Politik | Inland
28.03.2016

Griss und Sohn: "Zuhause gab es keine Gesetze"

Rudolf Griss über das Image seiner Mutter als strenge Richterin, die zu Hause sehr tolerant war.

KURIER: Herr Griss, Ihre Mutter hat bereits mehr als 660.000 Euro für den Wahlkampf gesammelt und bekam über 12.000 Unterstützungserklärungen. Hätten Sie mit einer solchen Zustimmung gerechnet, als Sie zum ersten Mal vom Projekt Bundespräsidentenwahl erfahren haben?

Rudolf Griss: Das überrascht mich keineswegs, denn ich denke, in Österreich ist die Politikerverdrossenheit enorm und der Wunsch nach einer unabhängigen, parteilosen Kandidatin sehr groß.

Sie haben einen gänzlich anderen Berufsweg als Ihre Eltern eingeschlagen. In Lausanne haben Sie ein innovatives Start-up Unternehmen für Biomedizin gegründet. Was genau ist Ihr Geschäftsmodell?

Rudolf Griss: Diabetiker können ihren Blutzuckerwert mit einem einfachen Gerät selbst messen. Wir wollen eine solche Möglichkeit für Krankheiten schaffen, bei denen man heutzutage noch ein Labor benötigt. Denn zum Beispiel kann bei Krebs, Herzkrankheiten, Epilepsie oder nach Transplantationen eine Über- als auch eine Unterdosierung eines Medikaments gefährlich sein. Bisher mussten zur Überwachung des Blutspiegels Proben an spezialisierte Labors geschickt werden. Mit unserem System muss der Patient lediglich einen Blutstropfen auf einen Papier-Teststreifen tupfen und diesen dann in ein Lesegerät legen. Er erhält dann sofort ein Resultat.

Frau Griss, Kinder waren ursprünglich nicht in Ihrer Lebensplanung vorgesehen. Mussten Sie sich mit der Mutterrolle erst anfreunden? Welcher Muttertyp waren Sie?

Irmgard Griss: Es war natürlich für jemanden wie mich, der lange alleine gelebt hat, eine große Umstellung. Aber sobald das erste Kind auf der Welt ist, fokussiert man sich instinktiv auf das Kind, egal wie unabhängig man davor lebte. Als Mutter habe ich großen Wert auf Selbstständigkeit gelegt. Es gab daher kaum Gesetze oder Regeln zu Hause. Selbst als meine Söhne Teenager waren und abends weggingen, schrieb ich ihnen nie eine Uhrzeit vor, wann sie zu Hause sein mussten. Mir war es wichtig, dass die Kinder selbst Verantwortung für ihre Handlungen übernehmen.

Im Berufsleben haben Sie Gesetze exekutiert. Kann man Sie privat als tolerante Mutter bezeichnen?

Irmgard Griss: Ja, da gab es größtmögliche Freiheit.

Rudolf Griss: Ich kann mich ehrlich gesagt an nichts erinnern, was meine Mutter verboten hätte. Einzig, dass ich mich als Kind vehement weigerte, Gemüse und Obst zu essen, hat sie gestört. (lacht) Aber da habe ich mich meistens durchgesetzt.

Hat Sie Ihnen als Mutter immer die Stange gehalten, auch wenn Sie vielleicht den Bogen überspannt haben?

Rudolf Griss: Ich erhielt immer bedingungslosen Rückhalt von meiner Mutter. Als ich nach meinen Studium von Zürich nach Lausanne zog, ist sie extra in die Schweiz gekommen, um mir beim Umzug zu helfen.

Irmgard Griss: Nicht nur das. Ich habe auch dein Zimmer in der Studenten-WG geputzt – sogar einmal in einem schönen Kleid – das war etwas ungewöhnlich. (lacht)

Rudolf Griss: Dabei war mein Zimmer gar nicht so unordentlich. Aber meiner Mutter kann es nicht ordentlich genug sein. (lacht)

Wo liegen die politischen Unterschiede zwischen Mutter und Sohn?

Rudolf Griss: In unserer Familie wurde immer sehr viel politisiert – aber große Unterschiede fallen mir keine ein.

