Politik | Inland
16.04.2017

Griss: "TV-Talk schließt Politik nicht aus"

Vor einem Jahr schaffte sie bei der Hofburg-Wahl eine kleine Sensation. Danach wurde über ihren Polit-Einstieg spekuliert. Doch es kam anders. Ab Mai moderiert Griss einen Polit-Talk auf Puls 4, der einer Gerichtsverhandlung gleicht.

KURIER: Frau Griss, Sie hatten zahlreiche Angebote in die Politik einzusteigen. Jetzt starten Sie eine späte Karriere als Polit-TV-Moderatorin. Ist der Einstieg in die Politik damit abgehakt?

Irmgard Griss: Die Moderation eines TV-Politik-Talks schließt den Gang die Politik nicht aus. Für mich ist das Thema noch nicht abgehakt. Aber das Angebot kam sehr überraschend. Zuerst habe ich überlegt, ob die Mitwirkung in einer Fernsehsendung überhaupt sinnvoll ist. Dann hat mich das Konzept der Sendung aber sehr interessiert, weil es ein ganz neues Format der TV-Debatte ist.

Wenn man nur die Ankündigung hört – Irmgard Griss wird TV-Richterin – kommt sofort die Assoziation mit der TV-Gerichtsshow "Richterin Barbara Salesch". Wie lange haben Sie überlegt, ob das Angebot zu Ihrem seriösen Image passt?

Natürlich habe ich auch das abgewogen. Das neue TV-Format ist aber keine fiktive Gerichtsverhandlung in Strafsachen wie bei "Richterin Barbara Salesch". Meine Aufgabe wird es sein, die beiden Parteien dabei zu unterstützen, die gegensätzlichen Standpunkte klar heraus zu arbeiten und überzeugend zu begründen. Ziel der Sendung ist es ja zu zeigen, wie eine politische Debatte idealerweise ablaufen soll.

Sie bekamen 18,9 Prozent der Wählerstimmen bei der Bundespräsidentenwahl. Viele Ihrer Wähler würden Sie gerne in der Politik sehen. Werden nicht einige enttäuscht sein, dass Sie Ihre Popularität nun nutzen, um einen eigenen Polit-Talk zu bekommen?

Im ersten Moment werden manche meiner Wähler möglicherweise enttäuscht sein. Aber ich bin überzeugt, dass ich die Bedenken zerstreuen kann. Die Sendung wird kein Klamauk sein. "Im Namen des Volkes" ist ja auch keine bloße Unterhaltungssendung, sondern es geht darum, das Format Polit-Talk weiterzuentwickeln und zu zeigen, wie eine seriöse politische Debatte ablaufen soll. Für Klamauk-TV wäre ich nicht zu haben.

Das heißt, Sie machen einen Polit-Talk in einem Gerichtssaal?

Das ist, wenn man so will, der äußere Rahmen. Ähnlich wie in einem Gerichtsverfahren soll über gegensätzliche Standpunkte verhandelt werden, um zu einer Entscheidung zu kommen. Dazu werden zwei Personen eingeladen, die die unterschiedlichen Standpunkte vertreten. Damit sich die Bürger ein Bild machen und eine fundierte Entscheidung treffen können, werden Experten das Thema aufbereiten. Auch in einem Gerichtsverfahren gibt es einen Kläger und einen Beklagten, und es werden Experten gehört. Meine Aufgabe wird es sein, darauf hinzuwirken, dass wirklich Argumente ausgetauscht werden und auf die Argumente des jeweils anderen eingegangen wird. Es soll kein Schlagabtausch und keine Schlammschlacht werden.

Welche Themen sollen im Mittelpunkt der neuen Sendung stehen?

Das können Themen sein wie: Soll es ein bedingungsloses Grundeinkommen geben? Bei diesem Thema muss man sich zum Beispiel damit auseinandersetzen, welche Veränderungen die Digitalisierung mit sich bringt. Wie viele Jobs werden dadurch wirklich wegrationalisiert? Ein anderes Thema: Soll es ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst geben? Ich werde mich bemühen, durch Fragen darauf hinzuwirken, dass die Standpunkte klar herausgearbeitet werden und nachvollziehbar wird, was für den einen Standpunkt spricht und was für den anderen Standpunkt. Hier kann ich meine Erfahrung als ehemalige Richterin einbringen.

Im Idealfall diskutieren ÖVP-Außenminister Sebastian Kurz gegen eine Muslima mit Kopftuch über ein Kopftuchverbot?

