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21.12.2017

Experten: Islam-Kindergärten fördern nicht Parallelgesellschaften

Die nun veröffentlichte umfangreichere Studie relativiert manche Ergebnisse der umstrittenen Pilotstudie Ednan Aslans. Diese hatte aber große Auswirkungen auf die Wiener Kindergarten-Landschaft. Die Untersuchung wurde in zwei Teilprojekten durchgeführt.

Durch eine vielbeachtete Pilotstudie des Islamforschers Ednan Aslan ist das Thema "Islam-Kindergärten" seit 2015 politisch auf breiter Ebene diskutiert worden. Nicht zuletzt der damalige Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) beklagte eine Begünstigung von Parallelgesellschaften durch derartige Einrichtungen. Nun ist die lang erwartete umfangreichere Studie zu den sogenannten Islam-Kindergärten in Wien fertig. Heute wurde sie von der Uni Wien und dem FH Campus Wien der Öffentlichkeit präsentiert.

Genau genommen handelt es sich aber um zwei Teilprojekte: Das Teilprojekt "Pluralität in Wiener Kindergärten und Kindergruppen unter besonderer Berücksichtigung von sogenannten islamischen Einrichtungen" wurde von Wissenschaftern der Uni Wien und dem FH Campus Wien durchgeführt. Das zweite Teilprojekt stammt von Aslan (Uni Wien) und trägt den Titel "Islamische Kindergärten und -Gruppen - Motive und Strategien der BetreiberInnen im Kontext der Stadt Wien (MA11) und Erwartungen muslimischer Eltern".

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Schluß: Islamkindergärten fördern nicht Parallelgesellschaften

Henning Schluß von der Universität Wien stellte die einzelnen Ergebnisse des ersten Teilprojekts vor. Der Religionswissenschafter geht gleich auf den aus Aslans Pilotstudie abgeleiteten Vorwurf ein, Einrichtungen mit besonderem islamischen Bezug würden zur Bildung von Parallelgesellschaften beitragen. Schluß: Sie tragen nicht zur Separation und Abspaltung bei, sondern seien, "im Gegenteil, ein Sammelbecken für diejenigen, die woanders nicht aufgenommen werden". Die Abgrenzung finde also schon vorher statt. Schluß spricht hierbei von "subtilen Mechanismen", wenn etwa kein Essen angeboten wird, dass den islamischen Speisevorschriften entspricht. Soziale Unterschiede würden auch durch Trennung in beitragsfreie Kindergärten und solche mit Zusatzbeiträgen geschaffen, die sich sozial schlechter gestellte Familien nicht leisten könnten.

Aslans Pilotstudie führte zu stärkerer Kontrolle

Zum Vorwurf der möglichen Indoktrination in Islam-Kindergärten erklärt Schluß: Die Studie zeige einen dramatischen Rückgang von Religion in Einrichtungen mit islamischen Bezügen seit 2015. In Reaktion auf die heftige Diskussion um die Pilotstudie seien Bezüge zum Islam gekappt worden, auch die Aufsicht sei besonders aufmerksam auf das Thema geworden. Der Islam sei aus den meisten Konzepten herausgenommen worden. Dies sei keine positive Entwicklung, sondern "bedenklich", schließt Schluß daraus.

Das Problem dabei könne laut den Experten wiederum sein: Der Islam-Unterricht wandert aus der Kindergruppe hinaus in einen Bereich, der pädagogisch nicht mehr verantwortet werden könne, etwa in die Freizeit. "Die Entscheidung, alles Religiöse zu verbannen, ist nicht zuträglich. Religion als Teil der Lebenswirklichkeit ist sinnvoll", sagt Nina Hover-Reisner vom FH Campus Wien, die an der Studie mitgearbeitet hat.

Auch in der Ausbildungsqualität seien Defizite festgestellt worden, allerdings flächendeckend bei Kindergärten aller Art.

Die Fragebogenerhebungen fanden in 551 Wiener Kindergärten und 147 Wiener Kindergruppen aller Ausrichtungen statt. Teilnehmende Beobachtungen wurden in zehn Einrichtungen durchgeführt, darunter zwei islamische. Ausgewertet wurden zudem Handakten.

Aslan: "Stadt hätte nicht so reagiert"

Aslan, der das zweite Teilprojekt präsentierte, sieht sich insofern bestätigt, weil seine Pilotstudie von 2015 auch positive Effekte gehabt habe. "Ohne Pilotstudie hätte die Stadt nicht so darauf reagiert", sagt er. Aslan verweist darauf, dass Kindergärten nun explizit Teil des Namens für das Bildungsministerium seien. Er sei daher "mit dem Ergebnis hoch zufrieden".

