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Interview
03/08/2015

"Neue Mittelschule wurde im Stich gelassen"

Niki Glattauer weiß, wovon er spricht: Der Autor unterrichtet an einer Neuen Mittelschule. Im Interview analysiert er, warum die NMS nicht die Erwartungen erfüllen kann und warum er überzeugt ist, dass die Lehrer an der Neuen Mittelschule die besseren sind.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Glattauer, der Evaluierungsbericht hat der Neuen Mittelschule ein schlechtes Zeugnis ausgestellt (mehr dazu hier). Ist die Neue Mittelschule mit Bomben und Granaten durchgefallen?

Niki Glattauer: Nein. Es ist ein großes Missverständnis, wenn man glaubt, hier wurde eine neue Schulform beurteilt – das ist die Neue Mittelschule nicht. Sie hätte eine werden können. Das Projekt scheiterte, weil sich die ehemalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied von der ÖVP überreden ließ, die AHS-Unterstufe weiterexistieren zu lassen. Als Beiwagerl zur AHS Unterstufe kann eine Schule keine besseren Ergebnisse bringen, die man sich aber fälschlicherweise erwartet hat. Die Neue Mittelschule war von Anfang an ein Etikettenschwindel.

Warum darf man sich keine besseren Ergebnisse erwarten? Immerhin wurden pro Jahr 250 Millionen Euro in die Neue Schulmittel investiert...

Das pädagogische Konzept der NMS ist gut, richtig, modern, es ist leistungsorientiert, nimmt aber den Eltern und Kindern trotzdem Psychodruck weg. Es wäre die ideale Leinwand für ein zeitgemäßes Schulbild. Aber leider muss halt auch der Rahmen passen. Und der passt nicht, solange wir nur die Schüler kriegen, die es in eine AHS nicht schaffen, beziehungsweise deren Eltern es nicht schaffen, ihre Kinder dorthin zu pressen. Und das, wo in Wien die Zahl der AHS-Beginner sowieso schon auf 65 Prozent zugeht. In meiner Jugend waren es kaum 30 Prozent. Es ist so, als würde man im Tiergarten eine super tolle, neue Voliere bauen, damit die Adler und Geier noch besser fliegen können – und dann stellen sie einen Pinguin hinein, einen Goldfisch und eine Schildkröte. Wir brauchen Klassen, in denen der Adler fliegt und die Schildkröte schwimmt.

Trotz des enormen finanziellen Einsatzes fühlt sich die NMS in Stich gelassen?

Ja. Schmieds Vision, Eltern von AHS-Schülern durch Werbung zu überzeugen, ihre Kinder in eine Neue Mittelschule zu geben, ist nicht aufgegangen. In diesem Fall sind die Eltern komisch. Auf der einen Seiten leiden sie unter den Zuständen in der AHS. Die Eltern beklagen die autoritäre Behandlung, die hohen Kosten für die Nachhilfe. Trotzdem stecken die Eltern ihre Kinder lieber in die AHS.

Die schlechten Ergebnisse waren aus derSicht des Lehrers programmiert?

Wir Lehrer haben uns nie mehr erwartet. Es waren die Gegner, die die Erwartungen hochgeschraubt haben, und meinten: "Schauen wir mal, ob eure Ergebnisse besser sind, als jene in der AHS. Wenn nicht, kann man die Neue Mittelschule gleich abstellen." Der Expertenbericht kam zu früh, um festzustellen, ob die Neue Mittelschule eine Lernverbesserung bringt. Aber der Bericht kam gerade rechtzeitig als Signal, dass es ohne die gemeinsame Schule bis 14 Jahre keine Verbesserung geben wird. Wir brauchen die guten Elternhäuser, die AHS-Kinder und die Ganztagsschule. Dann gibt es unter Garantie bessere Bildungsergebnisse.

Besucht Ihr Kind eine Neue Mittelschule?

