Politik | Inland
18.07.2017

IKG-Chef Deutsch: "Jeder Flüchtling sollte Mauthausen besuchen"

IKG-Chef Oskar Deutsch im KURIER-Interview über steigenden Antisemitismus, jüdische Kindergärten und den Nationalratswahlkampf.

Viele europäische Juden sind angesichts des Terrors und des zunehmenden Antisemitismus besorgt über ihre Zukunft. Müssen Juden heute wieder auf gepackten Koffern sitzen? – ist eine der brisanten Fragen, mit dem sich ein neues Buch mit dem Titel "Die Zukunft Europas und das Judentum" beschäftigt. Herausgeber des soeben erschienen Werkes ist Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG). Dem KURIER gab er das erste Interview zum Buch.

KURIER: Herr Präsident, wie schlimm ist die Situation für Europas Juden?

So schlimm wie für andere Europäer auch, nur, dass wir Antisemitismus hautnah spüren. Europas Politiker gehen nicht entschlossen gegen Terrorismus, Extremismus und Antisemitismus vor. Müssen wir wieder auf gepackten Koffern sitzen? Vor zehn Jahren war das kein Thema, jetzt schon.

Nehmen Antisemitismus und Judenhass in Österreich zu?

Die gemeldeten Fälle von Antisemitismus sind auf einem Rekordhoch. Hass im Netz nimmt zu. Schlimm ist die Lage in Frankreich, Schweden und Ungarn, wo die Regierung in einer Kampagne gegen George Soros, den Gründer der Central European University in Budapest, hetzt. Selbst am Boden liegen die Plakate. Man kann auf Soros herumtrampeln. Ich dachte, auf Juden zu treten, gehört der Vergangenheit an. Ich sehe nicht, dass die Europäische Volkspartei, zu der Orbán gehört, etwas dagegen unternimmt.

Wird Antisemitismus und Judenhass durch muslimische Flüchtlinge verstärkt?

Fakt ist, dass in der muslimischen Community antisemitische Propaganda verbreitet wird, stark durch türkische Verbände. Wir dürfen beim traditionellen Antisemitismus nicht wegschauen. Ich erinnere an die Hetze von Jus-Studenten der ÖVP-nahen Aktionsgemeinschaft in Chat-Gruppen. Das zeigt, Antisemitismus ist salonfähig. Bei Muslimen und insbesondere bei Flüchtlingen aus arabischen Ländern ist Antisemitismus oft als Israel-Kritik getarnt. Eines prinzipiell: Antisemitismus ist das Problem der Antisemiten, wir sind die Opfer. Jüdische Einrichtungen werden von Polizisten bewacht, 25 Prozent unseres Budgets geht in Sicherheit. Das Geld könnten wir gut für soziale Angelegenheiten verwenden.

Macht die Regierung nicht genug für die Integration der muslimischen Flüchtlinge?

Der Spracherwerb ist wichtig, auch Unterricht über unsere Werte, Ethik und Humanität im Sinne der Aufklärung. Jeder Flüchtling sollte Mauthausen besuchen, um zu sehen, wohin Antisemitismus führt.

Wird Integration im Wahlkampf eine Rolle spielen?

Österreich muss schauen, dass Integration keine Alibi-Handlung wird, die Regierung wird viel mehr Geld in die Hand nehmen müssen, um Erfolg zu haben. Mit jeder weiteren Flüchtlingswelle wird Integration schwieriger.

Wie sehen Sie den Dialog zwischen Mehrheitsbevölkerung und Juden?

Als Präsident habe ich die jüdische Gemeinde geöffnet, österreichisch-jüdische Kultur gefördert. Ein Schulprojekt namens "Likrat" (hebräisch Annäherung) ist sehr erfolgreich. Jüdische Schüler gehen in Abstimmung mit dem Stadtschulrat zu Nicht-jüdischen Schülern. Sie merken schnell, dass alle die gleichen Hobbys und Interessen haben – mit einem Unterschied, die andere Religion. Jetzt starten wir am Wiener Juridicum ein Pilot-Projekt. Jüdische Studenten diskutieren mit Nicht-jüdischen Studenten.

Es gibt Kritik von Integrationsminister Kurz an streng islamischen Kindergärten. Immer wieder kommt die Frage über die Erziehung in jüdischen Kindergärten. Was sagen Sie dazu?

Jeder Vergleich mit unseren Kindergärten ist eine Chuzpe. Zwei Drittel unserer Kinder besuchen jüdische Bildungseinrichtungen. Das ist in Europa einzigartig. In unseren Kindergärten und Schulen wird Weltoffenheit gelebt. Es wird deutsch gesprochen, Hebräisch angeboten. Unsere Einrichtungen werden von zwei Institutionen inspiziert, dem Landesschulrat und der Kultusgemeinde.

Werden Sie im Wahlkampf Partei ergreifen?

Nein. Mir geht es generell darum, dass Parteien gestärkt werden, die nicht extrem sind und nicht polarisieren. Jede Partei ist wählbar, bis auf die FPÖ. Deshalb sollten SPÖ und ÖVP auch nicht mit der FPÖ kokettieren.

BUCHTIPP Deutsch, O. (Hg.): Die Zukunft Europas und das Judentum. Impulse zu einem gesellschaftlichen Diskurs, Wien 2017, Böhlau-Verlag, 256 S., 24,99 Euro