Politik | Inland
30.01.2015

Kanzler zeigt Kanten: Faymanns neue Offensiv-Strategie

Imagekorrektur. Härteres ÖVP-Gegenüber, neuer Pressemann setzt auf Breite – warum der SPÖ-Kanzler seit Kurzem öfter und akzentuierter auftritt.

In sozialen Foren wurde der Rote Werner Faymann tituliert wie weiland der Schwarze Wolfgang Schüssel: "Schweigekanzler". Er äußere sich zu kaum etwas, verweigere Auftritte in der ZiB2, wurde beklagt. Nur den Boulevard "füttere" er in seinem Sinne.

Nun ist Faymann auch abseits von diesem verbal und medial rührig. Den Bundesländer-Zeitungen gab er ein Interview, Dienstagfrüh war er – vor dem Ministerrat und dem Flug nach Polen zum Gedenken an die Auschwitz-Opfer – im Ö3-Studio. Über die Folgen der Wahl in Griechenland sprach er dort. Ein Hörer urteilte via Twitter: " Faymann hat im ,Wecker‘ mehr gesagt als in der ZiB in seiner gesamten Regierungszeit!" Was und wie er manches neuerdings sagt, erstaunt. Das Harmoniebedürfnis ist Konfliktfreude gewichen. Lange Zeit versuchte Faymann, den Koalitionspartner nicht zu vergrämen. Auf "das Gemeinsame" verwies er bei jeder Gelegenheit. Heftige Töne gegen die ÖVP gab es – zum Leidwesen vieler Genossen – kaum.

Diese Woche wurde Faymann nicht nur während der Regierungssitzung emotional; er matchte sich mit ÖVP-Vizekanzler Reinhold Mitterlehner auch hernach – vor Journalisten. Unterschiedliche Zugänge im Umgang mit dem Abdullah-Zentrum der Saudis in Wien haben die beiden. Beim Thema "Integrationsunwilligkeit" sind sie ebenfalls uneins. Ein Twitterant befand: "Faymann hat im Pressefoyer nach dem Ministerrat zum ersten Mal gezeigt, dass er neben Mitterlehner bestehen kann."

Was oder wer steckt hinter der Offensive? Faymann hat erkannt, dass er mit der Defensiv-Strategie nicht reüssiert, weder in seiner Partei noch bei den übrigen Bürgern. Schon gar nicht angesichts des neuen Gegenübers in der ÖVP. Mitterlehner ist ein herausfordernderer Widerpart als dessen Vorgänger Spindelegger. Jenen, die ihn politisch nach dem Parteitag abgeschrieben haben, will Faymann trotzen.

Auch sein neuer, zweiter Pressesprecher hat Anteil am akzentuierteren Stil. Ex-Medien-Mann Matthias Euler-Rolle ist von SPÖ-Minister Josef Ostermayer zu Faymann gewechselt; mit Kunst und Kultur-Agenden war er bei Ostermayer befasst. Der 37-Jährige organisierte auch Breitenwirksames: den Auftritt von Conchita Wurst auf dem Wiener Ballhausplatz, bei dem sich der Kanzler mit der Song-Contest-Siegerin ins Bild rücken konnte; detto die Gedenkkundgebung "Gemeinsam gegen den Terror" nach den Anschlägen in Paris.

Euler-Rolle, der einst bei Ö3 moderierte, dann 10 Jahre eine PR-Agentur führte, will nicht von "Kurswechsel" sprechen: "Es gibt ein Interesse der Öffentlichkeit an Werner Faymann, an seinen Ansichten, an seiner Arbeit. Dem versuchen wir gemeinsam Folge zu leisten." Was dessen Vermarktung anlangt, sagt er: "Er ist so, wie er ist. Nicht gecoacht, nicht verbogen, nicht verändert." Pathetischer Nachsatz: "So lange Menschen Menschen sind und nicht zu Produkten werden, kann man sie auch nicht verkaufen."