Politik | Inland 19.09.2016

Ist der Informatik-Unterricht noch zeitgemäß?

Interaktiver Unterricht in der Schule © Bild: dpa-Zentralbild/Marc Tirl

Informatik-Experten wie Gerald Futschek fordern mehr "digitales Denken" an den Schulen. Während andere Länder vorpreschen, betrachtet das Bildungsministerium ein Schulfach Programmieren nicht als vorrangig.

"Langsam brennt der Hut", sagt Gerald Futschek von der Fakultät für Informatik der Technischen Universität ( TU) Wien. Seit Jahren macht er sich für eine höhere Gewichtung der Informatik an den österreichischen Schulen stark. Aber es sei "nichts weiter gegangen, noch immer ist Informatik kein Fach in der Pflichtschule." Nachbarländer wie die Slowakei würden mehr und mehr auf eine intensive Ausbildung in diesem Bereich setzen.

Auf politischer Ebene wollen die Neos Programmieren (englisch: Coding) als Schulfach im Lehrplan verankern, wie es bereits in zwölf anderen europäischen Ländern der Fall sei. Zudem müsse digitale Kompetenz in der Lehrerausbildung verstärkt berücksichtigt werden. "Jedes Kind hat mit zehn, elf Jahren ein Handy, aber der Umgang mit elektronischen Medien wird nicht geübt", kritisierte Parteichef Matthias Strolz kürzlich. Um auch hier Bewegung in die Bildungsreform zu bringen, soll das Thema Bildung aus dem Koalitionspakt herausgenommen und breit diskutiert werden, forderte Strolz.

Für das Bildungsministerium ist ein Auskoppeln der Bildungsmaterie schlicht "keine Option". Auch Programmieren als eigenes Schulfach in den Unterricht zu integrieren sei "derzeit noch kein Thema". Aber Digitalisierung sei ein Schwerpunkt von Bildungsministerin Sonja Hammerschmid (SPÖ). Man verweist im Ministerium auf den Ausbau der Notebook-Klassen und auf die neue Digital-Strategie für Schulen, daran werde, vor allem was die Lehrer-Ausbildung betrifft, intensiv gearbeitet.

"Man muss ein bisschen mehr wissen"

Gerald Futschek geht das nicht weit genug. "Die Arbeitswelt befindet sich im Umbruch, alle Lebensbereiche sind von Informationstechnologie durchdrungen," sagt der Informatiker im KURIER-Gespräch. "Man muss ein bisschen mehr wissen als nur, wie man einen Computer bedient. Sonst wird man zum Sklaven der Computerindustrie." Bei vielen Phänomenen im Internet brauche man vertiefende Computerkenntnisse, um sie zu verstehen.

Gerald Futschek von der Technischen Universität Wien
BILD zu OTS - 200.000 ECDL Zertifikate in Österreich - im Bild v.l.n.r.: a.o.Univ.-Prof. Dr. Gerald Futschek, Präsident der OCG… © Bild: Österreichische Computer Gesells/Michael Grinner
Programmieren sei eine solche vertiefende Kenntnis, "es hilft ungemein zu verstehen, wie ein Computer funktioniert. Sonst ist es nur Zauberei, man weiß nicht was dahinter steckt und muss alles akzeptieren", sagt Futschek. Darüber hinaus sei Programmieren eine wichtige allgemeinbildende Fertigkeit, man lerne viele nützliche Denkweisen, könne zum Beispiel besser organisieren.

Smartphone-Kids können "bei Weitem nicht alles"

Dass die Schüler heutzutage mit ihren Kenntnissen über Smartphones den Lehrern ohnehin uneinholbar voraus seien, lässt Futschek nicht gelten. "Sie können zwar ihre Apps und die Benutzeroberfläche bedienen, verstehen aber die Abläufe dahinter oft nicht. Man spricht gerne von 'Digital Natives', von denen man annimmt: 'Die können eh alles'. Dabei sehen wir, dass sie bei Weitem nicht alles können. Nicht einmal die anwendungsorientierten Fertigkeiten können viele als User ausreichend beherrschen, geschweige denn, dass sie wissen, was dahinter steckt."

Aufgrund der beobachteten Defizite fordert die Österreichische Computer Gesellschaft (OCG), der Gerald Futschek angehört , im Rahmen einer Initiative "Bildung 4.0" durchgehenden Informatik-Unterricht und eine Grundausbildung für Pädagogen.

