In Spitzenzeiten befinden sich um die 3000 Flüchtlinge im Erstaufnahmezentrum Traiskirchen.

© APA/ROBERT JAEGER

Asyl
06/23/2015

Lokalaugenschein in Traiskirchen

Von den 2800 Flüchtlingen haben 500 kein Bett. Schon bald wird die Basisversorgung schwierig.

2800 Flüchtlinge, knapp 500 von ihnen in Zelten, rund 500 ohne Bett. Das ist der Status Quo in der Asyl-Bundesbetreuungsstelle Traiskirchen bei einem Lokalaugenschein Montagabend.Üblicherweise sind Journalisten in Traiskirchen nicht sonderlich gerne gesehen - nicht weil man etwas zu verbergen hätte, sondern weil die Privatsphäre der Asylwerber zu schützen sei, betont das Innenministerium. Für einmal macht man am Montag eine Ausnahme, um Mythenbildung vorzubeugen. APA und ORF-Radio wird ein zweistündiger Rundgang in der Betreuungsstelle ermöglicht. So bald wie möglich soll ein Termin für einen breiteren Kreis von Medienvertretern angeboten werden.

Verborgen wird beim Besuch in Traiskirchen nichts. Der Zugang zu Gemeinschaftsräumen sowie zur Zeltstadt ist ebenso möglich wie (ungestörte) Gespräche mit den Asylwerbern.

Was die Flüchtlinge zu sagen haben, gleicht sich vor allem in einer Sache. Sie wollen einen Transfer weg von der vollen Erstaufnahmestelle hin in ein kleineres Quartier. Warum sie so lange warten müssen, verstehen sie nicht. Einzelne zeigen Papiere, die belegen, dass sie schon seit Wochen ohne Bett auskommen müssen, andere, dass sie monatelang auf eine Übersiedelung warten.

Dass das möglich ist, bestätigt Gernot Maier, Leiter der Abteilung für die Grundversorgung im Innenministerium. Speziell bei Personen mit besonderen Bedürfnissen wie unbegleiteten Jugendlichen oder Behinderten können Wartezeiten von drei bis vier Monaten vorkommen. Denn die Länder übernehmen bevorzugt Familien oder Frauen mit Kindern.

Jugendliche ohne Begleitung

Besonders bitter ist die Situation für jene jugendlichen Flüchtlinge, die sich ohne Begleitung bis Österreich durchgeschlagen haben, meist von Afghanistan aus. Die jüngsten von ihnen sind 14. Sie benötigen spezielle Betreuung, was mehr kostet. Die gebotenen 77 Euro/Tag seien nicht genug, klagen NGOs und Länder, das Innenministerium meint, in Traiskirchen komme man damit problemlos aus. 1.200 dieser Jugendlichen befinden sich aktuell in der Betreuungsstelle, 800 von ihnen könnten vom Verfahrensstand her sofort in Länderquartiere übermittelt werden - bloß, Unterkünfte für sie werden von den Ländern nicht angeboten.

Kleiner Bonus der Gruppe ist, dass die jungen Flüchtlinge - wie alleinstehende weibliche Flüchtlinge durchgehend - möglichst in einem gemeinsamen Gebäude untergebracht sind. Auch ist man bemüht, sicher zu stellen, dass Frauen mit Kindern und Jugendliche in jedem Fall ein Bett zum Schlafen haben.

Anderen geht es in dieser Beziehung schlechter. Für rund 500 Personen hat man derzeit keine Betten verfügbar, konzediert Franz Schabhüttl, Leiter der Betreuungsstelle. In der Nacht werden immerhin Garagen und Kindergärten geöffnet, damit die Flüchtlinge in regnerischen Nächten wie jener zum Dienstag wenigstens nicht nass werden.

Basisversorgung

Eine Basisversorgung gibt es auch für diese Gruppe, Decken, Medikamente und Essen, wobei man selbst dabei langsam an die Grenzen stößt. An Gerichten werden im Wesentlichen nur noch Eintöpfe geboten. Viel mehr als 3.000 Personen seien nicht zu versorgen, meinen die Vertreter des Innenministeriums und das obwohl insgesamt rund 500 Personen in Traiskirchen im Einsatz sind, 140 davon von der Schweizer Firma ORS, die den Alltagsbetrieb managt.

Empfehlen könnte man jenen aufnahmeunwilligen Bürgermeistern des Landes auch einen Besuch der Zeltstadt. Keine Privatsphäre, auch bei wenig sommerlichen Temperaturen nur eine Decke - bei Bedarf künftig auch zwei, wie Schabhüttel versichert -, morgendlicher Polizeibesuch bei der Personenstandskontrolle, Kinder, die zwischen den Zelten fangen spielen. Die Behandlung von Flüchtlingen in Österreich hat viele bittere Seiten.

