Politik | Inland
16.12.2017

Ton in Ton am Kahlenberg: Koalition versucht den Stilwechsel

Für Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache zählt jetzt vor allem eines im Auftritt: Harmonie.

Die Weinberge, die Donau, die ganze Stadt liegt einem zu Füßen: An sonnigen Tagen gibt es nur wenige Plätze in Wien, die eine ähnlich prächtige Aussicht bieten wie der Kahlenberg.

Und vermutlich war genau das die Idee, warum Sebastian Kurz und Heinz-Christian Strache jetzt hier sind – was gäbe es Besseres als eine Regierungspräsentation, die im Hintergrund Weite und Übersicht zeigt?

Das Problem ist nur: Sie sind zu spät dran, vermutlich um ein, vielleicht zwei Stunden. Und deshalb ist von der Sonne jetzt nichts zu sehen, und während sie die Eckpfeiler ihrer "stabilen und starken Regierung" (Kurz) präsentieren, wird es hinter ihnen finster.

Aber vermutlich ist das nicht mehr als ein kleines Ärgernis. Denn die Erzählung, für die sich die Parteichefs an diesem Samstag entschieden haben, ist unverrückbar, unerschütterlich, und sie lautet: Wir wollen das!

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Ton in Ton stehen sie nebeneinander. Beide im blauen Anzug, der Bundeskanzler in spe und sein Stellvertreter.

Sie präsentieren all ihre Minister, schlagen inhaltlich Pflöcke ein. "Entlasten" ist ein Wort, das beide oft verwenden. Wer arbeite, solle auf keinen Fall der Dumme sein, sagen sie. Doch hinter all dem, was sie an Ankündigungen und Ideen in der knappen Stunde bringen (hier die Details des Programms), steht eine Regung: das stete, fast schon anstrengende Bemühen, dem anderen die unverbrüchliche Treue und Aufrichtigkeit zu signalisieren.

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"Es war eine Ehre, ihn privat kennenzulernen", sagt Strache recht bald über Kurz. Bei dem ÖVP-Chef handle es sich "um eine Persönlichkeit mit menschlichen Qualitäten". Und so trivial das bisweilen klingen mag: In der Politik gibt es wohl keine wichtigere Währung als Loyalität und Vertrauen.

Zigarettenschachteln

Während sich Strache und Kurz am Kahlenberg erklären, bietet der scheidende Bundeskanzler Christian Kern einen Vorgeschmack, wie er seine Oppositionsrolle anlegt. "Von den angekündigten Leuchttürmen", wettert er, "bleibt nur ein Berg leerer Zigarettenschachteln."

Das Aus für das absolute Rauchverbot, ja das war tatsächlich eine der symbolischen Streitfragen, bei denen sich die Freiheitlichen am Ende durchsetzen konnten bzw. durften. Je nachdem, wie man es lesen will.

Doch als Heinz-Christian Strache am Kahlenberg vor 18 Fernsehkameras erklärt, dass es freien und selbstbestimmten Bürgern selbst überlassen sein muss, zu entscheiden, ob sie künftig in einem Lokal "zu einem Kaffee eine Zigarette rauchen oder nicht", rührt sein künftiger Koalitionspartner, ein Nichtraucher, keine Miene – Leben und leben lassen.

Norbert Hofers Mutter

Wie sie im Regierungsalltag harmonieren werden, das lässt sich jetzt so noch nicht sagen. Vieles ist sehr ernst, ein wenig unlocker.

Und vielleicht ist das der Grund, warum FPÖ-Boss Strache scherzend erwähnt, dass nun vor allem Norbert Hofers Mutter aufatmet. Nachdem dieser angekündigt hatte, sich so lange nicht zu rasieren, bis die Regierungseinigung stehe, sei sein Vollbart nun fällig. "Den Rübezahl wollten wir ihm einfach nicht antun", scherzt Strache. Kurz lächelt matt. Man bemüht sich nun, rücksichtsvoll zu bleiben. Auch bei schwachen Witzen.