Politik | Inland
03.03.2018

Kärntner Wahlkampf ohne Hauen und Stechen

Parteien-Schlachten waren einmal. Peter Kaiser zieht küssend durchs Land und entwaffnet so seine Gegner.

Nach 1989, als die SPÖ ihre absolute Mehrheit verlor, wurde Kärnten zum politischen Schlachtfeld zwischen Rot und Blau um die Vorherrschaft im Land.

Bei der Wahl am morgigen Sonntag will erneut eine rechte Koalition aus FPÖ und ÖVP der SPÖ den Landeshauptmann-Sessel abjagen.

Es geht also für die Parteien wieder einmal um alles, und dennoch hat sich eines völlig geändert: der Stil.

Der linksintellektuelle Peter Kaiser regiert seit fünf Jahren im Konsensprinzip. Das ist durchaus nicht einfach, ist er doch Chef einer Dreiparteien-Koalition aus SPÖ, ÖVP und Grünen.

Seinen samtpfötigen Stil pflegt er auch im Wahlkampf. Kaiser verzichtet auf Plakate und parteipolitischen Attacken. Stattdessen menschelt es. Es wird geküsst und gescherzt, die Politik ist auf Grundlegendes reduziert. In den letzten Tagen vor der Wahl absolviert Kaiser einen Marathon mit 42 Stationen durch ganz Kärnten. Der KURIER beobachtete ihn dabei (von Station 13 bis 18).

Trend-Jobs für Junge

Am Ufer des Wörthersees befindet sich der Lakeside Park, ein Technologiecampus mit vielen Firmen. Zu dem Park zählt eine Lehrwerkstätte für Jugendliche, die erfolglos Job gesucht hatten. Hier werden sie aufgefangen und in trendigen Berufen ausgebildet. Das richtet ihr Selbstbewusstsein auf und macht sie zu gefragten Arbeitskräften. "Viele Firmen wollen ihr Online-Geschäft ausbauen, wissen aber nicht, wie das geht. Wir versorgen diese Firmen mit Arbeitskräften, die das Know-how bei uns erlernen", erzählt Projektleiterin Daniela Zöchmann.

Gut hundert Jugendliche betreut die Lehrwerkstätte im Jahr, die meisten werden noch vor Lehrabschluss von einer Firma angeheuert. "Es ist nicht besonders klug von der neuen Bundesregierung, die Lehrwerkstätten schließen zu wollen", sagt Zöchmann. Kaiser nickt verständnisvoll und verspricht Unterstützung.

Nächste Station, Benediktinermarkt in Klagenfurt. Es hat minus elf Grad, und bibbernde ältere Frauen lassen sich vom Landeshauptmann die frierenden Finger wärmen. "Das mache ich gratis", scherzt Kaiser. Für manche Frauen gibt es Wangenküsschen, Männer klopfen ihm auf die Schulter. Einer ruft: "Ich habe Sie schon am Vorwahltag gewählt", ein anderer sagt: "Mit mir brauchen S’ nicht mehr reden, bei mir ist alles klar. Ich habe Sie das letzte Mal gewählt und wähle Sie diesmal wieder."

Gräben vorhanden

Die Standler verkaufen Speck, Würstel, Käse und Palmkätzchen. Einige Marktkunden drücken sich am SPÖ-Wahlkampftross vorbei und vermeiden Blickkontakt. Das lässt die nach wie vor vorhandenen politischen Gräben in der Bevölkerung erahnen, aber offene Aggression gibt es nicht mehr. "Die Stimmung gegenüber der SPÖ ist sehr freundlich in diesem Wahlkampf", erzählt Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz.

"Im Gegensatz zu 2013 war dieser Wahlkampf ruhig, respektvoll und frei von Untergriffen", zollt Kaiser den anderen Parteien Anerkennung.

Diese Art von Politik findet auch bei Personen Anklang, die nicht zur SPÖ-Stammklientel zählen. Peter Wolte, Manager von Haider-Bau in Wernberg, sagt zu Kaiser während der Führung durch den Betrieb: "Ich schätze Ihren Stil, Sie patzen niemanden an. Machen Sie weiter so." Kaiser fragt den Firmenchef, was er sich von der Politik dringend wünscht. Antwort: "Für mehr Fachkräfte zu sorgen. Ich würde sofort drei Techniker und einen Architekten einstellen, aber ich kriege sie nicht."

Tatsächlich werden selbst im krisengebeutelten Kärnten langsam die Arbeitskräfte knapp. Um fast 20 Prozent ist die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen zuletzt gesunken.

Die nächsten beiden Stationen sind für Kaiser ein Heimspiel. Beim Landeselektrizitätsversorger Kelag und im Servicecenter der ÖBB in Villach sind die Belegschaften Bastionen der roten Gewerkschafter.

