Helene Jarmer, Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes

© KURIER/Franz Gruber

Unsere Präsidenten
10/24/2016

Die Präsidentin, die für die Rechte gehörloser Menschen kämpft

Seit 2001 ist Helene Jarmer Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes und eine der wenigen gehörlosen Menschen, die einen Studienabschluss hat – aber nicht dank der Politik, sondern ihrer Eltern.

von Jürgen Klatzer

(Über 120.000 Präsidenten gibt es in Österreich. Einige von ihnen porträtieren wir in unserer neuen kurier.at-Serie "Unsere Präsidenten" – so lange, bis Österreich wieder einen Bundespräsidenten hat. Eine Ansprache von Helene Jarmer finden Sie unten.)

Ein kleines Mädchen läuft quer durch die Kirche, vor der Orgel bleibt sie stehen. Der Organist sitzt da, er ist nicht krank, wie sie vermutet hat. Sie kann sehen, wie er mit seinen Fingern die Tasten drückt, und wie er gelegentlich mit seinen Füßen gegen Pedale tritt. Nicht anders als sonst, denkt das Mädchen. Aber so sehr sie sich auch anstrengt, sie hört ihn nicht. Sie hört keinen Ton. All das, das sie früher so gemocht hat, fühlt sich mit einem Mal nur noch kalt und still an.

"Ich war sehr verwirrt. Ich wusste nicht, warum ich nichts mehr höre", erzählt Helene Jarmer Jahrzehnte später. Seit ihrem zweiten Lebensjahr ist die Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes (ÖGLB) gehörlos. Ein Verkehrsunfall katapultierte die heute 45-Jährige in die Welt der Stille: An einer unübersichtlichen Kreuzung kollidierten zwei Autos, eines davon wurde auf den Gehsteig geschleudert, auf dem ihre Mutter die kleine Helene im Kinderwagen spazieren schob. Bei diesem Unglück verlor das Mädchen ihr Gehör.

"Früher waren meine Eltern mit mir in der Kirche und ich kann mich an die Orgel erinnern. Damit war es dann vorbei. Ich habe eine andere Welt entdeckt, die Welt der Gehörlosen", formuliert die großgewachsene, blonde Frau, während ihr ein Gebärdendolmetscher schräg gegenübersitzt und simultan übersetzt, ohne den Blick von ihr zu lösen.

Heute ist Jarmer aber nicht nur Präsidentin des ÖGLB (seit 2001), sondern auch Parlamentsabgeordnete und Behindertensprecherin der Grünen. Am 10. Juli 2009 hielt sie ihre Antrittsrede – in österreichischer Gebärdensprache (ÖGS). "Ich bin gehörlos. Ich höre wirklich nichts. Schreien nützt nichts", machte die studierte Pädagogin ihren Kollegen damals schon klar. Ihre Rede, in der sie über unterschiedliche Dialekte der ÖGS beinahe dozierte und Alt-Bundeskanzler Wolfgang Schüssel mit einem "Mascherl" darstellte, amüsierte das sonst eher schwierige Polit-Publikum im Parlament.

Am Anfang hätten sie viele Politiker gefragt, ob es wirklich möglich sei, alles zu übersetzen – selbst die Aussage von Ex-Sozialminister Rudolf Hundstorfer, er sei nicht auf der Nudelsuppe dahergeschwommen. "Alles kann übersetzt werden. Von den Gebärdendolmetschern wird selbst jeder Zwischenruf, jedes Gelächter und Telefonläuten oder auch Rülpser übersetzt", erklärte sie.

Seit Jarmer im Parlament sitzt, können die rund 10.000 gehörlosen Österreicher die Debatten live mitverfolgen – alle Reden werden gedolmetscht.

Mit einem Lausbubenstreich zur Bildung

Der Weg bis in die Politik war allerdings alles andere als einfach. "Es war mühsam in dieser Gesellschaft aufzuwachsen. Als ich noch ein Kind war, war die Gebärdensprache nicht selbstverständlich", sagt die gebürtige Wienerin. Wenn sie mit ihren Eltern spazieren war, sagte ihre Mutter, dass sie nicht gebärden soll, man würde sie nur komisch anschauen. "Wir mussten uns für unsere eigene Sprache schämen."

Obwohl Jarmer gehörlos ist, schaffte sie die Aufnahme in die Schwerhörigenschule. Wenn die ÖGLB-Präsidentin darüber spricht, klingt das nach einem gelungenen Lausbubenstreich. Ihre Eltern wollten, dass ihre Tochter in einer Schwerhörigenschule unterrichtet wird, da das Bildungsniveau in den Gehörlosenschulen zu wünschen ließ. "Weil sich der Direktor vor Schulbeginn alle Kinder sehr genau ansieht, hat sie mich gecoacht: 'Wenn jemand zu dir spricht, tust du so, als hättest du es verstanden, nickst mit dem Kopf. Du musst irgendetwas sagen, damit sie dich aufnehmen, damit sie glauben, dass du schwerhörig bist und nicht gehörlos.'"

Jarmer hat den Direktor ausgetrickst, ist aber aufgeflogen, als der Lehrer bei Ansagen ein Blatt Papier vor den Mund gehalten hat und sie nicht mehr von den Lippen ablesen konnte. "Meine Eltern haben darum gekämpft, dass ich bleiben darf", erzählt sie. Der Direktor stellte allerdings eine Bedingung: Nur wenn ihre Tochter Einser und Zweier schreibt, fliegt sie nicht von der Schule.

Tag und Nacht habe sie daraufhin gelernt, unzählige Nachhilfestunden gehabt, dafür keine Freizeit. "Aber Fakt ist: Nur durch meine Eltern habe ich es an die Uni geschafft und meinen Abschluss gemacht", sagt Jarmer.

