Politik | Inland
10.04.2017

Keine religiösen Analphabeten

Die Hälfte der Schüler des Islamischen Gymnasiums sind Türken. Die Kopftuch-Debatte beschäftigt Kinder wie Lehrer. Der Direktor zeigt sich besorgt.

„As-Salamu 'alaikum“ begrüßen die Erstklässler den Lehrer laut und kichernd im Chor. Es ist der islamische Friedensgruß, der hier an diesem Wiener Gymnasium in Rudolfsheim-Fünfhaus, voll Stolz und Freude schon fast gesungen wird. Gerade hat die Religionsstunde begonnen, vor den zehnjährigen Burschen und Mädchen steht ein junger Mann in Jeanshemd und Sneakers, der sich locker mit „Ich bin Ahmed“ vorstellt. Foto wollte er keines von sich in der Zeitung sehen. Das wäre dem 26-Jährigen „ehrlich peinlich“ vor seinen Freunden und der Familie, sagt er und lacht dabei so herzlich, dass man es ihm sofort glaubt.

Ahmed spricht aber gerne über seine Tätigkeit als Religionslehrer hier am Islamischen Gymnasium. „Nach dem Friedensgruß lesen die Kinder einen Text aus dem Koran oder sagen eine Sure auf.“ Danach würden unterschiedliche Themen aufgegriffen, es wird nach dem offiziellen Lehrplan des Ministeriums gearbeitet. Gerade hier bei den jüngsten Kindern sei das Etablieren einer Klassengemeinschaft besonders wichtig. Ahmed hat mit ihnen über Neid gesprochen, Texte vom Propheten gelesen, darüber, was er über Neid gesagt hat. „Dass Neid die guten Taten auffrisst wie das Feuer das Brennholz verbrennt.“ Ahmed lehnt an der Fensterbank, streicht sich durch die Haare, während er erzählt. „Was meinte der Prophet damit?“ Solche Fragen stellt er den Kindern. „Sie werden sehen, dass das religionsunabhängig ist, es geht darum, ein guter Mensch zu sein.“

In den etwas höheren Schulstufen behandle er andere Themen. Etwa auch den Vergleich von Islam und Christentum. Ahmed richtet sich das Hemd, blinzelt durch das Fenster in die Aprilsonne hinauf und dann hinunter in den vierkantigen, betonierten Innenhof der Schule. Wenn Ahmed spricht, dann tut er dies überlegt. Ein smarter junger Student, der schweren Herzens zugibt, dass sein WU-Studium derzeit etwas leide, weil er hier unterrichtet. Aber das Lehramt-Masterstudium, das zieht er rasch durch. Denn das Unterrichten hier, das sei eine wirklich gute Sache.

Der Staat finanziert die Lehrer

Das IRGW (Islamische Realgymnasium Wien) gibt es seit 1999. Eine konfessionelle Privatschule mit Öffentlichkeitsrecht. Damals hatten sich ein paar Eltern zusammengetan und mit einigen Anlaufschwierigkeiten die Gründung durchgebracht. Als Trägerverein fungiert der islamische Verein „SOLMIT-Solidarisch Miteinander“. Insbesondere bezweckt der Verein die „Integration der in Österreich lebenden Menschen muslimischen Glaubensbekenntnisses in die österreichische Gesellschaft und die Förderung des wechselseitigen Verständnisses und des Zusammenlebens von Muslimen und Nichtmuslimen.“ Der Staat finanziert ausschließlich die Lehrer. Alles andere muss die Schule selbst bezahlen.

Daher wird den Eltern auch ein monatliches Schulgeld von 150 Euro verrechnet. Und vielleicht erklärt sich dadurch, dass die Räumlichkeiten etwas marode und die Ausstattung teils karge ist. Es gibt keinen Festsaal, es gibt keinen Turnsaal. Aber es gibt 300 äußerst lebhafte Kinder. Im Innenhof des Gebäudes toben sie sich aus, es ist der einzige Ort der Schule, der das zulässt.

