onrad Paul Liessmann: „Die  Frage, wie wir mit der Entwicklung von Parallelgesellschaften umgehen, wird nicht offen diskutiert.“

© KURIER/Gilbert Novy

Serie
08/23/2014

Liessmann: "Brauchen gemäßigten Euro-Islam"

Philosoph Konrad Paul Liessmann über die Gefahr von Parallel-Gesellschaften und zwanghaftes Gendern.

von Christian Böhmer

KURIER: Herr Professor, Sie haben kürzlich einen Offenen Brief unterschrieben, in dem feministische Anwandlungen wie das Binnen-I kritisiert und die Rückkehr zur "sprachlichen Normalität" gefordert werden. Wie steht’s um die Sprache?

Konrad Paul Liessmann: Die Formulierung mit der "sprachlichen Normalität" meinte nur, dass wir bei der sprachlichen Praxis bleiben sollen, wie sie in den meisten Medien praktiziert und im zwischenmenschlichen Gespräch gelebt wird. Es gibt keine Zeitung von Rang, die das Binnen-I verwendet oder konsequent beide Geschlechter erwähnt. Wenn jemand von "Lehrern" schreibt, weiß jeder, dass die Mehrheit der Lehrer Frauen sind. Der Brief wies darauf hin, dass eine Geschlechtsneutralität, die unleserlich und unaussprechbar ist, niemandem nützt.

Aber ist es nicht legitim, in der Sprache geschlechtliche Gleichberechtigung einzufordern?

Die Sprache folgt Gesetzen, die man nicht willkürlich ändern kann. Wenn ich Wert darauf lege, kann ich jederzeit sagen: "Kolleginnen und Kollegen". Dafür plädiere ich auch. Aber ich sehe keine Notwendigkeit zwanghaft zu gendern. Nehmen wir das Beispiel "Bürger": "Bürger" war ein Standesbegriff, der vom Adel und Klerus abgrenzen sollte. Wenn ich vom "Bürger" spreche ist jedem klar, dass alle gemeint sind, es genügt Bürgersteig zu sagen, ich brauche keinen Bürgerinnensteig. Hier wird Sprache vergewaltigt. Die wahren Herausforderungen der Gleichberechtigung sind andere.

Welche zum Beispiel?

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, der Respekt vor unterschiedlichen Lebensformen. Und wenn Schüler mit muslimischem Hintergrund Lehrerinnen deshalb ignorieren, weil sie Frauen sind, ist das gesellschaftlich relevanter als die Frage, ob Oberschichten-Kinder das Binnen-I verwenden.

Sie waren an der Uni Wien Vize-Dekan der Fakultät für Philosophie und Bildungswissenschaften und üben seit Jahren Kritik an Bildungsrankings wie PISA. Muss sich etwas im Schulsystem ändern – und wenn ja, was?

Das Schulsystem ist zum Teil besser als sein Ruf. Wären die Jugendlichen so schlecht ausgebildet, wie manche behaupten, würden den Unternehmen die Arbeitskräfte ausgehen und heimische Wissenschafter nicht im Ausland Karriere machen. Das bedeutet nicht, dass wir keine Probleme hätten, aber die kennen wir nicht erst seit PISA. Wir haben ein Schulsystem, in dem viele Kinder nach der Schulpflicht wesentliche Kulturtechniken nicht beherrschen. Das soll man nicht schönreden, die Frage ist aber: Wie macht man’s richtig?

Was wäre Ihr Zugang?

Man muss sich genauer ansehen, warum etwa die Lesefähigkeit junger Menschen so eingeschränkt ist. Liegt das nur am Schulsystem, an angeblich schlechten Lehrern, an der falschen Didaktik? Oder liegt es auch an einem Umfeld, in dem Lesen, Schreiben, Sprechen generell an Bedeutung verloren haben?

Sie glauben eher letzteres?

Nicht eher, aber auch, und das wird vernachlässigt. Wenn Kinder und Jugendliche Jahre lang nur Computer spielen und am Handy Kurzmeldungen verschicken, werden sie komplexere Texte nicht sinnerfassend verstehen.

Können sie der Gesamtschule eigentlich etwas abgewinnen?

Man kann die Gesamtschule einführen, ich hätte da nichts dagegen. Aber dann radikal und ordentlich. Die Gesamtschule ist kein Sparprogramm. Und wir sollten nicht vergessen: Es gibt schon eine gemeinsame Schule, nämlich die der Sechs- bis Zehnjährigen – die Volksschule. Und die schafft es überhaupt nicht, soziale Unterschiede auszugleichen. Es können nach vier Jahren bei weitem nicht alle gleich gut lesen, schreiben und rechnen.

Warum gelingt das nicht?

Der Grundirrtum besteht darin zu glauben, die Schule könne alle sozialen, ökonomischen und individuellen Defizite kompensieren. Die Schule kann viel auffangen, aber nicht alles. Bildung muss von Eltern und Kindern gewollt werden, das ist nichts, was ich konsumiere wie einen Hamburger. Ich reisse nicht das Maul auf, stopfe Wissen hinein, und wenn ich nicht gefüttert werde, ist der schuld, der mich nicht füttert. So genannte bildungsferne Schichten zeichnen sich leider auch dadurch aus, dass sie der Bildung wenig Wert beimessen.

Ist das nicht Teil eines größeren, virulent werdenden Problems?

In der Tat. Die Frage, wie wir mit der Entwicklung von Parallelgesellschaften umgehen, wird nicht offen diskutiert. Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft, in der Religion Privatsache ist. Andererseits gibt es Kulturen, in denen Religion die öffentliche Angelegenheit schlechthin ist, die alle Formen des Lebens prägt. Das kann parallel nur schwer existieren.

Wie kann ein Zusammenleben dennoch gelingen?

Ich glaube, das ist nur über einen gemäßigten Euro-Islam möglich, der sich als privates Bekenntnis in einer säkularisierten Gesellschaft versteht. Genauso wie jemand Jude, Katholik oder Buddhist sein kann, soll er Muslim sein können und seinen Glauben im Rahmen der Gesetze leben. Aber nicht in der Form, dass die Religion Fragen der Rechtssprechung, Politik oder Bildung dominiert.

Und gelingt das nicht?

Dann stehen wir vor der Alternative der gespaltenen Gesellschaft. Ich würde das bedauern, aber möglich ist es.

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