Wolfgang Kulterer und Jörg Haider: Spezis waren sie keine, aber die Hypo hat die beiden Karrieristen zusammengeschweißt.

© APA/Robert Newald

Hypo-U-Ausschuss
07/13/2015

"Haider war für mich ein Reibebaum"

Der große Showdown vor der Sommerpause: Wolfgang Kulterer wird am Donnerstag befragt.

von Ida Metzger

Es existiert ein ungeschriebenes Gesetz in einem U-Ausschuss: Je prominenter die Auskunftsperson, je größer der Medienrummel, desto öfter sind die Abgeordneten mit den drei frustrierenden Wörtern konfrontiert: "Ich entschlage mich." Den Rekord lieferte Lobbyist Alfons Mensdorff-Pouilly im Korruptions-U-Ausschuss. 43-mal schmetterte er die bohrenden Fragen ab.

Entschlagungsmarathon

Trotz des möglichen Szenarios eines Entschlagungsmarathons ist die Spannung vor dem kommenden Donnerstag groß. Am letzten Tag vor der Sommerpause wird Ex-Hypo-Chef Wolfgang Kulterer (61) vier Stunden lang befragt. Die Abgeordneten hoffen auf einen auskunftsfreudigen Zeugen. "Ich möchte wissen, wie dieses Hypo-Biotop entstehen konnte", sagt der Grüne Werner Kogler.

Ex-BZÖ-Politiker Stefan Petzner, dem Kulterer vertraut, meint: "So wie ich Kulterer kenne, wird er die Chance nützen, um seine Sicht der Dinge zu erklären. Mit vielen Entschlagungen rechne ich nicht."

Fünf Anklagen

Der einst gefeierte Bankmanager wird aus der Haft in Begleitung der Justizwache ins Parlament chauffiert. Fünf Anklagen, drei Verurteilungen (wegen der Vorzugsaktien-Deals I & II und wegen des Kredits an die Styrian Spirit) mit 6,5 Jahren Haft, zuletzt zwei Freisprüche (Causa Paradiso und Kreditvergabe an die ,Heli kompanija‘) gab es für den ehemaligen Military-Reiter.

Kulterer, der seit 14 Monaten im Gefängnis in Hirtenberg bei Leobersdorf (NÖ) in einer Einzelzelle sitzt und nur handschriftlich korrespondieren kann, zeigt sich nun reflektiert und gibt Fehler zu, sieht aber die größere Schuld an dem Hypo-Milliardendebakel bei den Bayern und in der Notverstaatlichung. "Nach meinem Ausscheiden wurde das Geschäftsvolumen der Bank von den Bayern von 2006 bis Ende 2009 fast verdoppelt", sagt Kulterer.

Aber auch Kulterer expandierte im großen Stil. Er war 38, als er die Hypo 1992 übernahm. Das Hypo-Reich war mit neun Filialen überschaubar. Kulterer, der sich laut eigenen Aussagen in der Banken- und Society-Welt nie wohlfühlte, sondern sich mehr für Landwirtschaft interessiert, verfolgte ein Ziel: Er wollte es den Großbanken in Wien zeigen. Im Oktober 2006, als Kulterer als Vorstand ausschied, gab es 200 Filialen. Als Haiders Banker wollte Kulterer nie bezeichnet werden. "Haider war ein Reibebaum für mich. Wir hatten ein distanziertes Verhältnis." Die Bilanzsumme stieg in den 14 Jahren von 1,9 auf 31 Milliarden. Die Landeshaftungen verhalfen ihm zu billigem Geld auf dem Kapitalmarkt. Sie stiegen in den Jahren 2004 bis 2007 um das Vierfache – von 6 auf 25 Milliarden. "Ich wäre ein schlechter Banker gewesen, hätte ich diese Chance nicht genützt."

Bis 2006 war Kulterer der unumstrittene Boss der Hypo. "Kulterer und die Hypo waren eins", beschreibt Kogler die Macht des Bankers. "Bis zu den Swap-Verlusten waren alle von ihm angetan."

Aura des Erfolges war dahin

Mit den Swap-Verlusten war die Aura des Erfolgs plötzlich dahin. Die Bank hatte 328 Millionen Euro in den Sand gesetzt, die Bilanz von 2004 musste umgeschrieben werden und wies nun – erstmals – einen Verlust aus. Die FMA erstattete Anzeige. Kulterer räumte seinen Vorstandsessel und wechselte in den Aufsichtsrat, was für heftige Kritik sorgte. Der Ex-Hypo-Chef selbst wusste von den Verlusten schon im November 2004. Den Aufsichtsratsvorsitzenden informierte er erst sechs Monate später. Kulterer plante, die 328 Millionen über zehn Jahre in den Bilanzen abzuschreiben.

