Politik | Inland
24.06.2017

Kern versus Kurz: Gefangen in der Vollhollerkoalition

Die Beziehung zwischen dem SPÖ- und dem ÖVP-Chef ist die zentrale Frage des Wahlkampfes.

Die Mitarbeiter der Parlamentsdirektion befüllten gerade die Karaffen mit Trinkwasser, als ihnen ein seltener Besucher gegenübertrat: Ob er wohl die folgende Sitzung filmen dürfe?, wollte ein Kameramann wissen.

Die Parlamentsmitarbeiter waren überrascht. Nicht wegen der Frage an sich, natürlich dürfe er filmen!

Verblüffend war, dass und in welcher Zahl die Journalisten zum EU-Hauptausschuss in den Saal drängten. Für gewöhnlich läuft die Sitzung ohne Publikum ab, sie ist zu unspektakulär.

Nicht so vergangenen Mittwoch, und das lag an zwei Gästen: Zum ersten Mal nach dem "Vollholler"-Sager traten Kanzler Christian Kern und Außenminister Sebastian Kurz gemeinsam auf. Zwei Stunden lang saßen sie Schulter an Schulter, es hätte ein konfliktreicher Vormittag werden können.

Doch am Ende kam es anders: Wenn der eine sprach, hörte der andere demonstrativ zu; wenn der eine Durst hatte, goss ihm der andere Wasser nach; und wenn die Fragen der Abgeordneten zu lange wurden, neigten die beiden ihre Köpfe zueinander und plauschten.

Streckenweise wirkten der 51-jährige und sein 30-jähriger Herausforderer wie alte Spezis, und man fragte sich: Spielen die Theater? Oder ist es genau anders rum, also spielen sie Theater, wenn sie einander öffentlich kritisieren?

Wie so oft liegt die Wahrheit in der Mitte.

Tatsache ist: Die Beziehung zwischen Kern und Kurz wird wohl die Wahl entscheiden. Und derzeit ist "belauern" das Wort, das das gegenseitige Verhältnis am ehesten beschreibt.

Die persönliche Distanz hat eine Vorgeschichte: Als Christian Kern im Vorjahr überraschend die SPÖ übernahm, misstrauten ihm fast alle in der ÖVP-Führung. "Der Bursche will schnell wählen gehen, er hat keinen Grund zu warten, seine Image-Werte sind zu gut", mutmaßten die Strategen in beiden ÖVP-Lagern, also bei Mitterlehner wie bei Kurz.

Umgekehrt traute Kerns enger Kreis dem neuen ÖVP-Boss von Beginn an nicht über den Weg. Wie sollte man auch? Immerhin hatte da einer seinen Parteichef "nach allen Regeln der Kunst abmontiert" (O-Ton Kern).

Charakterliche Defizite

Dass Kurz und Kern einander politisch bekämpfen, liegt in der Natur der Politik.

Im Falle der Duz-Freunde geht die Ablehnung aber tiefer, sie geht ins Charakterliche, ins Persönliche.

Kurz’ Mannen ätzen seit Monaten über das "Glaskinn" des Kanzlers und erzählen genüsslich, wie schwer sich der ÖBB-Manager bis heute mit den Spielregeln der Spitzenpolitik tue.

Fragt man auf der anderen Seite den SPÖ-Chef, ob er Kurz leiden könne, antwortet dieser nicht mit "Ja" oder "Nein", sondern mit Sätzen wie: "Ich schätze ihn auf professioneller Ebene."

Das kann vieles bedeuten. Es kann heißen: Ich mag nicht, was er fordert – aber immerhin weiß er, wie Politik funktioniert.

Es kann aber auch heißen: Kurz ist gut, aber skrupellos.

Zuletzt hatte man den Eindruck, dass es Kern und der SPÖ genau darum geht. "Verantwortung zu übernehmen heißt auch, nicht an das eigene Glück, sondern an Österreich zu denken."

Mit Sätzen wie diesem macht der Kanzler die charakterlichen Untiefen seines Gegenübers zum Thema.

Und genau das wiederum fürchtet Kurz: dass er persönlich und untergriffig von der roten Wahlkampf-Maschine attackiert wird. Schon vor Monaten echauffierten sich ÖVP-Landeshauptleute im kleinen Kreis, die SPÖ suche systematisch nach dunklen Flecken in der Biografie von Kurz. Selbst in den Schulen frage man nach!

Wozu sind die beiden am Ende fähig? Wie weit werden Kurz und Kern im Wahlkampf wohl gehen? Die Fragen sind kaum zu beantworten. Wahlkämpfe folgen eigenen Gesetzen, Kurz wie Kern waren nie zuvor Kanzler-Kandidaten.

Wer aber wissen will, wer derzeit die besseren Karten hat, der kann Menschen wie Othmar Hill fragen. Der Personalberater hat sein ganzes Leben damit verbracht, Menschen zu beobachten, einzuschätzen. Sein Konzern hat 50 Büros in 30 Ländern, und für Hill läuft momentan alles für einen Kandidaten: "Das Match heißt ,Oberfläche gegen Inhalt’ und da gibt es einen, der jugendlich strahlt, und einen zweiten, dem man die Anstrengungen der Spitzenpolitik ansieht. Das Rennen macht fast immer der Strahlemann, das ist ein psychologisches Naturgesetz", sagt Hill zum KURIER.

Was, wenn der Kanzler dieses Gefühl auch bekommt – oder schon hat? "Man kann sich anständig behandeln, trotz allem", sagt Kern. Das stimmt natürlich. Aber werden sie sich bis zum Schluss auch daran halten, die beiden "Vollholler"-Koalitionäre?