Politik | Inland
13.11.2016

Letzter Anlauf im längsten Wahlkampf aller Zeiten

Stichwahl-Endspurt: Wie beide Kandidaten ihre Anhänger noch einmal zur Stimmabgabe bewegen wollen. Hofer setzt auf den Trump-Effekt, Van der Bellen auf das Ansehen Österreichs.

Pattstellung. Nicht nur, was die jüngsten Wahlumfragen angeht. Gleichauf sind Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer auch, was ihre Anhänger im Internet anlangt. Sowohl auf ihren Facebook-Seiten als auch im digitalen Bilderalbum Instagram sind sie Kopf an Kopf. Einzig beim Nachrichtendienst Twitter kann VdB drei Mal so viele Bürger erreichen wie sein Kontrahent. Umgekehrt haben mehr als doppelt so viele Handynutzer den WhatsApp-Service von Hofer abonniert. Warum sind 290.000 Facebook-Fans für Hofer oder 30.000 Twitter-Kontakte von Van der Bellen relevant?

Brexit vs. Öxit

Im längsten Wahlkampf, den es in Österreich je gab – Ende 2015 nominierten die Parteien ihre Kandidaten – , ist die Währung Nummer eins Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit von 6,4 Millionen Wahlberechtigten, die am 4. Dezember zum dritten Mal über den künftigen Hofburg-Herren abstimmen sollen. Das fast einjährige Rennen um Stimmen geht ins Geld (mehrfach neu kreierte Plakate und Veranstaltungen kosten viel). Und digitale Kanäle sind mit geringen Mitteln zu bespielen – und bieten die größtmögliche Plattform.

Ex-Grünen-Chef Alexander Van der Bellen ist auf finanzielle Zuwendungen von der Partei und freiwillige Spenden angewiesen. Er hat, wie der Dritte Nationalratspräsident Hofer, rund zwei Millionen Euro zur Verfügung.

Womit und wie wollen die beiden in den letzten 21 Tagen vor der zweiten Stichwahl punkten – auch bei TV-Konfrontationen und direktem Bürgerkontakt?

Beide beteuern – Trump-Sieg hin oder her – taktisch nicht umschwenken zu wollen. "Wir haben keinen Grund, die Strategie zu ändern, aber verdeutlichen kann man das eine oder andere schon", tut Van der Bellen kund. "Ich bleibe bei meiner Haltung, auch wenn ich merke, dass der Mitbewerber schärfer im Ton wird – und auch andere Parteien", sagt Hofer. Was kann inhaltlich noch geboten werden, was die Wähler vom 45-jährigen Hofer und dem 72-jährigen Van der Bellen noch nicht gehört haben? "Zentrale Themen werden weiter das Ansehen Österreichs in der Welt, das Nein zum EU-Austritt, Öxit, und die überparteiliche Amtsführung sein", sagt Van der Bellens Wahlkampfleiter Lothar Lockl. Dem hält Hofers Wahlkampf-Manager Herbert Kickl entgegen: "Die Brexit-Fixierung ist substanzlos. Das Thema ist passé. Es geht um die Glaubwürdigkeit, die Authentizität der Kandidaten. Thema ist das Unbehagen der Bevölkerung, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Dass die Politik versagt hat." Hofer fügt an: "Verstärkt werde ich die direkte Demokratie ansprechen. Es muss eine Schnittstelle zwischen Regierung und Rechnungshof geben. Es nutzt der beste Rechnungshof nichts, wenn Vorschläge nicht umgesetzt werden."

Vs. die da oben

Die Freiheitlichen setzen weiter auch auf ihre bisherige Linie – gegen "die da oben" zu sein. Sie hoffen auf einen Trump-Effekt. Kickl spitzt es zu: "Die Entscheidungsfrage ist, Hofer mit dem Volk gegen die Mächtigen oder Van der Bellen mit den Mächtigen gegen das Volk." Van der Bellen kontert: "Sind 2,3 Millionen Wähler das Establishment? Das ist ja lächerlich. Natürlich sind darunter jede Menge Lkw-Fahrer, Krankenschwestern und andere Berufsgruppen. Ich weiß schon, dass die FPÖ versucht, jeden einzelnen meiner Wähler als Schickeria oder Hautevolee hinzustellen, aber das ist eine Beschimpfung von Wählern."

30.000 Stimmen Vorsprung

Der Wirtschaftsprofessor hatte bei der angefochtenen Stichwahl um rund 30.000 Stimmen mehr als der Gegenkandidat. Von Anbeginn bot er Vertreter aus Wirtschaft, Kunst & Co als Unterstützer auf. Der Industrielle Hans-Peter Haselsteiner kampagnisierte sogar mit eigenen Inseraten "Nein zum Öxit" gegen Hofer. Ab Montag werden diese Anzeigen wieder zu sehen sein. Der Blaue wird nur vom St.-Georgs-Orden, dessen "Ehrenritter" er ist, und der Initiative "Christen für Norbert Hofer & Verantwortung für Österreich" promotet. Wiewohl zuletzt über zwei Millionen Menschen für Hofer votiert haben, machen sich keine bekannten Persönlichkeiten öffentlich für ihn stark. Dass Hillary Clinton trotz populärer Proponenten Trump unterlegen ist, kommt Kickl zupass: "An den USA sieht man, dass Wahlempfehlungen nicht den Effekt haben, den man sich erhoffte. Personenkomitees sind ein antiquiertes Modell."

T-Shirt vs. Maske

Van der Bellen setzt weiter auf eine "sehr breite, parteiübergreifende Unterstützung von Bürgerinnen und Bürgern", sagt VdB-Manager Lockl. Die Do-it-yourself-Wahlkampf-Box und "Öbama"-T-Shirts sollen das ihrige hinzutun. Hofer offeriert bis dato nur einen "Fan-Artikel": Sein Konterfei gibt es zum Herunterladen, Ausschneiden und Aufsetzen im Internet. Auf wen zielen all diese Last-Minute-Aktionen vorrangig ab? Van der Bellen sagt: "Es geht darum, Leute anzusprechen, die schwanken oder beim letzten Mal nicht gewählt haben."

Die Wahlbeteiligung lag beim ersten Wahlgang am 24. April bei 68,5 Prozent, bei der Stichwahl am 22. Mai bei 72,7 Prozent. Von Wahlmüdigkeit oder gar Politikverdrossenheit will Hofer nichts bemerkt haben: "Mir bietet sich ein ganz anderes Bild, als es Politologen oder sogenannte Experten skizzieren: Die Österreicher haben größtes Interesse an dieser Wahl." Davon geht auch Van der Bellen aus. Zumindest das haben die zwei gemein – und den Wunsch, am 26. Jänner als Bundespräsident angelobt zu werden.