Politik | Inland
22.10.2017

Kogler: "Ich ahnte den Absturz schon früh"

Der Grünen-Interimschef über das Debakel, die Tränen danach, und warum man Pilz halten hätte müssen.

KURIER: Herr Kogler, eine Woche nach dem Absturz: Haben Sie eigentlich schon realisiert, was passiert ist?

Werner Kogler: Viele meiner Kolleginnen und Kollegen wurden vom Blitz getroffen, und es herrscht nach wie vor eine Fassungslosigkeit. Am Sonntag bis vier Uhr in der Früh, und am Montag war ich damit beschäftigt, Mitarbeiter zu trösten. Ich bin da geerdeter, weil ich den Absturz früh geahnt und davor auch gewarnt habe.

Wann war der Moment, wo Sie sicher waren, dass die Grünen aus dem Parlament fliegen?

Die Abwärtsspirale drehte sich schon länger. Ende August stieg ich in den Wahlkampf ein. Da spürte ich, dass es knapp wird. Damals meldete ich, dass wir irgendwo zwischen vier und sieben und nicht bei zehn Prozent stehen. Wenn es blöd läuft, dann eher bei vier und vielleicht auch bei weniger. Ich war von den Unis über Wahlkampfstände bis hin in die Wirtshäuser unterwegs, und da gab es eindeutige Signale. Leider haben wir nicht reagiert. Hätten wir knapp vor der Wahl vor dem möglichen Debakel auf die richtige Weise gewarnt, dann hätten wir die fehlenden Zehntelprozentpunkte bekommen. Aber da trifft auch mich die Schuld, dass ich mich nicht durchgesetzt habe.

Haben Sie den traurigsten Job in der österreichischen Politik übernommen?

Es ist eine Klein-Herkulesaufgabe, denn für eine echte Herkulesaufgabe sind wir Grünen zu klein. Den Laden Bundes-Grüne jetzt vor dem Absaufen zu retten, ist sicherlich die wichtigste Aufgabe nach der Gründung der Grünen.

Was waren die Gründe für den Niedergang? Viele meinen, die Selbstgerechtigkeit und das Abschleifen von grünen Inhalten.

Wir waren sicher da oder dort zu wenig zugespitzt. Die Grünen waren in diesem Wahlkampf zu welterklärend unterwegs. Das reicht nicht. Du musst auch den plausiblen Eindruck erwecken, dass du auch die Welt retten willst. Alle anderen Parteien konnten das und haben das auf unterschiedliche Art auch ausgestrahlt. Was wurde Matthias Strolz als Duracell-Haserl nicht verlacht? Man nimmt ihm aber ab, dass er etwas bewegen will. Oder wie kann es passieren, dass Christian Kern, der selber aus einem Konzern kommt, besser Konzernkritik rüberbringt als wir Grüne? Wir können eigentlich mehr als die anderen Parteien, aber es war nicht erkennbar, dass wir mehr wollen.

In den Wiener Hochburgen wie Wien-Neubau gab es Verluste von 20 Prozentpunkten. Müsste Maria Vassilakou nicht die Konsequenzen ziehen? Stattdessen will sie mehr Verantwortung übernehmen und argumentiert, dass "alte Besen besser kehren" . . .

In Neubau haben wir viel verloren, weil wir auch viele Stimmen hatten. Generell gab es eine Drittelung der Stimmen. Nur in Vorarlberg nicht, da war es nur eine Halbierung – was auch schon komisch klingt.

In Wien-Neubau wurde die Fußgängerzone Mariahilfer Straße umgesetzt. Das Ergebnis werten Sie nicht als Protest gegen die Projekte von Vassilakou?

Ich werde bei einer Niederlage auf Bundesebene nicht eine Landespolitikerin in Frage stellen. Gerade die Umsetzung der neuen Mariahilfer Straße hat mir außerordentlich imponiert. Dazu kommt: Frauen in der Politik werden in den sozialen Medien besonders hart niedergedroschen. Auch wir bekommen jetzt Mails, wo Bürger fordern, wir sollen mit der "Weiberwirtschaft aufräumen". Solche abwertenden Statements sind eine Schweinerei.

Hätte der Abgang von Peter Pilz nicht verhindert werden müssen?

Peter Pilz hat das politische Talent, sich auch immer weiterzuentwickeln. Er wollte ein eigenes Projekt starten, das ist auch politisch legitim. Was hätten wir tun können? Die Taktik erkennen und früher auf eine Lösung drängen. Oder länger den gemeinsamen Weg suchen. Es war fatal, dass er nicht auf den vierten Platz gewählt wurde. Das hat er dann als Absprungrampe benutzt. Der Kongress und wir als Parteiführung hätten so weise sein müssen, einen entsprechenden Beitrag zu leisten, dass Pilz gewählt wird. Ob Prinz Pezi überhaupt noch bei den Grünen weitermachen wollte, bezweifele ich, denn er hielt eine grottenschlechte Rede.

Im Hofburg-Wahlkampf hat Eva Glawischnig beschlossen, alles dem Sieg von Alexander Van der Bellen unterzuordnen. Im Mai kam ihr Rücktritt. Spürte Eva Glawischnig da schon, dass was schief läuft? Wollte Glawischnig das Debakel nicht mehr ausbaden?

Einige Kollegen meinen, wir haben uns inhaltlich zu sehr zurückgenommen. Auch Eva Glawischnig sieht das mittlerweile offenbar so. Ich finde, man hätte trotz des Hofburg-Wahlkampfs mit den richtigen Worten inhaltlich härter sein können. Das Problem ist nur, dass unsere Ausdrucksweise oft nicht sehr gewinnend ist. Und was den Abgang von Eva Glawischnig betrifft: Ich möchte nochmals darauf hinweisen, dass die sozialen Medien speziell bei Politikerinnen antisoziale Medien sind. Dort wirst du mit allen möglichen Gewaltfantasien zugeschüttet. Hast du Kinder, die schon verstehen, was auf Facebook oder Twitter geschrieben wird, überlegst du, ob du weitermachen solltest.

Bei der Krisensitzung waren die Ergebnisse noch sehr schwammig. Wie wollen Sie die Fünf-Millionen-Schulden stemmen?

Wie wir die Schulden stemmen können, erarbeitet gerade der Bundesfinanzreferent gemeinsam mit den Landesgeschäftsführungen. Sie müssen uns und den Banken verschiedene Szenarien vorlegen. Inhaltlich wird es eine Neuausrichtung geben. Das hätten wir auch schon in Erfolgsphasen machen müssen, statt uns immer nur auf die Parteistrukturen und Marketing zu konzentrieren. Ich glaube, beim Wähler gibt es einen Aha-Moment. All jene, die wirklich Grüne in der Regierung oder im Landtag haben wollen, müssen auch grün wählen.