Meine Tochter geht auch in eine AHS. Ich werde ja nicht verrückt sein, meine Tochter in die schlechtere der beiden getrennten Schulen zu geben. Aber ich würde sie sofort in eine gemeinsame Schule geben. Ich bedaure es zu tiefst, dass es in der AHS nicht das moderne pädagogische Konzept der Neuen Mittelschule gibt. Denn das Gymnasium erlaubt alte Unterrichtsmethoden, nach dem Prinzip: "Wenn du es nicht kapierst, nimm halt Nachhilfe, und wenn die auch nicht reicht, sind wir nicht die richtige Schule für dich." Solche Unterrichtsmethoden sind für kein Kind gut. Das können wir uns in der Neuen Mittelschule auch nicht leisten, weil unser Klientel der typische Schulabbrecher ist. Deswegen ist auch nicht verwunderlich, dass beim Evaluierungsbericht herauskommt, dass sich die Kinder in der Neuen Mittelschule wohlfühlen. Durch das Wohlfühlklima, wo auch Leistung gefordert wird, schaffen wir es an meiner Neuen Mittelschule, dass 40 Prozent in eine berufsbildende mittlere Schule gehen, obwohl viele unserer Schüler anfangs nicht gut Deutsch können. Das heißt wir NMS-Lehrer haben es schwerer und ich trau mich zu behaupten, wir sind auch die besseren Lehrer.

Wie kann man das Image der Neuen Mittelschule wieder aufmöbeln?

Wichtig wäre es, endlich zu begreifen, dass Schulen ganz unterschiedliche Voraussetzungen haben und das zu ganz unterschiedlichen Notwendigkeiten führt. Echte Brennpunkt-NMSn in Wien, Graz, Wels, Dornbirn mit "Ausländer-Kinder"-Anteilen von bis zu 100 Prozent – wie etwa an meiner Schule – kommen mit sechs Stunden mehr pro Woche und sonst "schmecks" ganz bestimmt nicht aus. Wenn wir ein Kind sprachfördern, dann läuft das statt Turnen oder Geschichte. Es müsste aber zusätzlich stattfinden, das kostet Geld. Und wenn unsereiner ein Viertel seiner Unterrichtszeit damit verbringen muss, mit dem Polizisten, dem Jugendamt oder der WG zu telefonieren und noch ein Viertel, um sieben von 20 Kinder klarzumachen, dass es besser ist, in die Gratis-Nachhilfe zu gehen statt in den Park Rangordnung herstellen oder mit der Mama das Großraumbüro putzen, dann ist klar, dass a²+b² = c² nicht so funktioniert wie bei meiner Tochter im Gymnasium. Deswegen wäre eine Ganztagsschule ganz wichtig, aber im Moment schicken wir Kinder zu Mittag nach Hause.

Das neue Allheilmittel heißt derzeit mehr Autonomie. Kann man aus der Sicht des Lehrers damit wirklich viele Probleme lösen?Ja, die Schulautonomie sind zwei, drei Schritte in die richtige Richtung. Endlich! Aber man muss aufpassen, dass das jetzt nicht zum neuen Zauberwort wird. Solange die Schulleitungen nach Parteibuch verteilt werden, wie das in vielen Bundesländern noch der Fall ist, und dann nicht die Geeignetsten zum Zug kommen sondern die Gefügigsten, wird aus einer autonomen Schule nicht automatisch eine gute Schule werden.

Im Gegenteil. Wenn jetzt Werbung damit gemacht wird, dass Lehrer dann ein Viertel des Lehrplans weglassen können beziehungsweise Unterrichtseinheiten zu Doppelstunden blocken, dann muss ich sagen: Das ist ja Status quo. Wir haben Rahmenlehrpläne und flexible Stundenpläne. Und in der Praxis ist der wahre Lehrplan – leider! – in vielen Fällen sowieso das Unterrichtsbuch.

Ist die ideale Schule der 10- bis 14-Jährigen die ehemals gut geführte Landhauptschule?

Ganz genau. In der gut geführten Landhauptschule gab es ein heterogenes Publikum, mit sehr guten, mittleren und ein paar schwachen Schülern. Hier könnte man das pädagogische Konzept der Neuen Mittelschule umsetzen.

Klingt, als könnten Sie sich mit der "Verländerung" der Schulen anfreunden?

Früher war ich strikt dagegen. Momentan bin ich mir nicht sicher, ob es nicht der bessere Weg wäre, auch wenn ich die Parteibuchpolitik in den Ländern ablehne. Die Blockaden, durch die Zweiteilung des Systems sind ärger, als wenn das zweitbeste, aber dafür einheitliche System kommt. Es muss uns endlich gelingen diese Zweiklassen-Bildung zu vereinen, nur dann funktioniert Bildung auch im breiten Mittelbau und nicht nur bei der Elite.