Das wäre ein sehr emotionales Thema. Für uns ist es oft schwer, sich in eine Muslima hineinzuversetzen und zu verstehen, was diese Diskussion für sie bedeutet. Viele Muslimas sind tief betroffen, dass sich andere Menschen anmaßen, über sie zu urteilen. Sie haben auch das Gefühl, nur mehr auf das Kopftuch reduziert zu werden. Mir wäre es wichtig, in der Sendung alle Argumente herauszuarbeiten, damit die Menschen beide Seiten verstehen können. Im Idealfall hören sie den einen und sagen, ja, so ist es, und dann hören sie den anderen und halten auch das für richtig, was er sagt.

Ihr Ehemann gilt als Ihr wichtigster Berater. War er von dem TV-Angebot sofort überzeugt?

Mein Mann war zuerst auch skeptisch. Nachdem ich ihm aber das Konzept erklärt habe, hat er mir jedenfalls nicht davon abgeraten. Ich habe schon so viele verschiedene Aufgaben in meinem Leben übernommen, warum soll ich nicht auch das versuchen? Das ist etwas völlig Neues, es ist spannend, und ich fühle mich wirklich gefordert.

Auch wenn Sie dabei viel auf Spiel setzen. Jetzt haben Sie ein Gewinner-Image. Das könnte bei einem Scheitern weg sein.

Warum sollte ich scheitern? Abgesehen davon, wenn ich es nicht versuche, bin ich schon gescheitert. Dazu kommt, dass es gerade jetzt, in Zeiten des weit verbreiteten Populismus, wichtig ist, die Menschen dazu zu bringen, sich mit politischen Themen auseinanderzusetzen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Idealerweise soll es informierte Wahlentscheidungen geben, genauso wie es informierte Entscheidungen bei einer Operation oder beim Kauf einer Sache gibt. Wer sich keine eigene Meinung bildet, kann auch keine informierte Entscheidung treffen.

Machen Sie auch Medientrainings?

Es gab schon ein paar Probeläufe. Die sind gut gelaufen. Die große Herausforderung wird sein, die gegensätzlichen Standpunkte so zu bringen, dass beide überzeugen. Das kann nicht nur mit trockenen Argumenten gelingen. Wichtig ist, dass man sich auf das Thema voll einlässt und Studiogäste bekommt, die für das Thema brennen. Wenn die Menschen spüren, da geht es wirklich um etwas, werden sie nicht wegzappen.

Welche Gäste wollen Sie für Ihre neue Sendung "Im Namen des Volkes" gewinnen. Denken Sie auch an Regierungsmitglieder wie Christian Kern oder Wolfgang Sobotka?

Das hängt von den Themen ab. Ganz entscheidend wird es sein, Persönlichkeiten zu gewinnen, die von ihrer Sache überzeugt sind und ihre Überzeugung mit handfesten Argumenten untermauern können.

Gehen wir zur aktuellen Politik. Sämtliche Politik-Insider gehen von einer vorgezogenen Nationalratswahl aus. Sie treten nach wie vor mit Neos-Chef Matthias Strolz bei Diskussionsveranstaltungen auf. Droht den Kleinparteien bei einem Dreikampf Kern-Kurz-Strache hier nicht, medial unterzugehen?

Das wird sicher ein Wahlkampf, der es in sich hat und der gerade die Kleinparteien unter Druck bringen wird. Mir wird aber gesagt, dass die Neos in den Umfragewerten sehr stabil über den erforderlichen vier Prozent liegen, selbst wenn die Spitzenkandidaten-Konstellation Kern-Kurz-Strache abgefragt wird.

Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist knapp drei Monate im Amt. Wie beurteilen Sie als ehemalige Konkurrentin seine Performance?

Alexander Van der Bellen übt das Amt so aus, wie es zu erwarten war. Es hat sich in meiner Wahrnehmung nichts im Vergleich zu seinen Vorgängern verändert.

Gab es schon Situationen, wo Sie anders als Bundespräsidentin agiert hätten?

Das kann ich nicht sagen. Denn es ist ein Unterschied, ob man selbst handeln muss oder nur Beobachter ist. Als bloßer Beobachter ist es leicht zu sagen, das hätte ich anders gemacht.

Wie hätten Sie bei der Debatte um die 50 Flüchtlingskinder reagiert? Es hat viele gewundert, dass gerade Alexander Van der Bellen mit seinem sozialen Gewissen hier geschwiegen hat...