Laut Aslan würden sich die islamischen Kindergärten selbst als "Schutzräume für muslimische Kinder und Eltern" verstehen. Für den Schutz vor einer von diesen empfundenen gesellschaftlichen Benachteiligung.

Heftige Einzelbeispiele

Bei den Eltern genieße das Angebot an religiöser Erziehung und Koranunterricht hohe Wertschätzung. Entsprechend heftig falle ihr Widerstand gegen ein Verbot des Islamunterrichts aus, hält Aslan in seinem Teilprojekt fest.

Einzelbeispiele mit heftigen Reaktionen wurden bereits vor der heutigen Veröffentlichung von einem Boulevard-Medium thematisiert. So wird in der Studie etwa von einem muslimischen Vater berichtet, der eine Pädagogin "bis zur U-Bahn verfolgt und mit Mord bedroht" haben soll.

Vorfälle wie dieser seien aber absolute Ausnahmefälle, betont Johannes Köhler vom Amt für Jugend und Familie (MA11). Die Stadt rät Betroffenen in solchen Situationen zu Anzeigen.

Unrichtig sei allerdings die im selben Boulevard-Bericht wiedergegebene Behauptung, die Kontrollen der Stadt Wien würden "ohne klare Kriterien in Bezug auf Religion stattfinden".

Dem widerspricht Köhler vehement: "Zum einen haben wir seit drei Jahren eine Kriterienliste für unsere Kontrollore. Darin steht zum Beispiel, dass im Kindergarten kein Unterricht stattfinden darf; dass keine andere Religionen abgewertet werden dürfen oder auch dass Anschläge auf Deutsch zu verfassen sind. Zum anderen sind unsere Inspektoren punkto interkulturelle Kompetenz geschult. Außerdem ziehen wir Islam-Experten, wie Nico Prucha vom Institut für Orientalistik oder Almir Ibric von der MA17 bei."

Definition von "Islam-Kindergärten" schwierig

Maria Fürstaller vom FH Campus Wien arbeitete am ersten Teilprojekt und sprach bei der Präsentation über Definitionsfragen. Es sei gar nicht so leicht festzustellen, welche Einrichtungen man als "Islam-Kindergärten" bezeichnen kann. Die Ausgabe von Halal-Essen, muslimisches Personal oder die Herkunft der Kinder aus muslimischen Familien seien für sich genommen keine verlässlichen Indikatoren. Würden Kindergartenkinder in einer Einrichtung zum Beispiel hauptsächlich aus katholischen Familien stammen, würde man auch nicht von einem katholischen Kindergarten sprechen.

166 "Islam-Kindergärten" laut Aslan

Im Abschlussbericht der Aslan-Studie wird festgehalten, dass von den insgesamt mehr als 1.800 Betreuungseinrichtungen in Wien 166 Kindergärten (77 Betreiber) und 338 Kindergruppen (125 Betreiber) als islamische Kindergärten und -gruppen identifiziert werden konnten.

Und zwar nach folgenden Kriterien:

- auf einen islamisch-religiösen Hintergrund hindeutender Name der Einrichtung,
- ethnische Zugehörigkeit der BetreiberInnen laut Vereinsregisterauszügen,
- Verbands- oder Vereinszugehörigkeit
- Homepageanalyse der Kindergärten und -gruppen
- Sichtbarkeit von islamischen Symbolen in den Einrichtungen
- Stellenwert der Halal-Vorschriften
- Werbeaktivitäten der Vereine in islamisch orientierten Medien,
- Auskunft auf telefonische Anfrage
- offene religiöse und politische Aktivitäten der BetreiberInnen in den Medien

Zu den Motiven für die Gründung der Kindergruppen und Kindergärten mit islamischem Bezug hält Aslan fest: Diese seien sowohl auf weltanschauliche bzw. religiöse Interessen als auch auf rein kommerzielle Überlegungen muslimischer Geschäftsleute zurückzuführen.

Empfehlungen

Aus- und Weiterbildungsformate weiterzuentwickeln, sei angesichts der Ergebnisse der Teilstudie "Pluralität in Wiener Kindergärten und Kindergruppen unter besonderer Berücksichtigung von sogenannten islamischen Einrichtungen" unvermeidbar, fasst Hover-Reisner vom FH Campus Wien die Empfehlungen aus der ersten Studie zusammen. Empfohlen werde eine gründliche Qualifizierung von Pädagogen, was den "Einsatz von Instrumenten zur Sprachstandserhebung und das Entwickeln und Durchführen von sprachförderlichen Bildungsangeboten" betreffe.

2015 in Auftrag gegeben

Beauftragt wurde das Forschungswerk 2015 gemeinsam vom Integrationsministerium und der Stadt Wien. Grund war eine kleinere, nur vom Ministerium in Auftrag gegebene Untersuchung des Islamforschers Ednan Aslan, die teils massive Probleme in Islamischen Kindergärten konstatiert hatte. Aslan wurde allerdings vorgeworfen, bei seiner Arbeit wissenschaftliche Standards nicht eingehalten zu haben. Ein Uni-Gremium prüfte die Beschuldigungen. Es stellte zwar kein expliziertes Fehlverhalten fest, ortete aber zahlreiche Mängel methodischer Art.

