Wie Auschwitz und Dachau.

Und wie gehen die Menschen damit um?

Alle sind einbezogen. Es gibt einen Teil, der sagt, wir wollen damit nichts mehr zu tun haben. Viele Bewohner aus Mauthausen waren noch nie in der Gedenkstätte. Andere wiederum sind stark interessiert an der Aufarbeitung. Und zwar aus allen Altersklassen.

Die noch nicht beendet ist ...

Einige Ältere sagen noch immer, sie hätten damals von all dem nichts gewusst. Wer so etwas behauptet, spricht die Unwahrheit. Mauthausen war kein Opfer des Nationalsozialismus. Die Leute waren mehr oder weniger Nazis wie im restlichen Österreich auch. Sie haben ein Geschäft gesehen. Viele Landwirte wurden mit der KZ-Versorgung reich, die Gastronomie durch die Präsenz der SS.

Ist es naiv anzunehmen, Mauthausens Bewohner seien von höherer Sensibilität geprägt, beispielsweise weniger ausländerfeindlich?

Wir sind keine Insel der Seligen. Unsere politische Gegenseite, ich nenn’ sie FPÖ, ist es, die Angst schürt, immer nur auf den Bauch abzielt. Ein mächtiger Gegner. Bauch gegen Hirn, da tut sich das Hirn schwer. Ich möchte mir nicht ausmalen, sollte das offizielle Mauthausen nach der Gemeinderatswahl von einem blauen Vizebürgermeister vertreten werden, der im Gemeinderat gegen die Durchführung einer Gedenkveranstaltung stimmt .

Erhöht das Ihren Frust?

Nein. Das stachelt an. Zu noch mehr Aufklärungsarbeit. Seit zehn Jahren gibt es eine gemeinsame Veranstaltung unserer Gemeinde und örtlichen Gedenkinitiative. Bezeichnend für dieses Land, dass wir das in 60 Jahren nicht geschafft haben. Lange wurde die Gedenkstätte als Restmülldeponie des österreichischen Nationalsozialismus verwendet. Man hat alles hierher abgeschoben, wir haben es über den Hügel geschoben, aber jahrelang hat sich niemand damit beschäftigt.

Was ist Ihr Ziel?

Ich wünsche mir, dass sich hier in zwei Jahren ein Symposium etabliert, wo Menschenrechte und Zivilcourage Themen sind. Bis zur Frage, was verdammt noch einmal macht Europa falsch, dass 1000 Menschen im Mittelmeer ersaufen müssen. In fünf Jahren soll es die Infrastruktur geben, die einer angesehenen Bildungsstätte entspricht. Bisher gibt es nicht einmal ein öffentliches Verkehrsmittel zur Gedenkstätte. Klingt weltverbesserisch. Aber Mauthausen steht für die schrecklichsten Verbrechen der Menschheit. Die Chance, um Positives zu bewegen.

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