Irmgard Griss: Nur ein Mal hatten wir unterschiedliche Auffassungen. Das war während der schwarz-blauen Koalition. Da warst du noch Schüler in der Mittelschule und hast dich für die Initiative "Ich bin Ausländer, fast überall" engagiert. Du und dein Bruder haben die rassistische Haltung der FPÖ kritisiert. Dein Vater und ich waren aber auch der Meinung, dass die Reformen, die in dieser Zeit durchgezogen wurden, gut für das Land sind. Da gab es durchaus Diskussionen.

Wie hat Ihre Mutter Konflikte zwischen den Geschwistern gelöst? Gab es öfters ein richterliches Machtwort?

Rudolf Griss: Mein Bruder Johannes und ich waren stark vom Beruf unserer Mutter geprägt. Während eines Streites haben wir uns einmal gefragt, bei wem von uns beiden denn nun eigentlich die Beweislast liegt. Wenn wir nicht weiterwussten, gingen wir zu unserer Mutter und erhofften uns ein Urteil. Doch ein richtiges Machtwort gab es nie von ihr. Sie legte immer darauf Wert, dass wir unsere Konflikte selbst lösen. Ein Tipp von ihr an mich war: "Wenn du dich über deinen Bruder ärgerst, räumst du ihm Macht über dich ein."

Frau Griss, Sie kommen aus sehr einfachen Verhältnissen. Ihre Kinder dagegen sind in einer problemlosen Welt aufgewachsen. Haben Sie in der Erziehung darauf Wert gelegt, dass Ihre Söhne nicht alles auf dem Silbertablett serviert bekommen?

Irmgard Griss: Mein Mann und ich haben ein normales, bescheidenes Leben gelebt. Da gab es keinen großen Luxus, aber die Kinder haben alles bekommen, was sie brauchten. Als Kind habe ich erlebt, wie schwierig das Leben ist, wenn man wenig Geld hat. Ich bekam nie ein Taschengeld, neue Kleidung war ein Luxus. Das wollte ich für meine Kinder nicht. Als es klar war, dass Rudolf ein technisches Studium einschlagen wird, haben mein Mann und ich ihn ermuntert, sich das Angebot der Eidgenössische Technischen Hochschule in Zürich anzuschauen. Es gab auch während des Studiums von unserer Seite kein festgelegtes monatliches Budget. Aber ich muss auch sagen, dass Rudolf immer sehr sparsam war. Für das Masterstudium bekam er dann ein Stipendium und er hat das Studium in zwei statt drei Semestern durchgezogen.

Also ein Vorzeigesohn ...

Irmgard Griss: Rudolf hat immer leicht gelernt. Insofern war es kein großes Verdienst. Er war ja auch immer das Nesthäkchen der Familie und dadurch auch sehr verwöhnt. Trotzdem hatte er als Student sein Leben voll im Griff. So lernte er dann via Videoanleitung das Bügeln.

Ihr Sohn ist Unternehmer. Sie waren im sicheren Hafen als Beamtin. Haben Sie Respekt vor dem Risiko?

Irmgard Griss: Er arbeitet mit Netz und haftet, weil es eine AG ist, nicht persönlich. Außerdem weiß er, dass es ja uns auch noch gibt, sollte etwas schiefgehen. Wir würden Rudolf in jedem Fall immer unterstützen.

Sie leben in der Schweiz. Wäre ein mehr an direkter Demokratie für Sie auch ein Modell für Österreich?

Rudolf Griss: Ich sehe dieses Modell sehr positiv. Durch die direkte Demokratie setzen sich die Menschen hier intensiv mit Politik auseinander. Vor jeder Abstimmung erhalten sie ein Informationspaket zum Thema, um sich ein Bild zu machen. Man müsste allerdings sicherstellen, dass es keine Volksabstimmungen gibt, wo es um die Rechte von Minderheiten geht.

Irmgard Griss: Der entscheidende Punkt ist, dass die Menschen die Bereitschaft haben, sich mit Politik auseinanderzusetzen. Sonst wäre es ein offenes Tor für Populismus und Manipulation.

Was ist Ihre Prognose für die Wahl?

Rudolf Griss: Meine Prognose ist, dass meine Mutter in die Stichwahl kommt und diese dann auch gewinnen kann.