Schelling und Mitterlehner während einer Rede van Kanzler Kern in Parlament

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Große Koalition
09/14/2016

"Linker Ideologieträger": ÖVP wettert gegen Kerns Ideen

Mitterlehner rückt Kern in die Nähe des Kommunismus, für Schelling ist Kern ein "linker Ideologieträger".

Die ÖVP kritisiert die Vorschläge von Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ) für eine Neuausrichtung der europäischen Wirtschaftspolitik auf das heftigste. Parteichef Reinhold Mitterlehner rückte den Kanzler in der "Presse" (Mittwochsausgabe) in die Nähe des Kommunismus, Finanzminister Hans Jörg Schelling (ÖVP) bezeichnete ihn über die "FAZ" (Mittwochsausgabe) als "linken Ideologieträger".

"Ich erkenne hier Tendenzen eines realen Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Ich bin der Meinung, dass dieser Weg längst von der Geschichte falsifiziert worden ist", sagte Mitterlehner in Anspielung auf den kommunistischen Ostblock. Der Vizekanzler betonte, dass der Staat "bereits genug Geld" ausgebe und "Erarbeiten" vor "Verteilen" komme. "Wir brauchen eine Marktwirtschaft mit soliden Rahmenbedingungen", so Mitterlehner, der auch Freihandelsabkommen wie CETA mit Blick auf die Arbeitsplätze in der österreichischen Exportwirtschaft verteidigte.

Schelling richtete dem Kanzler über die konservative "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) aus, seine Thesen "widersprechen in vielerlei Hinsicht der Realität". Kern fordere nämlich mehr Schulden und Umverteilung, obwohl dieser Weg in die Sackgasse führe, meinte der millionenschwere Ex-Unternehmer mit Blick auf die Euro-Schuldenkrise. "Für mich sind diese Gedanken ein doppelter Salto zurück."

Kern hatte in dem am Montag veröffentlichten "FAZ"-Beitrag einen radikalen Kurswechsel in der europäischen Wirtschaftspolitik gefordert. Er kritisierte, dass die EU von den Bürgern "primär als Promotor einer unfairen Modernisierung gesehen" werde und damit mitverantwortlich sei für den Aufstieg des Rechtspopulismus. Der SPÖ-Chef bekräftigte seine Kritik an Freihandelsabkommen wie TTIP und CETA und forderte eine massive Erhöhung der öffentlichen Investitionen in der EU. Selbst die von den sozialdemokratischen Regierungschefs geforderte Verdoppelung des Juncker-Investitionsplans auf 315 Milliarden Euro "wird wohl nicht reichen".

Beispiel Schröder

Schelling sagte dazu, dass Schulden "das Gift und nicht die Heilung für unseren Wohlfahrtsstaat" seien. Der Staat müsse sich nicht stärker, sondern weniger einmischen. Der frühere Chef des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger verwies in diesem Zusammenhang auf die umstrittenen Sozialreformen des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder (1998-2005), auf denen die heutige Wirtschaftskraft Deutschlands beruhe. Dank der "Agenda 2010" gebe es in Deutschland die beste Beschäftigungslage der Geschichte und eine "schwarze Null" im Budget.

Der Ex-Spitzenmanager griff den Kanzler auch persönlich an, indem er ihm indirekt die unternehmerische Erfahrung absprach. Kerns Blickwinkel sei "womöglich verzerrt", weil er nicht aus der freien Wirtschaft komme, sondern "aus einer staatlich geförderten 'Privatwirtschaft'", sagte Schelling in Anspielung auf die ÖBB.

Als "falsches Signal" kritisierte auch die Junge ÖVP die Aussagen des Kanzlers. "Es bleibt zu hoffen, dass es sich bei diesem Alleingang in deutschen Medien um die Privatmeinung des Kanzlers handelt und er nicht den Regierungskurs ändern will", teilte JVP-Generalsekretär Stefan Schnöll in einer Aussendung mit. Schnöll wies darauf hin, dass Österreich schon jetzt acht Milliarden Euro für Zinszahlungen aufwende, mehr als "für die Bildung unserer Kinder".

Dagegen stärkte die Sozialistische Jugend dem Kanzler den Rücken. SJ-Vorsitzende Julia Herr schrieb am Mittwoch in einer Aussendung, dass selbst der IWF Fehler bei den "brutalen Kürzungsprogrammen" in Südeuropa eingestanden habe. "Nur Finanzminister Schelling glaubt, dass Kürzen, Kürzen, Kürzen irgendein Problem behebt", so Herr. Das von Schelling gelobte Deutschland trage "wesentliche Schuld an der Krise der Eurozone", warf Herr dem "Millionär Schelling" ihrerseits "ein verzerrtes Weltbild" vor: "Schelling soll nicht linke Antworten auf eine Krise verteufeln, in die uns seine eigene Ideologie erst geführt hat."