Politik | Inland
15.06.2017

Liberale Moschee in Berlin: "Den Islam vor Fanatikern retten"

Deutschlands erste Imamin eröffnet in Berlin eine liberale Moschee – in einer Kirche. In Österreich ist ein ähnliches Projekt geplant. Initiator Ednan Aslan ist jedoch skeptisch, ob das Vorhaben in Berlin funktioniert.

Eine Moschee in einer Kirche? Und dann noch eine, die nach Goethe benannt ist?

Vor der Johanniskirche im Berlin-Moabit stehen einige Menschen, die sich das fragen; sie schauen ein wenig ungläubig, sehen die Anschlagstafel durch. Zu finden ist hier noch nichts: Wäre da nicht Seyran Ateş, die telefonierend durch den Garten streift, man würde nicht ahnen, dass in einem Nebengebäude der evangelischen Backstein-Kirche die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee ist – das erste islamische Gotteshaus des Landes, das von einer Frau geführt wird.

Warten auf Godot

"Grüß Gott, Frau Imamin", sagt eine Dame am Portal; sie lächelt. Denselben Titel hat Ateş, 54 Jahre alt, kurze graue Haare, für ihr neues Buch gewählt; "Selam" heißt es da, "Hallo" oder "Grüß Gott", wie man will. Darin erklärt die Frauenrechtlerin und Anwältin, warum sie sich entschieden hat, Imamin zu werden, und warum sie eine Moschee gegründet hat: Sie habe sich in keiner deutschen Moschee je wohl gefühlt, denn "der konservative Islam der allermeisten deutschen Moscheegemeinden" sei mit ihren Überzeugungen nicht vereinbar – "schon durch die vorherrschende Geschlechtertrennung fühle ich mich, zumal ich kein Kopftuch trage, diskriminiert", schreibt sie.

Darauf zu warten, dass jemand anders den Schritt setzt und ein liberales Gotteshaus gründet, war sie leid: "Irgendwann fühlte es sich an wie Warten auf Godot." Darum hat sie mit drei weiteren Frauen und drei Männern, darunter Islam-Theologen und eine Imamin aus dem Jemen, die nach dem liberalen Islamphilosophen Ibn Rushd und Islamfreund Goethe benannte Moschee gegründet.

Reform von innen

Am Freitag ist es nun so weit, und der Anspruch, den Ateş hat, ist groß: "Wir wollen den Islam von innen heraus reformieren." Frauen und Männer, Homo-und Heterosexuelle, Sunniten und Schiiten, Aleviten und Sufis, jeder wer will also, soll mit ihr beten können; und "Frauen sollen bei uns genauso vorbeten können wie Männer." Einschränkungen gibt es nur in die Richtung, von der sie sich abgrenzen will: Burkas und Nikabs haben in ihrer Moschee nichts verloren, die hält sie für ein "ein politisches Statement".

Dass sie dafür angefeindet wird, damit lebt sie, ebenso wie mit dem Polizeischutz, unter dem die Eröffnung steht. Man werfe ihnen eine "Art Kuschelislam" vor, sagt auch Abdel-Hakim Ourghi, Teil des Teams und Islamwissenschaftler in Freiburg

Gegen die Radikalen

Zeitgleich wollen Ateş und ihre Mitstreiter eine Art Dachverband der liberalen Muslime in Deutschland gründen, denn so etwas gibt es bislang nicht. "Wir liberalen Muslime uns zusammentun müssen, wenn wir von der Politik wahrgenommen werden wollen. Es reicht nicht, sich über die Konservativen aufzuregen und sich vor Fundamentalisten zu fürchten", schreibt sie. Ohnehin ist die ganze Moscheegemeinde ein Signal gegen jene, die den Islam nicht nur zu eng, sondern wörtlich nehmen. "Selbstverständlich hat es etwas mit dem Islam zu tun, wenn Menschen Allahu Akbar rufen, während sie andere Menschen köpfen", so Ateş. Und: "Unsere Religion besteht nicht aus Hass. Wir liberalen Muslime müssen unsere Religion vor den Fanatikern retten."

Der Wiener Religionspädagoge Ednan Aslan begrüßt die Initiative von Ateş zwar grundsätzlich. "Das Problem von uns weltoffenen Muslimen ist aber, dass wir nicht nur Reformakzente setzen wollen. Wir müssen die Gläubigen auch theologisch überzeugen." Ob Ates das schafft? Aslan ist da skeptisch und weist auf die fehlende theologische Ausbildung der Berlinerin hin. "Wir brauchen diese Kompetenzen aber, sonst bleiben wir langfristig unglaubwürdig", sagt Aslan. "Es geht ja nicht darum, nur die Öffentlichkeit zu überzeugen, sondern vor allem die Muslime."

Eine Moschee für die Wiener

Eine Moschee, die für alle offen ist – das wünscht sich Aslan aber auch für Wien. "Unsere Moscheen hier sind wie Clubs organisiert." Er wünsche sich daher eine Moschee, ohne ausländischen Einfluss, ohne ausländische Imame, in der jeder versteht, was gesprochen wird. "Eine Moschee, in der man sich auch als Wiener wohl fühlt", sagt Aslan. Erste Pläne dazu gibt es bereits. 2018, so Aslan, soll es soweit sein. Dann will er die "Wiener Moschee" eröffnen. "Aber wenn ich das mache, dann möchte ich auch meine Gemeinde überzeugen können."


Zur Person: Seyran Ateş

Seyran Ates, geboren 1963 in Istanbul, kam im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Während ihres Jura-Studiums arbeitete sie in Berlin bei einer Beratungsstelle für Frauen aus der Türkei und wurde dort Opfer eines Attentats, das sie schwer verletzt überlebte.

Seit 1997 ist Ates als Anwältin tätig und kämpft gegen häusliche Gewalt und Zwangsehen. Darüber hinaus war sie war Mitglied der Islamkonferenz unter dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble. Sie gilt seit Jahren als scharfe Kritikerin konservativer Strömungen im Islam und ist dezidierte Kopftuchgegnerin. 2007 veröffentliche sie das Buch "Der Multikulti-Irrtum", 2009 folgte "Der Islam braucht eine sexuelle Revolution".