Politik | Inland
21.09.2016

Jobkiller? Anti-CETA-Studie im Faktencheck

Kritiker behaupten, dass in der EU 204.000 Jobs verloren gehen - Experten geben Entwarnung.

„Bringt mir einen einarmigen Ökonomen“, soll US-Präsident Harry Truman einst gefordert haben. Er war das ständige „Einerseits, andererseits“ der Experten leid.

Bei Jeronim Capaldo gibt es keine schwankenden Urteile. Egal ob das Abkommen TTIP, CETA oder TPP (US-Pazifik-Pakt) heißt: Der junge Ökonom von der Tufts-Universität, einer Privat-Uni nahe Boston, berechnet zuverlässig große Einkommenseinbußen und Arbeitsplatzverluste für alle beteiligten Länder. So sollen durch den EU-Kanada-Pakt CETA ganze 204.000 Arbeitsplätze in der EU und 23.000 in Kanada wegfallen. Und obendrein noch weitere 80.000 im Rest der Welt. Kein Wunder, dass Capaldo die Allzweckwaffe der Freihandelskritiker wie ATTAC und Co. ist, die diese Studie am Mittwoch auch in Österreich verbreiteten.

"Zölle irrelevant"

Aber wie seriös ist das? Capaldo verwendet eine Methode (UN Global Policy Model), mit der üblicherweise die Folgen schwerer Krisen prognostiziert werden. Im Wesentlichen folgt das einer keynesianischen Argumentation: Offener Handel steigert den Wettbewerb und erzeugt Druck auf die Löhne. Somit sinkt die Nachfrage, Jobs gehen verloren.

Dass durch Freihandelsabkommen allerdings auch Zölle oder andere Handelsbarrieren wegfallen, kommt dabei nicht vor. Woraus Capaldo gar keinen Hehl macht: "Stimmt, das Modell berücksichtigt sie nicht, aber das ist irrelevant." Zölle spielten ohnehin immer weniger eine Rolle. Und warum lässt sein Modell die Auswirkungen für einzelne Wirtschaftssektoren außen vor? Diese Sektorenmodelle seien "sehr kompliziert" und von einer "irreführenden Genauigkeit", begründet Capaldo, warum er nur Analysen über aggregierte Zahlen liefert.

"Wie Hamlet ohne Prinz"

Andere Ökonomen haben die Berechnungen anfangs lange nicht sehr ernst genommen. Das hat sich geändert, weil Capaldos Studien von Medien laufend aufgegriffen und zitiert werden. Ein Modell, das Warenströme, Investitionen und Verschiebungen bei den Industriesektoren ignoriert, sei gänzlich ungeeignet, ein Handelsabkommen abzubilden, kritisierte etwa Harvard-Professor Robert Lawrence in einer Analyse für die US-Denkfabrik Peterson Institute. Sein Fazit: "Das ist wie Hamlet ohne Prinz."

Ähnlich sieht das Joseph Francois, Chef des World Trade Institute (Bern), der offizielle Studien für die EU-Kommission erstellt hat: "Im Grunde startet Capaldo mit der Annahme, dass 200.000 Jobs verloren gehen werden; das Modell liefert ihm die nötigen Zahlen", sagt er zum KURIER. So übernehme Capaldo zwar die Prognosen der Handelsströme aus anderen Studien. Die erwarteten Gewinne und Verluste lasse er aber beiseite. Die Tufts Universität und UN-Organisation ILO hätten sich von seiner Arbeit bereits distanziert, behauptet Francois.

Ein "Studentenpapier"

Harsch fällt auch das Urteil von Gabriel Felbermayr aus. Der Ökonom am Münchener ifo-Institut spricht von einem "Studentenpapier", das die gut organisierte Anti-TTIP-Kampagne flott in fünf Sprachen übersetzt und damit weltweit verbreitet habe. Er kritisiert freilich auch die eigene Zunft: Die etablierten Ökonomen hätten sich bei Debatten über die Effekte von TTIP und Co. bei den Prozentzahlen verzettelt und seien nicht in der Lage gewesen, den wirtschaftlichen Nutzen zu erklären.

„Wir haben keinen soliden Narrativ“, übt der Wirtschaftswissenschaftler Kritik. In der Öffentlichkeit überwiege deshalb die emotionale Diskussion. Dabei verweist Felbermayr auf die "überwältigend positiven" Erfahrungen der vergangenen 50 Jahre: "Haben wir mehr Handel? Ja! Haben wir dadurch Massenarbeitslosigkeit erhalten? Nein!"

Neoklassische Ignoranz

Der gescholtene Jeronim Capaldo geißelt indes die Methode der Kollegen (im Fachjargon CGE-Modell, Computable general equilibrium) als "neoklassisch". Darin seien negative Arbeitsmarkteffekte nicht vorgesehen. Falsch, kontert Francois, es gebe eine lange Reihe wissenschaftlicher Studien zu Arbeitsmarkteffekten in CGE-Studien. Diese würden allerdings langfristige Folgen analysieren, nicht Kurz-Zeit-Effekte wie Capaldo.

Tatsächlich hätten die offiziellen EU-Studien ein Manko, räumt allerdings ein EU-Beamter in Brüssel bei Hintergrundgesprächen ein: "Wir können sagen, wie viele Jobs am Handel hängen, aber nicht, wie viele Jobs ein neues Abkommen schafft." Was die Kommunikation der CETA- und TTIP-Effekte erheblich erschwert: Die EU-Kommission kann Capaldos Kassandra-Rufen seriöserweise wenig entgegensetzen.

Minimale Zuwächse

Die Mehrzahl der CETA-Studien auf CGE-Basis ergibt auf lange Sicht eine zwischen 0,016 und 0,22 Prozent höhere Wirtschaftsleistung für Österreich, das wäre ein Plus in einem Rahmen von 50 bis 600 Millionen Euro. Die Studie von Francois ermittelt dabei die größten Zuwächse, am anderen Ende liegt Capaldo, der für die gesamte EU ein Minus von -0,06 Prozent der Wirtschaftsleistung ermittelt.

Mittendrin befindet sich eine Studie, die Werner Raza von ÖFSE (Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung) für die Arbeiterkammer Wien erstellt hat. Sie erhebt den Anspruch, die CGE-Modelle mit einer Einschätzung von Arbeitsmarkteffekten zu vereinen. Das Fazit: Die Beschäftigungseffekte durch CETA reichten je nach zugrunde liegenden Annahmen von Null bis zu einem Plus von knapp 600 Vollzeitstellen.

Das Urteil der Ökonomen-Kollegen zu diesem ÖFSE-Modell ist freilich gespalten. Ein "exzellentes Sektorenmodell" findet Capaldo; ein "CGE-Modell der alten Schule, wie aus den frühen 1990ern", kommentiert hingegen Francois.

Was wiederum zurück führt zu Harry Truman und seinem Ruf nach dem einarmigen Ökonomen.

Links zu den erwähnten Studien:

Pierre Kohler, Servaas Storm, Jeronim Capaldo (ed., Tufts University), 2016

Rahel Aichele/Gabriel Felbermayr (CesIfo-Group): CETA-Effekte auf Deutschland, 2014

Werner Raza, Bernhard Tröster, Rudi von Arnim (ÖFSE): CETA - Ökonomische Bewertung der prognostizierten Effekte, 2016

Joseph Francois, Olga Pindyuk (FIW): Modeling the Effects of Free Trade Agreements between the EU and Canada, USA and Moldova/Georgia/Armenia on the Austrian Economy: Model Simulations for Trade Policy Analysis, 2012