Nach seinem endgültigen Abgang im Herbst 2007 aus dem Aufsichtsrat wollte Kulterer neu durchstarten. Daraus wurde nichts. Im Sommer 2010 kam er für einige Monate in U-Haft.

"Die ersten Tage waren ein Schock. Das kann jetzt nicht möglich sein, dass ich hinter einem Fenster mit Gittern sitze und hinter einer Stahltür eingesperrt bin", beschreibt Kulterer seine damaligen Gedanken. Mittlerweile hat er sich mit dem Leben in Haft, so gut das geht, arrangiert. "Die Stärke von einem Menschen zeigt sich nicht, wenn man ganz oben auf der Leiter steht, sondern wenn man runterfliegt und die Kraft hat, wieder aufzustehen", so Kulterers Motto.

Das wird schwierig. Der Ex-Banker ist in Privatkonkurs – und hat Schadenersatzklagen von 600 Millionen Euro am Hals.

Was Kulterer mit einer Hendlfarm zu tun hat

Wolfgang Kulterer ist drei Mal in Hypo-Causen verurteilt worden – zu insgesamt sechseinhalb Jahren Haft (siehe oben). Einen Schlussstrich kann er aber noch lange nicht unter das Lebenskapitel Hypo ziehen, denn die Justiz ermittelt nach wie vor gegen den einstigen Chef-Banker – etwa im Fall „Puris“.

Die bankrotte Geflügelfarm in Istrien hat die Hypo und damit die Steuerzahler letztlich „44 Millionen Euro gekostet“, erklärt Neos-Mandatar Rainer Hable, der die Sache im Hypo-U-Ausschuss mehrfach zur Sprache gebracht hat – und auch Kulterer damit konfrontieren wird. Hable meint, „die Sache stinkt zum Himmel“. Kulterer-Anwältin Ulrike Pöchinger hingegen sagt: „Ich gehe davon aus, dass mein Mandant in der Causa nicht angeklagt wird. Das ist völlig substanzlos.“ Bis die Justiz entscheidet, wird es noch einige Zeit dauern. „Herr Kulterer wurde in dieser Sache noch nicht einvernommen“, sagt die Rechtsanwältin.

1,9 Millionen Seiten

Faktum ist, dass es in der Sache eine 82 Seiten umfassende Sachverhaltsdarstellung der CSI Hypo an die Staatsanwaltschaft gibt. Der dazugehörige Justizakt ist 1,9 Millionen Seiten dick. Worum geht es konkret? Es begann im Jahr 2001: Damals vergab die Hypo – unter den Vorständen Kulterer und Günter Striedinger – einen 12-Millionen-Euro Kredit an Walter W., zum Erwerb einer Mehrheitsbeteiligung an der kroatischen Hühnerfarm „Puris“. Die nötigen Sicherheiten fehlten.

Zwei Millionen futsch

Laut Sachverhaltsdarstellung flossen 2 von 12 Millionen an einen gewissen Albin H. Laut CSI Hypo wurde das im Kreditantrag mit keinem Wort erwähnt, es gebe auch keine Belege für etwaige Gegenleistungen. Wer das Geld letztlich kassiert hat, ist bis heute ungeklärt. 2001 gründete Kulterers Ehefrau Brigitte mit Gerhard P. – einem Freund der Kulterers – eine Firma namens WBG. Die Ermittler vermuten, dass das „W“ im Firmennamen für Wolfgang (Kulterer) steht. Die WBG kassierte „Management Fees“ von der „Puris“. Als die Hühnerfabrik nicht so lief, wie man sich das gewünscht hatte, gründete Gerhard P. eine neue Firma, um die „Puris“ zu übernehmen. Einen Kredit in Höhe von 17,2 Millionen Euro für den Kauf erhielt P. von der Hypo.

Wer kassierte mit?

Die CSI Hypo geht davon aus, dass Kulterer „wesentlicher wirtschaftlicher Berechtigter“ der „Puris GmbH“ war. Für die Bank-Ermittler besteht der „massive Verdacht“, dass Kulterer die Übernahme der „Puris“ geplant hatte und das Unternehmen mit Krediten der Hypo sanieren wollte – „wobei diese Kreditmittel zum Teil nicht der ,Puris‘, sondern Dritten, allenfalls mittelbar Dr. Kulterer selbst über die WBG zuflossen“.

Hinweise auf „Kick-back“-Zahlungen hatte es schon 2007 gegeben, diese konnten laut Finanzmarkt-Aufsicht und Wirtschaftsprüfer aber nicht erhärtet werden.
Anwältin Pöchinger weist auch alle Vorwürfe zurück. „Mein Mandant hat in der Causa ,Puris‘, wie auch in allen anderen Fällen, niemals Geld kassiert.“ Kulterer selbst sagt im profil: „Weder ich persönlich noch eine mir damals zuordenbare Gesellschaft waren an der ,Puris‘ beteiligt.“

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