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Politik | Inland
07/13/2016

"Wir wollen nichts von oben vorgeben"

Bildungspaket: Was Bildungsministerin Hammerschmid und VP-Staatssekretär Mahrer planen.

KURIER: Es war ein ungewöhnlich lange Ministerratssitzung – sind Sie jetzt zufrieden?

Harald Mahrer: Bei einem solchen Riesenpaket muss man sich jedes Detail anschauen. Das dauert seine Zeit.

Sonja Hammerschmid: Es ist jedenfalls ein großer Tag für die österreichische Bildungspolitik und unsere Kinder. Es werden 750 Millionen Euro in den Ausbau ganztägiger Schulformen investiert. Bis 2025 werden wir so 120.000 zusätzliche Betreuungsplätze schaffen, insgesamt haben wir dann 270.000. Da geht es vor allem um Chancengleichheit, Kinder aus bildungsfernen Schichten sollen künftig weniger Unterstützung von zu Hause brauchen. Das Paket verbessert aber auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – und es tut der Wirtschaft gut.

Mahrer: Eine Milliarde in Summe für die Zukunftsbereiche Bildung und Forschung ist einfach toll. Und wir adressieren ein evidentes Problem, laut einer Umfrage wollen ja 68 Prozent der Österreicher mehr ganztägige Betreuungsangebote.

Die ÖVP war nie der größte Fan der Ganztagsschule.

Mahrer: Und auch jetzt wollen wir ja nicht diktatorisch vorgeben, wie das passieren soll. Wir haben uns darauf geeinigt, den Schulen Autonomie zu geben. Weil den Vorwurf, den sich die Politik ehrlicher Weise gefallen lassen muss, dass zu viel direktionistisch von oben vorgegeben wird, wollen wir verhindern.

Wer entscheidet, ob eine Schule ganztägig geführt wird?

Hammerschmid: Das muss am Standort selbst entschieden werden. Wir sind überzeugt, dass die Lehrer wissen, was sie brauchen. Da erwarten wir uns ganz neue Ansätze.

Könnten die Lehrer verhindern, dass ihr Schulstandort zu einer ganztägigen Schule wird?

Mahrer: Es ist ausgemacht, dass Schule und Schulpartner vor Ort gemeinsam darüber entscheiden. Nur die können sagen, was Sinn macht.

Sollen vorrangig Schulen mit hohem Migrantenanteil ausgebaut werden?

Hammerschmid: Auch das muss am Standort entschieden werden. Aber natürlich ist es uns wichtig, Chancengleichheit herzustellen.

Befürchten Sie, dass ein Streit ausbrechen könnte, dass das ganze Geld in Schulen in Städten fließen wird?

Hammerschmid: Da habe ich keine Sorgen. Es geht genauso um die Förderung Hochbegabter, wie um die Förderung von Kindern mit schwachem Bildungshintergrund.

Was soll vorrangig gefördert werden, Nachmittagsbetreuung oder verschränkter Unterricht, also eine Abwechslung aus Unterrichts-, Lern- und Freizeit?

Hammerschmid: Studien belegen, dass verschränkte Ganztagsschulen das Lernverhalten besonders gut adressieren. Aber auch hier dürfen wir nicht eindimensional denken, sondern wollen unterschiedliche Konzepte der Standorte zulassen.

Gibt es schon einen Plan, wie das Geld aufgeteilt wird?

Mahrer: Wir machen das bedarfsgerecht und nicht nach einem starren Schema. Das ist eben das Neue.

Hammerschmid: Wir werden auch die Rahmenbedingungen für die Lehrer verbessern, Stichwort Arbeitsplatz in der Schule. Damit der Arbeitsalltag leichter wird.

Werden die Lehrer zukünftig von 8 bis 16 Uhr arbeiten?

Mahrer: Das kann man heute noch nicht sagen, aber ich denke, dass wir hier in Zukunft flexibler sein müssen, je nachdem, was vor Ort entschieden wird.

Erwarten Sie Widerstand der Gewerkschaft?

Hammerschmid: Nein, weil wir ein gemeinsames Ziel haben: Die beste Bildung und Chancengleichheit.

Es ist bereits ein Paket für den Ausbau von Ganztagsschulen auf Schiene, das wird aber nicht angetastet?

Hammerschmid: Es gibt ein Paket mit 800 Millionen, das bis 2018 läuft. Das ist getrennt zu sehen. Aber insgesamt werden wir 1,55 Milliarden bis 2025 für die Ganztagsschulen ausgeben.