Wiens Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) hatte zuletzt einige Male angekündigt, je nach Ergebnissen weitere politische Maßnahmen setzen zu wollen.

LINKS:

Die Abschlussergebnisse des ersten Teilprojekts zum Download

Die Abschlussergebnisse des Aslan-Teilprojekts zum Download

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Wien sieht Handlungsbedarf

Wien sieht angesichts der neuen Studie zu Islam-Kindergärten Anlass für weitere Maßnahmen. Bildungsstadtrat Jürgen Czernohorszky (SPÖ) zeigte sich zwar erfreut darüber, dass es keine Indizien auf religiöse Indoktrinierung gebe, trotzdem seien nach dem "Feedback" der Forscher nun weitere Schritte zu setzen. Sprachförderung oder Religion sollen dabei die Schwerpunkte sein.

"Was heute publiziert wurde, wird sehr ernst genommen", versprach er im Gespräch mit Journalisten. Er habe sich schon bisher dazu bekannt, dort hinzuschauen, wo es nicht so funktioniere. Nun könne man wissenschaftlich fundiert und auf der Basis von Fakten - "und mit weniger Showcharakter" - darüber reden, was man zu tun habe. Bedauerlich finde er lediglich, dass das Forscherteam keine gemeinsame Conclusio präsentiert habe, sagte der Stadtrat.

Er selbst zieht eine Reihe von Schlüssen aus der Arbeit, wie er berichtete. Zum einen müsse die Sprachförderung intensiviert werden. Mehrsprachigkeit sei dabei als Chance zu begreifen - denn wer sich in der Erstsprache gut ausdrücken könne, könne auch eine weitere Sprache gut lernen. Wien schneide hier jetzt schon besser ab als alle anderen Bundesländer, verwies Czernohorszky auf jüngste Evaluierungen. Trotzdem müsse es verstärkte Anstrengungen geben.

Mehr Budget für Pädagogen

Das betrifft auch die budgetäre Ausgestaltung. Bund und Land seien hier gefordert, zeigt man sich im Rathaus überzeugt. Die für sprachliche Frühförderung zuständigen Pädagogen sind zuletzt auf 250 aufgestockt worden. Es seien aber wohl noch mehr nötig, schätzte der Stadtrat. Hier genaue Zahlen zu nennen, sei aber noch zu früh.

Bildungs- und Weiterbildungsschwerpunkte sollen laut dem Ressortchef zudem den Bereich interkulturelle Kompetenzen betreffen. Vielfalt sei als positive Ressource zu sehen: "Wichtig ist dabei die Wertschätzung dafür, was ein Kind mit sich bringt, damit nicht der Eindruck entsteht, diese Kinder wären in der Stadt nicht willkommen." Dies in den entsprechenden Lehrplänen für Pädagogen zu verankern, falle aber in die Zuständigkeit des Bundes, forderte der Wiener Stadtrat hier entsprechende Aktivität ein.

Wie Religion im Kindergarten vermittelt wird, bleibe ebenfalls Thema. Wien habe mit dem entsprechenden Leitfaden ("Ethik im Kindergarten. Vom Umgang mit Religionen, Weltanschauung und Werten") bereits Schritte gesetzt. Auch die (katholische, Anm.) St. Nikolausstiftung habe als Träger hier schon ein sehr gutes Konzept. Um weitere Religionsgemeinschaften zu motivieren, vergleichbare Rahmenpläne zu erstellen, werde es einen Runden Tisch geben, kündigte Czernohorszky an.

Politik der ausgestreckten Hand für Kinder

Als problematisch erachte er, dass seit der Debatte um die erste - sehr umstrittene - Kindergartenstudie die Stimmung islamfeindlicher geworden sei. Die Diskussion um "Islam-Kindergärten" hätte Schaden angerichtet. Das hätten auch Kinder zu spüren bekommen, nach dem Motto: "Wenn du Moslem bist, verstecke dich besser." Nun sei eine Politik der ausgestreckten Hand nötig, hieß es - mit Verweis auf das "Kinderrecht Religionsfreiheit".

Laut Stadt Wien wurde vom Verfassungsdienst bis dato noch nie ein Kindergarten genannt, dessen Träger als bedenklich eingestuft wurde. Hinweisen auf mögliche islamische Indoktrinierung in den jeweiligen Einrichtungen würde zudem stets nachgegangen werden. Doch auch hier habe es bisher keinen einzigen bestätigten Fall gegeben, hieß es heute.