Das mag schon sein. Auf der anderen Seite muss ein Bundespräsident darauf achten, dass er sich nicht zu inflationär zu Wort meldet. Gerade bei der Debatte um die Aufnahme von 50 minderjährigen Flüchtlingen hatte ich das Gefühl, dass sich die Regierung schon im Wahlkampfmodus befindet. Eine andere Erklärung kann es für diese Debatte nicht geben. Da stellt sich die Frage: Soll der Bundespräsident wirklich Wahlkampfaussagen kommentieren?

Alt-Bundespräsident Heinz Fischer warnt davor, dass SPÖ, ÖVP und Grüne die verfassungsmäßigen Rechte des Bundespräsidenten einschränken wollen. Würde dieses Vorhaben, die fein austarierte österreichische Verfassung aus dem Lot bringen?

Ich bin hier ganz auf einer Linie mit Heinz Fischer. Die Verfassung ist nicht etwas, was man je nach politischer Laune oder Opportunität verändern kann. Die Verfassung hat ja nicht von ungefähr dem Bundespräsidenten diese Rechte gegeben. Das ist ein austariertes System, mit dem ein Ausgleich zum Parlament und zur Regierung geschaffen wurde. Würden die Befugnisse des Bundespräsidenten eingeschränkt, dann muss man die Frage stellen: Warum wird der Bundespräsident überhaupt noch vom Volk gewählt? Dann kann gleich die Bundesversammlung den Bundespräsidenten wählen. Die Volkswahl des Bundespräsidenten war ja eine Konsequenz der Erweiterung der Kompetenzen des Bundespräsidenten durch die Verfassungsnovelle 1929.

Müsste in diesem Fall nicht gerade der amtierende Bundespräsident die Rechte dieses Amtes verteidigen?

Alexander Van der Bellen ist hier als Amtsinhaber in einer zwiespältigen Situation. Es geht ja um seine Kompetenzen. Heinz Fischer tut sich als Alt-Bundespräsident wesentlich leichter, die Kompetenzen des Amtes zu verteidigen.

Sie haben eine erfolgreiche Karriere als Juristin hinter sich. Mit dem Hypo-Bericht haben Sie eine zweite Karriere in der Pension gestartet. Sehen Sie sich als Role-Model, dass die Pension nicht auf der Parkbank verbracht werden muss?

Früher hatten wir drei Lebensabschnitte. Durch die Fortschritte der Medizin und bessere Lebensbedingungen ist nun zwischen der aktiven Zeit und der Pension ein weiterer Abschnitt entstanden. Jetzt haben wir vier Lebensphasen. In der dritten Lebensphase kann man der Gesellschaft etwas zurückgeben, wenn man, so wie ich, das Glück gehabt hat, dass es im Leben eigentlich immer aufwärts gegangen ist. Man muss auch nichts mehr werden und ist von niemandem mehr abhängig. Viele Pensionisten sind in dieser Situation, das kann für die Gesellschaft ein Gewinn sein. Ich habe aber bemerkt, dass sich viele Menschen an die aktiven Pensionisten erst gewöhnen müssen. Da ist noch ein Lernprozess notwendig, denn ich war öfters mit der Frage konfrontiert, warum ich mir das noch antue, denn ich bin eh schon so alt (lacht).

INFOBOX:

Irmgard Griss hat den Vorsitz im TV-Gerichtssaal

Es soll eine Polit-Debatte der ganz neuen Art werden. „Im Namen des Volkes“ geht ab 7. Mai live um 20:15 Uhr im TV auf PULS 4 on Air. Jede Sendung (ein Mal pro Monat am Sonntagabend) wird sich mit einem gesellschaftspolitischen Thema befassen, das die Österreicher beschäftigt. Pro Live-Sendung treten zwei Teams gegeneinander an, die konträrer Meinung sind. Das Aufeinandertreffen gleicht einem Verhandlungsprozess.Den Vorsitz hat Irmgard Griss. Jedes Team versucht seine Standpunkte bestmöglich zu beweisen. Mit Hilfe von zugespielten Beiträgen, Betroffenenaussagen und Experten - argumentieren die Teams ihre Sicht der Dinge – und kämpfen um das Recht – den Zuspruch der Nation. Zusätzlich enthält die Verhandlung die Möglichkeit des Kreuzverhörs. Griss kann in ihrer Rolle als Vorsitzende der Verhandlung die Argumente tiefergehend hinterfragen, sowie für Ausgewogenheit sorgen. Während der Sendung entscheidet Österreich live per Bürger-Befragung, wer im Recht ist. Die Entscheidung fällt am Ende der Sendung „im Namen des Volkes“.