Kern als "bester und traurigster Kanzler"

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Foto: /Screenshot Christian Kern: Der SPÖ-Kanzler tingelte im Bus durchs Land

"Die letzte Ausfahrt". Ein neues Buch beschreibt, woran der Wahlkampf der SPÖ gescheitert ist.

Manchmal ist Politik eine deprimierende Angelegenheit: Du sitzt drei Stunden lang im Autobus – nur für die Hinfahrt. Du steigst aus – und es regnet. Und dann darfst Du vor ein paar versprengten Zuhörern, sagen wir es sind zwei Dutzend, auf dem Vorplatz eines trostlosen Bahnhofs sprechen, um im Anschluss drei Stunden lang wieder zurückzufahren. Als Bundeskanzler von Österreich.

Markus Huber saß in diesem Bus. Sechs Wochen lang hat der frühere Innenpolitik-Journalist Christian Kern begleitet. Huber tat, was im anglo-amerikanischen Raum durchaus üblich ist, in Österreich aber selten gemacht wird: Er war "embedded", durfte also bei Terminen und Sitzungen dabei sein, die für andere Tabu waren. Und im Wissen um diese Sonderstellung bemüht sich der Herausgeber des Fleisch-Magazins um ein wohl tariertes Bild des Kanzlers.

Peinliche Autogrammstunde

In einprägsamen Anekdoten illustriert Huber nicht nur, was im SPÖ-Wahlkampf alles schief gelaufen ist. Etwa, dass der SPÖ-Chef viel zu oft vor viel zu wenigen Menschen auftreten musste und so schon vor dem Intensiv-Wahlkampf ausbrannte. Exemplarisch gibt es eine Szene in St. Pölten, wo sich der SPÖ-Bürgermeister bei einer Autogrammstunde von Christian Kern gleich zwei Mal anstellt, nur damit der Kanzler wie vorgesehen zumindest 30 Minuten Autogramme geben kann.

Beobachter Huber zeigt, wie hoch der Stresspegel bisweilen wird; wie oft in der Politik improvisiert wird – nämlich ständig; und was die digitalen Medien, der TV-Wahlkampf und insbesondere die Boulevard-Berichterstattung mit Politikern und Parteien anstellen.

"Die letzte Ausfahrt" ist keine hagiografische Huldigung, aber auch kein Verriss des Quereinsteigers Kern.

Es ist das Bemühen zu verstehen, wie Spitzenpolitik im Jahr 2017 funktioniert und wie es sein konnte, dass der SPÖ-Chef für Huber am Ende beides war: "Der wahrscheinlich beste Bundeskanzler, den Österreich seit langem hatte, und gleichzeitig die traurigste Kanzlerfigur seit Fred Sinowatz".

(kurier) Erstellt am
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