Politik | Inland
19.05.2016

Faktencheck: Hofer und der Anschlag am Tempelberg

Bei der Klagemauer unterhalb des Tempelbergs gab es am 30. Juli einen Vorfall - aber nicht so, wie Hofer das erzählt.

Es war der heikelste Moment des heutigen TV-Duells: ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher wirft Norbert Hofer vor, dass es einen Vorfall am Tempelberg nicht gab, von dem der Hofburg-Kandidat der FPÖ gerne erzählt. Es ist auch eine wirklich abenteuerliche Geschichte: "Ich war am 30. Juli 2014 am Tempelberg. Da wurde eine Frau mit Handgranaten und Maschinengewehren erschossen", sagte Hofer bei der Konfrontation und in mehreren Interviews. Der ORF hat beim Sprecher der israelischen Polizei Micky Rosenfeld nachgefragt und dort erfahren, dass es keinen Vorfall gab, bei dem eine Frau erschossen wurde. Hofer sagte, er habe damit gerechnet, und Fotos mitgebracht; die wollte Thurnher aber nicht sehen.

Frau ohne Handgranaten angeschossen

Was der ORF nicht recherchierte: Es gab an diesem 30. Juli 2014 tatsächlich einen Zwischenfall bei der Klagemauer unterhalb des Tempelbergs. Er betraf auch eine Frau. Allerdings: Sie trug weder Handgranaten noch ein Maschinengewehr; sie wurde auch nicht erschossen, sondern angeschossen, erklärte Micky Rosenfeld damals der Jerusalem Post. Die Times of Israel schrieb einen Tag später, dass die 35-Jährige als Mitglied der ultraorthodoxen jüdischen Gruppierung "Lev Tahor" identifiziert wurde - in israelischen Medien werden sie wegen ihrer strengen Auslegung des Judentums auch "jüdische Taliban" genannt.

Naheliegendste Vermutung: Ein Vorfall hat stattgefunden, aber ganz und gar nicht so, wie Norbert Hofer ihn mehrmals geschildert hatte.

Militäraktion "Protective Edge"

Zu jener Zeit, als Hofer in Israel weilte, fand in Israel und Palästina die Militäroperation "Protective Edge" (Fels in der Brandung) statt. Dabei ging die israelische Armee gegen die radikalislamische Hamas und anderen militanten Palästinensergruppen im Gazastreifen vor. Mehr als 1.000 Menschen wurden getötet - unter den Opfern waren sehr viele Zivilisten.