Ein Passant wünscht sich ein Selfie mit Kern, weiß aber nicht wie das funktioniert. Der Kanzler übernimmt die Regie.

© KURIER/Gerhard Deutsch

Kern in Simmering
09/07/2016

"Kanzler, i trau’ mi ned auf di Stroß’n"

Der Bundeskanzler in seinem Heimatbezirk. Pensionisten und Polizisten beklagen viele Sorgen.

von Ida Metzger

"Der interessiert mi ned. Die ganze Brut interessiert mi ned." Für das ORF-Kamerateam ist es nicht gerade einfach, Statements von Passanten in Simmering zu ergattern, die auch "on Air" gehen können. Immerhin hat sich Bundeskanzler Christian Kern für den Vormittag angesagt. "Der traut si’ in die blaue Hochburg?" fragt ein Mittfünfziger ins Mikro. "Der is ja a Simmeringer", kontert eine Frau am Nebentisch.

Wenige Minuten später erscheint der SPÖ-Kanzler, dessen Mutter nur einige Straßen entfernt lebt, tatsächlich. Frisur und Anzug sitzen ultraperfekt wie immer, als Kern das Shoppingcenter betritt.

Ein Heimspiel ist Simmering für den Regierungschef aber nicht. Der elfte Wiener Bezirk avancierte vielmehr zur rot-blauen Kampfzone. Kerns Heimat war bis zu den Wien-Wahlen 2015 der Prototyp einer roten Hochburg, bis der blaue Pauli Stadler die FPÖ zur stärksten Partei machte.

Der typische Arbeiterbezirk ist durchzogen mit Gemeindebauten für Menschen, die auf soziale Unterstützung angewiesen sind.

"Die SPÖ ist schuld"

Für den roten Kanzler sind die Stunden in Simmering ein harter Kontrast zum Publikum des Vorabends. Da organisierte Kerns Ehefrau Evelyn Steinberger einen Abend für Alexander Van der Bellen. Gleichsam im Handumdrehen spendete die Wiener Society bei einer Versteigerung mehr als 100.000 Euro. Diese Summe verdient kaum ein Simmeringer im Jahr. Schon gar nicht im Handumdrehen.

Kern parliert am Würstelstand mit einem Sozialhilfeempfänger. Der Mann klagt, dass er wegen der Pensionsreform weitere zwei Jahre in der Mindestsicherung fristen muss, bis endlich sein Pensionsalter erreicht ist. Die Schuldigen für seine Misere hat er schon definiert: "Der Hundstorfer und die SPÖ haben das zugelassen." Er fühlt sich alleine gelassen. "Wir müssen wieder Lösungen für diese Menschen finden. An die SPÖ hat man eine höhere soziale Erwartungshaltung", bilanziert Kern. Und meint weiter: "Wenn ich den Bogen von gestern auf heute spanne, dann ist es die gesamte Breite der Gesellschaft. Mit der Innenstadt gewinnt man keine Wahlen. Hier ist der wahre Battleground." Zurück in die "Löwengrube" Shoppingcenter. Der Kanzler entpuppt sich als Charmeur, umgarnt die Pensionistinnen mit Komplimenten wie: "Sie können doch noch gar keine Enkerl haben." Diskutiert mit den Stylisten über Haarschnittpreise für Männer.

Da stürmt eine Pensionistin auf Kern zu. "Herr Kanzler, wann mochens endlich was gegen die Flüchtlinge?" Sie schildert, dass sie in einer Eigentumswohnung lebt, wo im Haus plötzlich Flüchtlinge eingezogen sind. "Wer zahlt des eigentlich?" Kern macht kein Geheimnis daraus, dass es die Aufgabe der Gesellschaft ist, sich um die Flüchtlinge zu kümmern und will wissen: "Was wünschen Sie sich?" "Das wieder a normales Leben einkehrt. Herr Kanzler, als Frau trau’ i mi abends ned auf di Stroß’n. Die schau’n so heimtückisch aus." "Nicht doch", kontert der Kanzler. "Gauner gibt es unter den Österreichern auch." Das Argument zieht bei der Dame: "Des stimmt, man darf ned alle in an Sack stecken."

Kerns Bilanz: "Viele Sorgen führen die Menschen auf die Migration zurück. Hier müssen wir ansetzen, auch wenn es keine schnelle Antworten gibt."