Lotte Tobisch in Ihrer Wiener Wohnung

© KURIER/Gerhard Deutsch

Interview
07/24/2016

Lotte Tobisch: "Wer denkt, ist nicht wütend"

Die große alte Dame des Kulturlebens im KURIER-Gespräch: Warum sie mit der rot-schwarzen "Doppel-Monarchie" gebrochen hat; was Norbert Hofer in der Hofburg zu erwarten hätte – und was uns der große Philosoph Theodor W. Adorno heute dringend sagen würde.

KURIER: Frau Tobisch, Sie waren 1945, zu Kriegsende, 19 Jahre alt. Welches Bild steht vor Ihnen auf, wenn Sie an diese Tage zurückdenken?

Lotte Tobisch: Ich komme aus einer totalen Anti-Nazi-Familie, mein Stiefvater war Jude. Wir waren keine Widerstandshelden, aber ich bin ein Beispiel dafür, dass man nicht einmal zum BDM (Bund Deutscher Mädchen, Anm. d. Red.) musste. Als man sich im Gymnasium nach dem Unterricht dafür anmelden sollte, bin ich einfach nicht hingegangen und mir ist nichts passiert.

In welcher Schule waren Sie und wo haben Sie maturiert?

Ich habe überhaupt nicht maturiert, denn als ich so weit war, war das Kriegsende. Davor war ich in unendlich vielen Schulen. Jeder, der in meinem Alter ist, war praktisch mit mir in der Schule. Als der Krieg zu Ende war und das erste Mal im Radio die Kennmelodie erklang, "Hallo, hier Radio Wien", bin ich in Tränen ausgebrochen. Das Kriegsende war für mich und meine Familie eine unendliche Befreiung und Erleichterung. Ich habe die Jahre auch danach als unglaubliche Glücksjahre erlebt, obwohl ich bei Kriegsende ganz allein in Wien war. Meine Familie ist vor den Russen Richtung Westen geflohen. Ich bin, renitent wie ich war, geblieben. Ich habe zu der Zeit echt gehungert. Wir haben von den grauslichen Erbsen der Russen erst die Würmer abschöpfen müssen, aber es hat mir auch geschmeckt. Ich bin als Reicher-Leute-Kind, wie es damals noch üblich war, puritanisch erzogen worden: Das, was am Tisch kommt, wird gegessen. Das hat mir dann sehr geholfen.

Waren Sie zehn Jahre später bei der Unterzeichnung des Staatsvertrages 1955 im Belvedere?

Nein, für mich war der Staatsvertrag nicht der große Durchbruch, sondern die Befreiung von den Nazis 1945. Ich habe immer damit gerechnet, dass wir bald einen Staatsvertrag kriegen. Ich habe immer daran geglaubt, die Russen werden schon weggehen. Man muss nur ein bisschen Geduld haben.

Sie haben danach als Schauspielerin auch Eva Braun in einem Film mit Oskar Werner und Albin Skoda unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst gespielt. Wie kamen Sie mit Ihrem familiären Hintergrund mit dieser Rolle zurecht?

Sie sind kein Theatermensch: Glauben Sie, dass einer, der den Richard III. spielt, damit Probleme hat? Aber ganz im Ernst: Das war der erste große, auch historisch stimmende Film. Und ich war sehr froh, dass ich diese Rolle bekommen habe und habe gefunden, es ist höchste Zeit, dass man so einen Film macht. Traudl Junge, die Sekretärin Hitlers, die auch dessen Testament getippt hat, war Beraterin bei dem Filmprojekt. Ich habe mit ihr viel geredet. Sie war sehr jung, als sie bei Hitler war und sie hat mir geschworen, dass sie vom KZ und der Behandlung der Juden nie etwas gehört hat.

Haben Sie ihr das geglaubt?

Ach wissen Sie, es gibt im Leben immer Dinge, von denen man will, dass man sie am besten nicht hört. Ich weiß aber bis heute nicht, wie das bei ihr war.

Großer Sprung in die Gegenwart: Im Vorjahr hat Österreich 70 Jahre Zweite Republik gefeiert. Ist sie schon pensionsreif?

Ich weiß es nicht, kann aber nur eines sagen: Ich bin zutiefst deprimiert, was sich derzeit bei uns politisch abspielt. Die zwei Monarchen, die sich das Land gewissermaßen als eine Art Doppelmonarchie aufgeteilt und gemacht haben, was sie wollen, haben bei der Bundespräsidenten-Wahl endgültig pleite gemacht. Und nachdem Rot und Schwarz das Land zunehmend kaputtgemacht haben, überlassen sie es auch noch der blauen Partie. Dass jetzt vielleicht wirklich der Herr Dingsda, wie heißt er doch ...

