Politik | Inland
18.02.2018

Margarete Schramböck: Die Mitternachtsgärtnerin

Die ÖVP-Ministerin gönnt sich oft eine digitale Auszeit und gartelt zu unüblichen Zeiten.

Margarete Schramböck geht durch den Wald, und etwas ist anders. Sie trägt feste Schuhe, eine Wanderhose, eine hellblaue, wetterfeste Jacke. Aber das legere Outfit ist es nicht.

Seit die ÖVP-Wirtschaftsministerin vom Auto am Straßenrand in den Waldweg abgebogen ist, spielt die Welt der Digitalisierung für sie keine Rolle mehr. Kein Handy, keine Mails ("Es gab Zeiten, wo ich 150 Mails pro Stunde bekam."), kein iPad. Fast könnte man meinen, die ehemalige A1-Telekom-Vorstandschefin ist auf der bewussten Suche nach der Langsamkeit. Ihre Karriere hat die Tirolerin am Daten-Highway hingelegt. Spätabends greift die Ex-Spitzenmanagerin lieber zu Werkzeugen wie Zange, Spaten, Blumenkralle – und zur Taschenlampe. "Nachts schauen mein Mann und ich, was im Garten los ist, denn am Tag ist keine Zeit dafür."

Bei ihren nächtlichen Garten-Sessions wird kontrolliert, wie sich die Grünoase, wo Schramböck jede Pflanze selbst gesetzt hat, entwickelt. Unkraut wird entfernt, Sträucher und Blumen werden nachgeschnitten. Es ist ein wildromantischer Garten. Zwischen den Blumen wächst Gemüse. Hortensien dominieren. "Wenn ich frei habe, bin ich viel in Gärtnereien unterwegs und packe mein Auto voll mit Pflanzen, die ich dann selbst eingrabe", erzählt sie.

In Schramböcks Garten duftet es nach zahlreichen Kräutern, damit vor allem Bienen und Hummeln angezogen werden. "Die Hummel ist mein Lieblingstier."

Mut für die erste Reihe

Warum ausgerechnet die Hummel? Die Wirtschaftsministerin schätzt die Eigenschaften der Hummel. "Geht es nach ihrem Körperbau, dann könnte sie eigentlich nicht fliegen. Sie kann es aber trotzdem", erklärt die Karrierefrau, die auch immer Grenzen überwand. Außerdem besticht die Hummel durch "ihren Fleiß" und weil sie "sehr mutig ist. Sie kann auch eine Maus in die Flucht schlagen".

Schramböck entpuppt sich als eine Hummel-Flüsterin, traut sie sich doch, die Hummel auch zu streicheln. "Wenn sie am Lavendel sitzen, kann man sie berühren. Mag die Hummel es nicht mehr, dann hebt sie als Drohgebärde die Beine."

Apropos Mut – sollten die Frauen furchtloser sein, damit es mehr bis in die Vorstandsetage der größten Unternehmen schaffen?"Ohne Mut klappt es nicht. Man muss sich Dinge auch zutrauen, einfach ausprobieren. Denn im Prinzip kann ja nichts passieren", so Schramböcks Karrieredevise. Die Wirtschaftsministerin habe im Berufsleben oft "hier geschrien". Niemals hielten sie typische weibliche Selbstzweifel zurück, "in die erste Reihe zu gehen".

An der Spitze konnte sich Schramböck mehrfach behaupten. Vor ihrem Engagement bei der Telekom sammelte sie Erfahrungen in Führungsfunktionen bei Alcatel, NextiraOne und Dimension Data Austria. Mit dem ersten echten Karriereknick war die Tirolerin erst 2017 konfrontiert. Den Dauerstreit mit Konzernchef Alejandro Plater, der Vertreter des mexikanischen A1-Mehrheitseigentümers America Movil ist, konnte sie nicht gewinnen.

"Authentisch sein"

Nur zwei Tage nach der Nationalratswahl nahm sie als A1-Chefin ihren Hut. Wenn die Chemie im Job nicht mehr passt, dann zeigen "Frauen weniger die Bereitschaft, Kompromisse einzugehen", analysiert Schramböck. Sie sind eben keine Sesselkleber, nur um den Status zu bewahren. "Ich möchte authentisch sein in dem, was ich mache. Das passt jetzt wieder als Wirtschaftsministerin."

Authentisch sein, das bedeutet bei der leistungsorientierten 47-Jährigen "direkt Dinge anzusprechen" und "Spaß daran zu haben, mit Mitarbeitern zu arbeiten". Früher konnte man "Kraft einer Funktion etwas durchsetzen", meint die Ex-Managerin, aber "das funktioniert heute nicht mehr, weil es die Mitarbeiter nicht mehr akzeptieren." Ihr Führungscredo lautet: "Ich muss Menschen lieben, um sie zu führen."

Nur rund zwei Monate nach ihrem Abgang bei der Telekom tat sich eine neue Tür auf. Schramböck hatte wieder einmal keine Scheu; sie ging als Quereinsteigerin in die Politik. Ende Dezember wurde die Tirolerin zur Wirtschaftsministerin angelobt.

Abstrakte Malerei

Zurück zur Life-Work-Balance: Erst vor wenigen Jahren erfüllte sich die Tirolerin aus St. Johann ihren Traum vom eigenen Garten. "Dass ich im Garten herumbuddeln kann, davon träume ich schon seit meiner Kindheit." Obwohl im Tiroler Untertal aufgewachsen, lebte Schramböck mit ihren Eltern in einer Wohnung. Bevor die Wirtschaftsministerin mit ihrem Verlobten ("Wir werden in den kommenden Monaten heiraten. Aber ein Termin ist noch nicht fixiert.") das Eigenheim am Rande eines Waldes bezog, malte sie zum Ausgleich.

"Auch das habe ich in den Nachtstunden gemacht." Die Staffelei steht zwar noch zu Hause, aber derzeit greift sie selten zum Pinsel, um farbenfrohe abstrakte Bilder entstehen zu lassen.

Der Garten hat der Staffelei den Rang abgelaufen. Diese digitalen Auszeiten gönnt sich Schramböck ganz bewusst. Es ist quasi ein digitales Fasten. "Mein Vater war eines von acht Kindern und lief barfuß mit Lederhosen herum. Der TV-Apparat kam erst sehr spät in sein Leben. Ich habe jetzt am Handy mein eigenes TV-Programm mit dabei. Nur alle 250 Jahre passiert es, dass sich die jüngere Generation nicht vorstellen kann, wie die Generation davor gelebt hat. Wir stecken gerade mitten in diesem Wandel und müssen lernen, wie wir mit den Möglichkeiten der Digitalisierung umgehen."