Vierte Kulturtechnik

So fordert die OCG einen verpflichtenden Informatikunterricht ab der Volksschule und generell Förderung der digitalen Kompetenz als vierte Kulturtechnik neben Lesen, Schreiben und Rechnen. Informatisches Denken, oder "Computational Thinking", müsse in alle Unterrichtsgegenstände einfließen, und: Informatische Ausbildung sollte verpflichtender Bestandteil der pädagogischen Ausbildung und Weiterbildung sein.

Futschek betrachtet den Informatikunterricht gar nicht so sehr unter dem Aspekt konkrete Arbeitsmarktrelevanz. Dazu bräuchte es eine intensive mehrjährige Ausbildung. "Die Schulen sind für Allgemeinbildung zuständig, können allgemeine Fertigkeiten lehren. Aber es kann natürlich auch sein, dass dadurch Interesse für den Programmierer-Beruf geweckt wird", sagt er.

Am derzeitigen Informatikunterricht lässt der Informatik-Professor kein gutes Haar: "Die Ausbildung läuft ausschließlich anwendungsorientiert ab, man konzentriert sich auf Textverarbeitung, Präsentation, Grafik, Recherchieren im Internet, also primär Dinge, die man für die schulischen Arbeiten braucht. Das wird dann sehr oft in diesen zwei Stunden gemacht. Aber das ist noch nicht Informatik."

Vorbild Großbritannien

Großbritannien gilt mittlerweile als Musterbeispiel in der digitalen Ausbildung. Programmieren wurde bereits flächendeckend in allen Schulstufen als Fach eingeführt und gleichzeitig hat die Fortbildung der Lehrer begonnen. In Österreich werde hingegen diskutiert, zuerst die Lehrer auszubilden und dann erst mit dem neuen Informatik-Unterricht zu beginnen, erläutert Futschek. "Bis dahin hat man aber schon viel Zeit verloren", sagt er. "Man sollte mutiger sein und das neue Fach schneller in die Schulen bringen. Dazu braucht es innovative Konzepte und neue Lehrpläne."

Progammierer…
Progammierer © Bild: EXDEZ/istockphoto.com
Das Bildungsministerium sieht auf Nachfrage die größte Herausforderung derzeit in der Qualifizierung der Lehrer. Diese seien zum Großteil keine Digital Natives, daher "muss man sie mit Fortbildungen abholen, in der Digitalisierung der Lernmaterialien liegt eine große Chance", heißt es im Ministerium. Lernspiele würden es erleichtern, die Kinder individuell zu fördern.

Spielerisches Lernen

Futschek sieht auch für die Konzepte der Informatik einen spielerischen Zugang. Er spricht von vielversprechenden Programmen wie Scratch Jr, mit denen Kinder bereits im Alter von fünf oder sechs Jahren am Smartphone Grundkenntnisse im Programmieren erlernen können.

Und letztlich gehe es auch um Kreativität. Gerade durchs Programmieren könne man am Computer neue Dinge schaffen. Wenn man zusätzlich noch Geräte oder Roboter anschließe, könne man diese Sachen auch sehen und angreifen. Futschek sagt: "Der Computer ist ein so mächtiges Werkzeug, mit dem man völlig neue Systeme kreieren kann".

Fächerübergreifende Materie

Während Futschek und seine Mitstreiter für einen Ausbau des Schulfachs kämpfen, wird im Bildungsministerium Informatik weiterhin als fächerübergreifende Materie begriffen. "Die Schüler sollen lernen, wie man digitale Medien nützt und grundsätzliche Kenntnisse erwerben, was den ethischen Umgang mit neuen Informationstechnologien betrifft", heißt es aus dem Ministerium. Dies könne aber auch im Rahmen von anderen Fächern geschehen.

Futschek stimmt zu, dass diese digitale Kompetenz in den Schulen bereits gelehrt wird, und findet auch, dass Lehrer aller Fächer diese Themen ansprechen können sollten. "Ethische Fragen sind auch ein wichtiger Bestandteil, die Auswirkung des Computers auf die Gesellschaft. Aber technisches Wissen ist wichtig, um diese Zusammenhänge besser verstehen zu können."

LINK: Österreichische Computer Gesellschaft

( kurier.at , tem ) Erstellt am 19.09.2016