Zwischen den kreischenden und lachenden Kinderstimmen sticht plötzlich die von Muhammet Tosun heraus. Groß, schlank, Brille, braunes Sakko und Krawatte. 38 Jahre jung und Direktor der Schule. Er hat sich einen der Jungen herausgefischt und sieht ihn ernst an. „Was nicht geht, ist Blödsinn machen und nicht dazu stehen.“ Ein Fenster ist zuvor zu Bruch gegangen. Doch Tosun hat dafür jetzt keine Zeit und übergibt an einen Mitarbeiter nach seiner kurzen Standpauke, die er recht lässig abgehalten hat. Tosun hat wirklich keine Zeit, er muss doch durch das Schulgebäude führen. Und dies macht er in äußerst sportlichem Schritt und schnellem Tempo. Ein Mann, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt und immer einen trockenen Schmäh auf den Lippen trägt. Ein lockerer Umgang und eine familiäre Atmosphäre sind dem Vater zweier Kinder sehr wichtig. „Locker, aber nicht unseriös.“ Während er die Stockwerke rauf und runterzischt, erzählt er etwas über die Geschichte des Gebäudes, die Kinder, die hier unterrichtet werden und über die Dinge, die gut laufen und jene, die nicht so gut laufen.

Angekommen im Büro des Direktors gibt es zuerst einmal Kaffee und kleine Muffins. „Die Kinder hier sind schon sehr laut, oder?“ Endlich etwas Stille, er schließt die Türe. „Doppelt so herzhaft, aber auch doppelt so lebhaft“, sage ich vor allem über die Türken gerne.

Obwohl es Tosun wichtig ist zu erwähnen, dass seine Schule kein reines „Türkengymnasium“ sei, so ist es dennoch Faktum, dass die Hälfte seiner Schüler aus der Türkei stammt. Danach folgen Araber - vor allem aus Ägypten, dem Irak und Syrien. Auch viele bosnische Muslime werden hier unterrichtet. Die kleinsten Gruppen stammen aus Tschetschenien, Bangladesch und Pakistan. „Eine bunte Mischung“, sagt Tosun.

Das Wort Reibung verwendet Tosun nicht gerne und er sei auch absolut kein Freund von Nationalismen, aber er gibt zu, dass es „Unterschiede“ und daraus folgende Schwierigkeiten unter den Kindern gibt. Er sagt, dass es manchmal „Probleme“ zwischen den Schülern mit türkischem Migrationshintergrund und den restlichen gibt. „Es ist die Sprache. Weil die Türken doch recht dominant sind. Sie reden in der Pause immer wieder türkisch, und ab und an verirren sich dann auch in den Unterricht türkische Wörter. Das führt zu Konflikten. Die anderen Kinder hören ihren Namen, wissen nicht, was sie sagen.“

Die Hausordnung der Schule besagt, dass ausschließlich Deutsch und Englisch gesprochen werden soll. Sprachen, die hier jeder versteht. Es ist ein Gebot. Merken die Lehrer oder Direktor Tosun, dass sich türkische Kinder nicht daran halten, dann werden sie aufgefordert, damit aufzuhören. „Aber es gibt keine Konsequenzen, wenn sie es nicht machen“, sagt Tosun. Es sei ja auch Tatsache, dass sie immer dann ins Türkische zurückfallen, wenn sie emotional werden. Genau da liegt für Tosun das Problem. „Wenn diese Kinder Deutsch nur im Unterricht sprechen, dann werden sie die Sprache nie verinnerlichen. Deutsch bleibt dann immer etwas Fremdes. Damit sie gut darin werden, müssen sie sie auch außerhalb verwenden. Das ist unser Ziel.“ Alle anderen Streitereien hätten nichts mit der Herkunft zu tun. Und sollten es zu schwierig werden, dann springt die schuleigene Sozialarbeiterin ein, die ebenfalls privat finanziert wird. „Sie ist eine wichtige Stütze für uns.“

„Ned mit mia“

Muhammet Tosun. Die Liebe hat ihn vor Jahren nach Wien geführt. Seine Lehramt-Studien in Physik und Mathematik hat er in Oberösterreich abgeschlossen. Zuerst war er Lehrer, seit vier Jahren ist er der Chef der Schule. Tosun kennt fast alle Namen der 300 Kinder. Wenn er durch die Gänge zischt, kann Tosun drei Gespräche gleichzeitig führen. Wenn er ein Kind zurechtweist, so macht er es auf charmante Weise, äußerst respektvoll. Immer wieder fällt er in seinen oberösterreichischen Dialekt zurück.

Tosun ist wohl das, was man einen liberalen Muslim nennt. Als Kind hat er eine sehr strenge Koranschule besucht. Mit 14 habe er dann „drauf gepfiffen“, wie er selbst sagt. „Ned mit mia“, und da ist er wieder, der Dialekt. Doch heute, da sei das glücklicherweise anders. „Also in den Koranschulen, die ich kenne, da geht es nicht mehr so zu.“ Auch wenn es kitschig klinge, aber heute, da stehe die Freude an der Religion im Vordergrund. Ohne Druck, ohne Prügel.