"Es war ein Kasperltheater"

Vor der Universität musste sich Helene Jarmer allerdings noch fünf Jahre durch eine HTL für Maschinenbau quälen. "Ich habe nichts verstanden. Es war ein Kasperltheater", sagt sie heute. Mit ihren Mitschülern konnte sie sich teilweise zwar verständigen, weil man sich kannte, nicht aber mit den Lehrern, die jährlich wechselten. "Stellen Sie sich vor, Sie kommen in einen Raum und alle sprechen ohne Stimme. Und am nächsten Tag müssen Sie eine Prüfung schreiben."

Aber sie wollte die Matura unbedingt. Deshalb hieß es "nach der Schule nochmals Schule und wieder Schule und dann wieder Schule". In den Nachhilfestunden habe sie ihre Fragen auf ein Blatt Papier geschrieben, die Lehrer, meist TU-Studenten, haben schriftlich geantwortet. Schließlich hat sich Jarmer als gehörlose Frau unter lauter Männern durchgebissen. Die 45-Jährige lächelt, denn die Matura ist ihr größter Erfolg, sagt sie. Das Studium danach war "nicht so stressig wie die Schule. Hier durfte ich ja auch fehlen und zu Hause lernen."

Nur bei mündlichen Prüfungen hätte es gehakt. Die Dolmetscher, die für Jarmer übersetzten, seien oft nervös gewesen und konnten Fachbegriffe sowie Gebärden nicht richtig übersetzen. "Ich habe aufpassen müssen, dass mich der Prüfer richtig verstanden hat. Oft habe ich eingreifen und den Professor schriftlich aufklären müssen."

Jarmer wurde Sonder- und Heilpädagogin, war die erste gezielt eingesetzte gehörlose Lehrerin an einer österreichischen Gehörlosenschule. Unter anderem hatte sie zwischen 1999 und 2010 Lehraufträge an der Universität Wien und leitet seit 2005 das "ServiceCenter ÖGS.barrierefrei", eine Initiative zur barrierefreien Gestaltung öffentlicher Webangebote.

"Bildung in Österreich ist eine dicke, fette Mauer"

Heute sind die Berührungsängste gegenüber gehörlosen Menschen nicht mehr so groß wie noch zu ihren Jugendtagen. Einiges habe sich zum Positiven geändert, vor allem an der Uni, sagt Jarmer. In Schulen seien gehörlose Kinder aber noch immer der Diskriminierung und Benachteiligung ausgesetzt. Nur vereinzelt gibt es bilinguale Klassen oder werden Fächer wie Mathematik oder Englisch in ÖGS unterrichtet. Allerdings gibt es weder ein eigenständiges Unterrichtsfach, in dem gehörlose Kinder Grammatik und Vokabeln ihrer eigenen Sprache lernen, noch ist die ÖGS Unterrichtssprache. "Die Gebärdensprache ist die natürliche Sprache gehörloser Menschen, nur mit ihr können Lehrinhalte verständlich gemacht und aufgenommen werden", erklärt die ÖGLB-Präsidentin.

Laut § 16 des Schulunterrichtsgesetzes gilt an österreichischen Schulen Deutsch als Unterrichtssprache. Da Österreich allerdings 2008 der UN-Behindertenrechtskonvention beigetreten ist und diese im Artikel 24 explizit die Förderung der sprachlichen Identität gehörloser Menschen betont, sollte eigentlich von einer starken Verbreitung der Gebärdensprache und von Dolmetschern im Schulwesen ausgegangen werden. Das ist aber nicht der Fall; der Bedarf an Dolmetschern übersteigt das Angebot, erklärt Martin Unger vom Institut für Höhere Bildung (IHS) und verweist auf die 2015 erschienenen IHS-Studie über die Gebärdensprache im österreichischen Bildungssystem. Insgesamt sei die ÖGS "in einem Defizitdiskurs gefangen, der an die 'Ausländerpädagogik' der 1960er bis frühen 1980er Jahre erinnert". sagt der Soziologe. Denn trotz der Anerkennung als eigene Sprache im Jahr 2005, wird die ÖGS noch immer stiefmütterlich behandelt.

Das sieht auch Jarmer so. Seit Jahren setzt sie sich für die bilinguale Bildung ein, lobbyiert für Unterricht auf Deutsch und in Gebärdensprache. Bisher mit mäßigem Erfolg: "Bildung in Österreich ist eine dicke, fette Mauer. Wenn man dagegen läuft, bricht man sich die Knochen", sagt sie. "Auf Entscheidungen, die die Gebärdensprache betreffen, muss man wegen politischer Endlosschleifen 100 Jahre warten."

Manchmal wird gefordert, gehörlose Menschen sollten sich an die deutsche Lautsprache gewöhnen. Oder Mediziner wollen operieren und Hörimplantate einsetzen. Das empört die Politikerin. Diese Diskussionen würden Zeit kosten und seien zudem sinnlos. "Gehörlose Menschen werden nicht hören. Sie brauchen eine Sprachentwicklung, die von der Schule gefördert wird", sagt sie, ihre Bewegungen werden dabei energischer.

Auf medizinische Debatten, wie sie der damalige ÖVP-Abgeordnete Marcus Franz (jetzt fraktionslos) im Februar angezettelt hat, indem er die Gebärdensprache coram publico als "linguistische Prothese" abtat, könne man verzichten. "Heute zählt das soziale Modell. Ein Mensch, der gehörlos ist, trägt nicht die Schuld daran", sagt Jarmer. Man müsse schauen, wie man das Leben der Menschen barrierefrei gestalten kann, damit sie einen Platz in unserer Gesellschaft haben. "Und ich muss sagen, der Kollege Franz denkt ja etwas zurückgebliebener. Kann man nur alles Gute wünschen."

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