Gesundheitstipps

Im Dörfchen Kerschdorf bei Velden hat sich der örtliche Pensionistenverband versammelt. Das Gasthaus ist bummvoll. Kaiser hört sich geduldig die Reden der örtlichen Funktionäre an, er selbst beschränkt sich auf Gesundheitstipps: "Alt werden und gleichzeitig jung bleiben – dafür habe ich das Zaubermittel. Ihr müsst euch so lange wie möglich bewegen und fit halten. Geht oft zum Pensionistenverband, anstatt allein zu Hause zu sitzen. Wenn euch was weh tut, schmiert euch ein. Meine Oma hat sich immer die Knie fest eingeschmiert, dann hat sie vorm Fernseher wunderbar geschlafen."

Nein, Kräutersalben hat er (noch) nicht verteilt.

Das kommt vielleicht im nächsten Wahlkampf.

„Die Frau habe ich nicht gekannt“

Für die ÖVP ist Kärnten ein hartes Pflaster. Sie läuft ständig Gefahr, zwischen Rot und Blau zerrieben zu werden. Bei dieser Wahl glaubt die ÖVP ein Gegenmittel gefunden zu haben: Sebastian Kurz und die Bundes-ÖVP.

Doch nicht immer wirkt der neue Zaubertrank. Beispiel Völkermarkt am Freitag Vormittag. Innen-Staatssekretärin Karoline Edtstadler begleitet den Kärntner ÖVP-Chef Christian Benger auf der Werbetour am Hauptplatz der Kleinstadt. Der ÖVP-Tross geht von Marktstand zu Marktstand. Doch Edtstadler ist den Leuten nicht bekannt, Benger muss sie erst vorstellen. „Die Frau habe ich nicht gekannt. Den Benger kenn’ ich schon“, verrät die Backhendl-Standlerin dem KURIER. „Ich bin nicht so für Politik“, sagt sie.

Kritik wegen Rauchen

Im örtlichen Kaffeehaus überreicht Edtstadler einem Mann das Werbematerial der ÖVP. „Ich bin nicht wahlberechtigt“, sagt er in einwandfreiem Deutsch. „Ich bin Asylwerber aus dem Iran.“ Er beschwert sich bei ihr gleich über das endlose Asylverfahren, das ihn daran hindert, eine Arbeit anzunehmen.

Beim Mann am Nebentisch hat Edtstadler auch kein Glück. Er ist zwar wahlberechtigt, faucht die Politikerin aber an: „Wenn ihr schon bei einem Problem wie beim Nichtraucherschutz scheitert, was macht ihr denn dann, wenn wirklich einmal was Ernstes zu lösen ist?“ Nichtraucherschutz sei keine Frage der Parteipolitik, sondern des Menschenverstands, gibt er ihr noch mit. Zum KURIER sagt Gerald Morolz: „Sie können mich ruhig zitieren. Strache ist Raucher. Ihn mit dem Nichtraucherschutz zu betrauen, ist, wie zwei Alkoholikern ein Alkoholverbot abzuverlangen.“

Dass die ÖVP hier wenig Zuspruch findet, ist wohl kein Zufall, denn Völkermarkt zählt zu den traditionell roten Hochburgen Kärntens. Insgesamt sagen die Umfragen der ÖVP Zugewinne voraus, Benger selbst rechnet mit einem Zuwachs von zwei bis drei Prozentpunkten auf 16 oder 17 Prozent.

Köfer fischt im FP-Teich

Nicht ganz optimal dürfte der Wahlkampf der FPÖ laufen – zumindest legt das die erstaunliche Tatsache nahe, dass die FPÖ ihre groß angekündigte Schlussveranstaltung in Oberkärnten kurzerhand absagte. Spitzenkandidat Gernot Darmann hätte mit John Otti-Band und allem Drum und Dran in Spittal auftreten sollen. Doch der Hauptplatz blieb überraschend leer, es kam auch kein FPÖ-Helfer, um Werbematerial zu verteilen. Es sei zu kalt, hieß es als Begründung (es hatte plus 2 Grad).

Oberkärnten ist an sich eine FPÖ-Hochburg, dort sind die Scheuch-Brüder zu Hause. Diesmal fischt jedoch Gerhard Köfer im FPÖ-Teich. Köfer war 16 Jahre lang direkt gewählter Bürgermeister von Spittal (für die SPÖ), bis er zum Team Stronach übertrat. Bei der Landtagswahl tritt er nun mit einer „Team Köfer“-Liste an. Zur landesweiten Schlussveranstaltung der FPÖ wird heute Bundesparteichef Strache in Klagenfurt erwartet.