"Koranschulen schützen vor Radikalisierung"

Auch viele der Schüler des IRGW besuchen zusätzlich zum islamischen Religionsunterricht auch den privaten Koranunterricht. „Die Eltern unserer Kinder sind natürlich daran interessiert, dass sie eine religiöse Ausbildung erhalten. Auch der Trägerverein SOLMIT habe da ein Interesse daran. Deshalb biete er am Samstag zusätzlichen Koranunterricht hier an. Angesprochen auf die „Blackbox Koranschule“ winkt Tosun beschwichtigend ab. „Ich finde das ist etwas Gutes“, sagt er bestimmt. „Wer läuft denn Gefahr, radikalisiert zu werden?“ Er blickt fragend herüber. „Das sind doch immer religiöse Analphabeten. Jene, die keine Ahnung von der Religion haben, vielleicht in einer Sinnkrise stecken und dann geistig okkupiert werden.“ Der Dialekt ist weg. Tosun ist es sehr ernst mit diesen Worten, das merkt man.

Die Radikalisierten, die seien nicht in funktionierenden Moschee-Gemeinden aufgewachsen. Die hätten durchwegs nichts mit der Religion zu tun gehabt. „Ich sehe Koranschulen als Schutz vor Radikalisierung.“ Die Schönheit des Islam werde gezeigt, den Kindern werde Geborgenheit vermittelt. Und mit dem gelehrten Wissen könnten die Schüler dann aus einer religiösen Basis all dem Unfug, der kursiere, entgegen argumentieren. „Ich glaube, Koranschulen leisten einen sehr wertvollen Dienst in der islamischen Community gegen radikale Tendenzen.“

Die Kinder hier haben 100-prozentigen Migrationshintergrund. Sogar aus Neunkirchen und Deutsch-Wagram reisen sie an. Manche Eltern sind konvertierte Muslime. Das Schulgebäude, ein unscheinbares gelbes Haus in der Rauchfangkehrer Gasse. Daneben eine Kfz-Werkstatt. Ein kleines außen angebrachtes Logo lässt darauf schließen, dass sich innerhalb eine Schule befindet.

Betritt man das Innere, sticht ein Schild sofort ins Auge: „Gebetsraum“ steht darauf in großen Buchstaben. „Das Gebet ist die wichtigste Säule des Islam“, sagt Tosun. Immer wieder geht die Tür zum Direktionszimmer auf und Lehrer stürmen herein, die Fragen an ihn haben. Tosun hat für jedes Problem eine Lösung. Unbeirrt findet er immer wieder zum Gespräch zurück. „In der Mittagspause können die Kinder in den Raum und beten. Wer nicht geht, der geht nicht. Es bleibt ihnen selbst überlassen.“ Die Schule stelle getrennte Gebetsräume für Jungen und Mädchen sowie Waschmöglichkeiten und eine Aufsicht zur Verfügung. Ansonsten merke man den islamischen Einfluss in der Schule kaum. „Es gibt keine morgendlichen Gottesdienste oder dergleichen“, und es klingt etwas so, als wolle er sein Gegenüber auf den Arm nehmen. Er weiß um die Klischees und typischen Fragen, die Muslime in unserer Gesellschaft aufwerfen.

Es wirkt so, als habe Tosun sich dazu entschieden, dem Ganzen mit Sarkasmus und schnellen Antworten zu entgegnen. Wie etwa auf die Frage, ob die Geschlechter hier unterschiedlich behandelt werden. „Ja klar, die Burschen werden stark geschlagen, die Mädchen nur wenig“, kontert er innerhalb von einer Sekunde. Er kann sein Grinsen dabei kaum verbergen. Doch dann wird es wieder ernst. „Blödsinn“, hängt er sicherheitshalber an. „Eine Sache ist mir eingefallen“, sagt Tosun. „Wenn Fastenmonat ist, dann nehmen wir beim Turnen natürlich darauf Rücksicht. Oder wenn Kinder aus religiösen Gründen keine mehrtägigen Ausflüge machen dürfen. Da haken wir nicht nach, sondern es wird akzeptiert.“

Die Kopftuch-Debatte

Es seien eher die Jungs, die in die höher bildenden Schulen wechseln. Die Mädchen, die bleiben fast alle bis zur Matura hier. „Das hat auch viel mit dem Kopftuch zu tun“, sagt Tosun. Hier würden sie sich sicher fühlen. Denn die Angst, woanders benachteiligt zu werden, sei oft groß. Die aktuelle Kopftuch-Debatte und das entsprechende Gesetz ist auch hier ein Thema. Auch wenn das Kopftuch an sich nie eine große Sache war. Wer mag, der soll. „Kein Druck. Das darf nicht sein, das passiert auch nicht. Bei uns gibt es beides. Mädchen mit und welche ohne Kopftuch“, sagt Tosun.

