Politik | Inland
28.10.2017

Kurz-Berater: "Habe ein Problem mit ideologischen Schubladen"

Stefan Steiner ist der wichtigste Berater von Sebastian Kurz. Wie tickt das "Hirn" des türkisen Machtzirkels?

Wer sich ein Bild der Abläufe des Teams um Sebastian Kurz machen will, hatte diese Woche im Innenhof des Palais Niederösterreich gute Karten: Während der ÖVP-Chef neben seiner Generalsekretärin Elisabeth Köstinger den neuesten Stand zu den gerade angelaufenen Verhandlungen mit der FPÖ vor zig Journalisten und Kameraleuten darlegte, harrte einer wortlos mit einem Stoß an Akten unterm Arm und wachsamer Miene im Hintergrund. Erkundigt man sich bei Parteikennern über diesen weitgehend Unbekannten aus der zweiten Reihe, fallen Worte wie "Mastermind", "Hirn" und gar "Meisterstratege". Jedenfalls aber, so heißt es, sei er der wichtigste Kurz-Berater.

Er, der Mann im Hintergrund, das ist Stefan Steiner – neben Kurz der zentrale Kopf des neuen ÖVP-Führungszirkels. Offiziell ist er zuständig für Strategien und Analysen – konkret, so ein Kenner der Kurz-Partie, "ist er der Mann, der für die Inhalte sorgt". Ein Beispiel: Die harte Kurz-Linie in Sachen Migration und Integration stammt (auch) aus der Feder des 39-jährigen Niederösterreichers, der seit sechs Jahren eng an der Seite des ÖVP-Chefs werkt. Auch bei der Öffnung der ÖVP für diverse Quereinsteiger soll Steiner eine zentrale Rolle gespielt haben. Und nun nimmt Steiner – logischerweise – auch beim Koalitionspoker eine Schlüsselposition ein.

Prägende Kindheit in der Türkei

Doch wie tickt das ÖVP-Hirn politisch? "Gesellschaftspolitisch ist er liberal, in Migrationsfragen konservativ", sagt ein Wegbegleiter des dreifachen Vaters, der seit einiger Zeit in Wien wohnt. Steiner selbst hält von derlei Einordnungen wenig, wie er dem KURIER in einem seiner extrem rar gesäten Medienauftritte erklärt: "Ich bin ein Pragmatiker und habe ein Problem mit ideologischem Schubladendenken aus dem vergangenen Jahrhundert", so seine Kurz frappant ähnelnde Selbstbeschreibung. Konkreteres lässt sich aus seiner Vita ablesen: Seine harte Linie in Integrationsfragen ("Integration durch Leistung") fußt unter anderem auf Steiners Kindheit in der Türkei. In seinen Jugendjahren in Istanbul habe er, Sohn zweier Lehrer, die aus Abenteuerlust ans St.- Georgs-Kolleg in Istanbul wechselten, nebst kultureller Offenheit vor allem eines gelernt: "Wenn man wo fremd ist, setzt man sich automatisch damit auseinander, was es heißt, Österreicher zu sein". Was er damit meint? Etwa die Gleichstellung der Frau, sowie und ein klares Bekenntnis zur Demokratie.

Bis zur Matura blieb Steiner in Istanbul, gewohnt hat der einstmalige Amateurkicker und Bruder eines hochrangigen Mitarbeiters im Finanzministerium unweit des Inöü-Stadions von Besiktas Istanbul. Seither spricht er fließend Türkisch – mit ein Grund, warum Kurz ihn 2011 als Kabinettschef ins Integrationsstaatssekretariat holte. Davor jobbte Steiner im Innenministerium und als politischer Direktor in der Bundes-ÖVP. Erstmals mit der ÖVP in Berührung kam der vife Jurist, der bereits mit 25 sein Doktorat abschloss, Anfang 20 in Niederösterreich. Einer seiner frühesten Förderer war der heutige Landeshauptmann-Vize Stephan Pernkopf. Bevor er bei Kurz anfing, half Steiner Ex-ÖVP-Chef Josef Pröll bei dessen "Perspektivengruppen" – einem letztlich gescheiterten Versuch, die ÖVP inhaltlich zu erneuern.

Pröll ging daraufhin in die Privatwirtschaft, Steiner zu Kurz – und gehörte Jahre später zu jenen Kurz-Beratern, die die Willkommenspolitik des Jahres 2015 entgegen der vorherrschenden Stimmung als falsch bezeichneten. Damals riet Steiner seinem jungen Chef davon ab, sich wie so viele andere in der Asyl-Ausnahmesituation am Wiener Westbahnhof fotografieren zu lassen – eine Linie, die sich letztlich bezahlt gemacht hat. Dass Steiner noch lange in der zweiten Reihe bleibt, wird in manchen Ecken der Partei bereits angezweifelt. Er selbst sagt dazu nichts– nur so viel: "Ich bin nicht öffentlichkeitsscheu, aber meine Stärken liegen in der inhaltlichen Arbeit, der Analyse und im Entwickeln von Strategien". Das, so Steiner, "ist meine Rolle".