Politik | Inland
25.09.2016

Heinz Fischers neues Leben im Dachgeschoß der Hofburg

Der 78-Jährige meldet sich mit dem politischen Essay "Eine Wortmeldung" zurück. In den kommenden zwei Monaten wird er 21 Reden halten und will weitere Bücher schreiben.

Bis vor zehn Wochen schritt er auf seinem Weg ins Büro hinter der berühmten Tapetentür einen 64 Meter langen roten Teppich ab. Heute residiert Alt-Bundespräsident Heinz Fischer zwar noch immer in einem Dachgeschoß-Trakt der Hofburg – aber nichts in seinem neuen Büro erinnert an den K.-u.-k.-Glamour von früher. Ein Biedermeierschreibtisch, ein simples Bücherregal mit einem Brockhaus-Band ("Googeln werde ich nicht mehr lernen"), ein Armsessel und eine Sitzgruppe für Besprechungen sind alles, was Fischer zum Arbeiten benötigt.

Denn eines hat Fischer nach seiner Amtszeit nicht verloren: Seine unglaubliche Agilität. Er blättert (fast stolz) in seinem Terminkalender, der prall gefüllt ist: "Sehen Sie, fast jeden Abend habe ich eine Einladung." Zusätzlich wird er 21 Reden in den kommenden acht Wochen halten. Fischer hat den Vorsitz der chinesisch-österreichischen Gesellschaft übernommen. Eine Auslandsreise zum Präsidenten von Mazedonien steht auch am Programm. Ein geplanter Urlaub in Sizilien des Ehepaares Fischer wurde bereits aus Zeitnot verschoben.

Sommerresidenz gewechselt

Also, alles so wie immer? Nicht ganz. Denn mehr Freizeit hat der Alt-Bundespräsident, der nach wie vor in Begleitung eines Sicherheitsmannes unterwegs ist, nun doch. "Meine Frau und ich erleben jetzt eine sehr schöne Phase. Wir lesen mehr als vorher und können uns mehr um unsere Freunde kümmern."

Eine Biografie von Martin Luther ("Seine Reformation feiert nächstes Jahr das 500. Jubiläum") und von Winston Churchill liegen in Fischers Haus in der Nähe der Hohen Wand griffbereit im Wohnzimmer. Das Haus, das 1966 erbaut wurde, hat Fischer von seinen Eltern geerbt. Jetzt, wo die "geliebte" Sommerresidenz des Bundespräsidenten in Mürzsteg passé ist, hat Fischer das Sommerhaus reaktiviert. Auch für die Enkelkinder bleibt nun mehr Zeit. "Vor wenigen Tagen war ich mit ihnen im Roncalli-Zirkus. Das ist eine neue Qualität für mich, weil sich solche Erlebnisse früher nicht ausgegangen sind."

Essay "Eine Wortmeldung"

Doch die Politik lässt den Ex-Bundespräsidenten nicht los. Ans Abtreten denkt Fischer noch lange nicht. Aus der kurzen Sommerpause meldet sich der flotte 78-Jährige mit einem Essayband "Eine Wortmeldung" zurück. Hugo Portisch hat ihn zu diesem Werk motiviert. "Die Idee hat mir gefallen, daraufhin habe ich drei Wochen an diesem zeitgenössischen Essay intensiv und konzentriert gearbeitet. Da gibt es kein Wort, das ich nicht selbst geschrieben habe", erzählt er.

Bei diesem Buch wird es nicht bleiben. Nächstes Jahr plant Fischer, ein ausführliches politisches Buch zu schreiben. Zusätzlich soll der Ex-SPÖ-Politiker das Gedenkjahr 2018, hundert Jahre Republik und achtzig Jahre nach dem sogenannten "Anschluss" Österreichs an Hitler-Deutschland, koordinieren. Genauso hat sich Fischer seine Pension vorgestellt: Ausgelastet, aber nicht überlastet.

Deswegen wird er auch nicht wehmütig, wenn Bundeskanzler Christian Kern statt ihm das Dinner mit US-Präsident Barack Obama besucht. "Also, ich habe das zwölf Mal erlebt und sehr gerne gemacht, aber es war mir von Anfang an klar, dass es einen Unterschied zwischen einer Monarchie und einer Republik gibt." Doch viele Österreicher hätten sich eine Verlängerung seiner Amtszeit gewünscht. Wie oft wurde er schon angesprochen, ob er nicht weitermachen will?" Sehr oft. Das kann ich gar nicht zählen."

Geht es nach dem Wunsch von Fischer, dann sollte Alexander Van der Bellen sein Nachfolger in der Hofburg werden. Nach der Wahlaufhebung hat er sich gut in Van der Bellens Lage versetzen können. "Der noch größere Schock als die Wahlverschiebung war die Anordnung einer Wahlwiederholung. Ich kann sehr gut nachvollziehen, wie sich Alexander Van der Bellen fühlt, wenn er schon als Wahlsieger gilt und plötzlich heißt es, zurück an den Start. Daher habe ich Alexander Van der Bellen nach dem VfGH-Urteil auch auf einen Kaffee eingeladen".

"CETA in Ruhe diskutieren"

Eine politische Botschaft will Fischer am Ende des Termins noch loswerden. Es geht um CETA. Er versteht die Aufregung nicht. "Gegenüber TTIP bin ich aus verschiedenen Gründen skeptisch, aber bei CETA muss man auch die Größenordnungen berücksichtigen. Aus Deutschland importiert Österreich jährlich Güter im Wert von ca. 50 Milliarden Euro, aus Kanada Waren im Wert von weniger als 400 Millionen. Daher kann man das in aller Ruhe und ohne Aufregung diskutieren."