Dass die Gesellschaft sie immer mehr an den Rand stelle, das bekämen die Mädchen hier selbstverständlich mit. In den achten Klassen werde dies besprochen. Das Gefühl, als Problem wahrgenommen zu werden, belaste viele hier. Erstens bringe die Gesetzgebung wenig Praktisches mit sich, sagt Tosun. Und zweitens werde da natürlich eine Message mitgeliefert: Das Kopftuch muss weg. „Wir haben hier Kinder, die damit aufgewachsen sind. Das Kopftuch ist Teil ihrer Identität. Sie sehen es an Vorbildern, ihren Müttern und Großmüttern“, sagt Tosun besorgt.“ Es gebe immer wieder Fälle, die ihm sehr leid täten. Ein Mädchen hatte sich im Rahmen der berufspraktischen Tage bei einem Kindergarten beworben. Als sie sagte von welcher Schule sie komme, musste sie gehen.

Wie eine Familie

Das größte Problem sei jedoch immer noch das Schulgebäude. Es gehöre eigentlich dringend nachgebessert. „Es ist wichtig, dass eine Schule einen Festsaal hat. Eine Aula. Einen Turnsaal. Dort können sich die Kinder entfalten. Das haben wir nicht. Bei uns ist der Hof der einzige Bereich, wo die Kinder sich intern bewegen können. Das merkt man auch“, lacht Tosun und vergleicht die Situation in der Schule mit der in einer Legebatterie. Zum Turnunterricht wird auf externe Säle ausgewichen. „Wie schätzen Sie die realistischen Chancen ein, dass das Gebäude renoviert werden kann? „Schlecht.“

Es gibt aber auch Dinge, die ausnahmslos gut laufen hier am IRGW, findet Tosun. „Das Besondere ist unsere familiäre Atmosphäre. Die ist einerseits auf die niedrige Schülerzahl zurückzuführen. Andererseits auf die jungen und motivierten Kollegen hier."

Eine von ihnen ist Michaela Elgebaly. Früher hat sie Hochschulkurse für Erwachsene abgehalten. Dann hat sie sich dafür entschieden, das Kopftuch zu tragen. „Das wäre dort schwierig gewesen, aber das war nicht der einzige Grund für den Wechsel“, erzählt die konvertierte Muslimin. „Ich mag die Atmosphäre und in Anbetracht der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Debatte, bin ich froh, hier zu sein“, sagt die Deutschlehrerin. Michaela Elgebaly ist bereits vor 25 Jahren konvertiert. Lange Zeit hat sie kein Kopftuch getragen, erst später kam der Wunsch. „In dieser Schule kann ich Beruf und Glauben verbinden.“

Heute liest sie mit der Klasse einen Text von Sulaiman Masomi, dem deutschen Poetry Slammer. Sie müsse sich mit dem Stoff etwas beeilen, durch eine Wiederholungsschularbeit sei sie in Verzug, erzählt sie. Das Deutschniveau der Kinder sei sehr unterschiedlich, hier in der sechsten Klasse aber recht gut. „Viele sprechen auch zuhause Deutsch. Das merkt man.“ Wenn es aber eine Sache gebe, die besonders mühsam sei, dann das ständige Ermahnen der türkischen Kinder, doch bitte Deutsch zu reden. „Das ist schon sehr anstrengend“, sagt Elgebaly höflich lächelnd.

Muslim und Europäer

Direktor Muhammet Tosun weiß, dass seine Schule nie den Standard einer öffentlichen Schule erreichen wird. Zu wenig Geld ist da. Aber Tosun tut, was er kann. Es gibt mehrtägige Ausflüge in die Bundesländer, um den Kindern auch andere Seiten von Österreich zu zeigen. Es gibt eine Sportwoche, damit die Kinder auch andere Sportarten als Fußball kennenlernen. Und es gibt eine London-Woche. „Weil ich der Meinung bin, trotz aller Probleme, funktioniert dort das Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen sehr gut. Ich will, dass die Kinder sehen, dass es möglich ist, Muslim und gleichzeitig auch europäischer Bürger zu sein. Es ist doch eine wunderschöne Erfahrung, wenn sie eine Polizistin mit Kopftuch sehen, wie das in London eine Selbstverständlichkeit ist.“