Politik | Inland
09.02.2015

Immer mehr Akademiker auf Jobsuche

Ein abgeschlossenes Studium ist kein Job-Garant mehr. Wie es Akademikern auf Stellensuche geht.

Akkurat gekleidet, bestimmt in der Stimme, legt er los: "Mit 30 Jahren immer noch von den Eltern finanziell abhängig zu sein – das ist nicht lustig. Das nagt am Selbstwertgefühl." Andreas P. ist einer der vom KURIER Befragten, der weder genannt noch fotografiert werden will. Erzählen aber will er. Andreas P. ist einer von 20.265 arbeitslosen Akademikern in Österreich.

In Relation zu den derzeit 472.539 Menschen ohne Job stellen Uni- und FH-Absolventen mit rund vier Prozent zwar eine verschwindende Minderheit dar; schwache Konjunktur und schlechte Wirtschaftsprognosen lassen die Zahl jedoch stetig steigen.

Generation Praktikum

"In der Schule haben sie uns gesagt, dass wir etwas Besonderes sind, dass die Arbeitswelt uns braucht", sagt Andreas P. zwölf Jahre später – nach Matura, Bundesheer, Fachhochschule und diversen 1300-Euro-Praktika – lebt der "Bachelor of Arts" (Studium der Kommunikationswissenschaft) von rund 700 Euro Notstandshilfe. Der Arbeitsmarkt braucht Andreas P. nicht. Aber er braucht Arbeit.

Genauso wie Hanna S. Sie gehört "vielleicht auch wegen meines Volkswirtschaftsstudiums nicht der Generation Praktikum" an, sucht aber dennoch. Die 33-Jährige arbeitete vier Jahre in London, kehrte der Finanzkrise wegen der Stadt den Rücken, kam nach Wien zurück und weiß: "In England reicht es nicht, einen Master oder Bachelor zu haben. Das Studium ist die Basis, kein Garant für einen Job. Strenge Auswahlverfahren und transparente Rankings zeigen, wo du wirklich stehst." Eine Praxis, die sie hier vermisst.

"Ich habe oft erlebt, dass Beziehungen, Vitamin B, bei Bewerbungsgesprächen mehr zählen als Bildung oder Bezahlung." Dennoch ist Hanna S. zuversichtlich, einen Job zu bekommen. Kraft ihrer Auslandserfahrung und "weil ich mich nicht auf Fachgebiete meines Studiums kapriziere. Mit einer guten Ausbildung, egal ob VWL, Politik oder Soziologie bist du trotz vieler Absolventen vielfältig einsetzbar. Man muss nur flexibel sein – besonders im Kopf."

1001 joblose Juristen

Geht es nach der aktuellen Arbeitslosenstatistik, ist Hannas Zuversicht zumindest zahlentechnisch begründet. Im Jänner waren 142 Absolventen der Volkswirtschaftslehre arbeitslos gemeldet. Zehn Mal so viele sind es bei Absolventen der Betriebswirtschaftslehre: 1495.

Lassen 1001 joblose Juristen den Umkehrschluss zu, besser nicht mehr Rechtswissenschaften zu studieren? "Es gibt Studien, die mehr Absolventen hervorbringen, als der Markt kurz- und mittelfristig benötigt", sagt Sabine Putz, Leiterin der Arbeitsmarktforschung und Berufsinformation des AMS.

Wer ein Massenfach studiert (hat), müsse sich spezialisieren. Das gelte besonders für ältere Absolventen über 45. Wer ein Orchideenfach belegt (hat), könne reüssieren. "Vor Jahren zählten Islamwissenschaften zu den Orchideenfächern. Heute sind die Absolventen aufgrund der weltpolitischen Lage gefragt", so Putz. 480 Psychologen, 463 Kommunikationswissenschafter und 441 Architekten sind derzeit statt gefragt arbeitslos.

"Die AMS-Berater waren relativ hilflos", erinnert sich Andrea L., die nach Politik- und Publizistik-Studium und einem gut dotierten PR-Job erstmals beim AMS vorstellig wurde. "Es gab weder Schikanen noch Bösartigkeiten, nur eine ehrliche Auskunft."

Die da lautete? "Sie sind gut ausgebildet, Sie wissen eh, dass wir Ihnen kaum einen Job vermitteln können." Das wusste die 36-Jährige. Jobs wie ihre werden über Headhunter, Personalvermittler und Mundpropaganda gesucht.

Bewerbungskurs

Andrea L. wusste auch, dass sie nach drei Monaten als Neo-Arbeitslosengeldbezieherin parallel zur selbstständigen Jobsuche einen Kurs belegen wird müssen. Titel: "Wie bewerbe ich mich richtig." Was für sie wie ein Witz klang, wurde für vier Wochen der Ernst ihres Lebens.

Gemeinsam mit einem Maurer, einer Kindergärtnerin und einem Taxifahrer. "Das Problem war, dass mir dieser Kurs gar nicht geholfen hat. Außer, interessante Menschen kennengelernt zu haben."

Um dem bekannten Problem beizukommen, hat das AMS in Wien und Graz sogenannte AkademikerInnenzentren (www.akzent-wien.at; www.akzent-graz.at) geschaffen. An den zehn- bis zwölfwöchigen Lehrgängen (Controlling, Business-, Vertriebs- oder Projektmanagement) nehmen in Wien gegenwärtig 183 Akademiker teil.

Andrea L. ist nicht dabei. Sie hat wieder einen Job gefunden.