Fitnessraum wurde zu Bettenlager

So eine zeigt sich auch beim Besuch des früheren Fitnessraums, mittlerweile längst Bettenlager für nicht weniger als 96 Personen. Direkt daneben drängen sich Flüchtlinge an der Informationstafel, auf der angegeben ist, wer demnächst in welches externe Quartier gebracht wird. Auch der Info-Point ist gut besucht. Für die meisten heißt es freilich weiter warten. Die Länder übernehmen im Tagesschnitt 150 Asylwerber weniger, als neue Anträge einlaufen.

Dass die Situation in Traiskirchen ob der 2.800 Schicksale vor Ort insgesamt eher trostlos ist, kann man schwer bestreiten. Immerhin ist es den Betreibern aber gelungen, dass die Stimmung noch nicht vollends gekippt ist. An einem milden Sommerabend wie dem gestrigen ergibt sich sogar ein durchaus friedliches Bild. Die Ballsportplätze sind gut besucht, Gruppen von Jugendlichen wandern scherzend durch das Lager. Selbst über das Essen gibt es kaum Klagen. Auf den Fastenmonat Ramadan wird Rücksicht genommen, gut die Hälfte der Bewohner hält ihn ein.

Weniger gefastet wird außerhalb der Betreuungsstelle. Entgegen allen Klischees sind es nicht die beschäftigungslosen Flüchtlinge, die durch die Gassen der Stadtgemeinde schlendernd den Einheimischen lästig werden. Die einzigen Pöbler an diesem Montagabend sind zwei offenkundig einheimische Trinker an der örtlichen Badner Bahn-Station.

Asyl: NGOs begrüßen Bezirksquoten

Wie soll die Bundesregierung mit den vielen neuen Asylwerbern verfahren, wie für eine menschliche Unterkunft und Betreuung der Kriegsflüchtlinge sorgen? Bundeskanzler Werner Faymann hat mit seiner Forderung, dass es künftig nicht nur Länderquoten, sondern auch Bezirksquoten geben soll, um die Flüchtlinge fair über Österreich zu verteilen, Lob bekommen. Diese Quoten müssten jedoch verbindlich sein, heißt es vonseiten der NGOs wie Caritas und Rotes Kreuz. Auch Gemeindebundchef Mödlhammer sah den Vorschlag positiv.

Am Montag kamen beim Asylgipfel der Bundesregierung die zivilen Hilfsorganisationen wie Caritas, Rotes Kreuz, Diakonie, Volkshilfe etc. zu Wort. Der Gipfel galt auch als Symbol, das Asylthema zur "Chefsache" zu machen, und damit das Thema nicht mehr nur der Innenministerin zu überlassen. Mikl-Leitner hatte mit ihrem Vorgehen in den vergangenen Wochen und Monaten (Stichwort Zeltlager) auch für interne Kritik gesorgt. Deshalb waren neben Faymann auch Vizekanzler Reinhold Mitterlehner sowie die Minister Klug und Hundstorfer für die SPÖ und die Ressortchefs Mikl-Leitner und Kurz für die ÖVP dabei.

Die NGOs fordern vor allem einen nationalen Aktionsplan, damit verbunden mehr finanzielle Mittel, um die Flüchtlinge auch angemessen versorgen zu können. Tatsächlich erwartet das Innenministerium in diesem Jahr rund 70.000 neue Asylanträge. Ergebnis – etwa ob es mehr Mittel geben wird – gab es am Montag keines. Spätestens am Mittwoch wird das Thema aber wieder heiß, wenn die Regierung die Landeshauptleute zum Gipfel über Finanzierung und Verteilung lädt.

SPÖ: Nicken gegen Asyl

Für heftige Proteste hat in Linz eine Werbeaktion der SPÖ gesorgt. "Sind auch Sie gegen ein großes Asyl-Zentrum ?" "Helfen Ja, Nein zu einem zweiten Traiskirchen Linz", war auf Plakaten von SPÖ-Aktivisten zu lesen, die den Autofahrern an Stadteinfahrten entgegengehalten wurden. Die aus der Partei ausgetretene Frauenvorsitzende Sonja Ablinger mobilisierte in sozialen Medien gegen die Aktion. Die Sozialistische Jugend erklärte, es sei "keine Lösung, sich der menschenverachtenden und verkürzten Rhetorik der FPÖ zu bedienen". Rundherum prasselte Kritik auf die SPÖ nieder, von den Grünen ("SPÖ färbt sich tiefblau ein"), über die Neos bis hin zur ÖVP ("billigster, übelster Populismus"). SPÖ-Bürgermeister Klaus Luger entschuldigte sich später für die Aktion und nahm die Verantwortung auf sich. Er stehe für eine "Politik der Menschlichkeit".
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