... Norbert Hofer?

Ja, dass wir den jetzt auch noch als Bundespräsidenten kriegen könnten, ist doch ein Albtraum. Vielleicht geht die Sache noch gut aus, aber Schuld daran, dass es überhaupt so weit kommen konnte, sind Rot und Schwarz. Die haben in den letzten 20 Jahren weitergemacht, als wäre nichts passiert. Dabei waren die Zeichen an der Wand schon lange zu sehen. Ich bin sehr erbittert darüber, aber seit meinem 80. Geburtstag habe ich mir einen Satz von Voltaire zu eigen gemacht: Weil es der Gesundheit zuträglich ist, habe ich beschlossen, glücklich zu sein.

Wen haben Sie beim ersten Durchgang gewählt?

Die Griss, die Totengräber Rot und Schwarz wähle ich schon lange nicht mehr. Irmgard Griss ist eine Verfassungsjuristin, die sich etwas getraut hat. Im zweiten Wahlgang habe ich dann nolens volens Van der Bellen gewählt, obwohl mir jemand Jüngerer lieber gewesen wäre. Denn ich sage immer, alt bin ich selber. Die Griss ist ja auch nicht mehr gerade die Jüngste, aber wenigstens ein neues, frisches Gesicht in der Politik. Den guten Van der Bellen kenne ich jetzt schon 30 Jahre in allen möglichen Rollen. Aber wenn der Herr Hofer wirklich in die Hofburg einzieht, werden nicht wir uns wundern, was alles möglich ist, sondern der Herr Hofer, was alles nicht möglich ist: Wenn er wirklich versucht, in der Hofburg auf den Tisch zu hauen, wird er sich jeden einzelnen Zahn an der Beamtenschaft ausbeißen.

Wenn man derzeit die Nachrichtenlage anschaut, hat man das Gefühl, die Welt fällt immer mehr auseinander. Wie gehen Sie als bekennende Optimistin damit um?

Die Bevölkerung hat ein großes Bedürfnis nach Ordnung und das ist die Stunde der Erdogans und Orbans. Ordnung machen die, aber mit Kopf ab. Darum ist die Weltlage derzeit wirklich gefährlich. Politiker wie Angela Merkel haben daher meine volle Bewunderung. Ich sage nicht, dass sie in allem recht hat. Aber sie zieht ihre Haltung beispielsweise in der Flüchtlingspolitik konsequent durch. Sie hat auch keine Scheu davor, das auch noch irgendwie mit einem Erdogan durchzubringen, also den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Sie hat meine Bewunderung und meinen Respekt. Wenn es mehr Menschen wie die Merkel geben würde, würde die Welt besser aussehen. Wenn ich da an unseren Faymann denke – an diese grenzenlose Peinlichkeit, dass er zuerst unter die Röcken von Merkel kriecht und sie dann beim ersten Gegenwind in der Flüchtlingspolitik stehen lässt.

Glauben Sie nach dem Wechsel von Faymann zu Kern an den ausgerufenen Neustart der rot-schwarzen Regierung?

Der Kern mag es wollen und ich weiß nicht, ob er es kann. Aber das System ist derart eingerostet, dass ich meine Zweifel habe, ob das noch irgendjemandem gelingen kann.

Sie waren mit dem prominenten Philosophen Theodor Wilhelm Adorno befreundet und haben auch einen Briefwechsel mit ihm als Buch veröffentlicht. Was würde der große Aufklärer Adorno zu unserer Zeit sagen, in der Populismus und Irrationalität den Ton angeben?Das habe ich mich schon öfter gefragt. Der Teddy hat einmal gesagt: Wer denkt, ist nicht wütend. Es gibt einen Mangel an Denken überall. Es wird gehandelt aus Machtgründen, aus Vorteilsgründen, aber es wird nichts mehr zu Ende gedacht. Das ist ein großer Fehler und dann kommt die große Wut und dann hört das Denken überhaupt auf.

Schlussresümee zur Generalfrage dieser KURIER-Serie: Zweite Republik, war’s das? Was soll von dieser Ära bleiben, worauf können wir getrost künftig verzichten?

Die Zweite Republik ist noch nicht vorbei. Wir wollen hoffen, dass sie noch eine Weile hält. Hoffen wir, dass sich noch einiges innerhalb des ganzen Malheurs ins Lot bringen lässt und dass wir nicht eine Dritte Republik erleben, die nichts Gutes verspricht.

Das heißt, Sie geben der maroden Zweiten Republik noch eine Chance?

Ich habe beschlossen, glücklich zu sein.