Politik | Inland
10.12.2017

Grasser: Versteckt lebt es sich besser

Zum möglichen Start des BUWOG-Prozesses am Dienstag: Wie Fiona und Karl-Heinz Grasser heute in Kitzbühel leben. Erst im Frühjahr kaufte Fiona einen Bauernhof um 11,8 Millionen Euro.

Ein übles Gefühl? Das hat Karl-Heinz Grasser sicher. Gehen doch am Montag ein erster Showdown und die Generalprobe für seinen Prozess fast zeitgleich über die Bühne. Wie das geht? In der Causa BUWOG ist auch diese Obskurität möglich. Erst 19 Stunden vor dem Verhandlungsauftakt entscheidet der Oberste Gerichtshof, ob er den Prozess platzen lässt, indem er möglicherweise Richterin Marion Hohenecker abberuft.

Diese Entscheidung würde bedeuten: Aufschub und Suche nach einer neuen Vorsitzenden. Schauplatzwechsel in den um 500.000 Euro renovierten Schwurgerichtssaal am Wiener Landesgericht: Im denkmalgeschützten Saal läuft die Generalprobe ab. Zu diesem Probesitzen, Probereden und Probehören lässt die Vorsitzende des Schöffensenats (sie ist zwei Stunden später möglicherweise schon Geschichte) alle involvierten Anwälte (und das sind einige) im Grasser-Prozess mit insgesamt 15 Angeklagten antanzen. Ab zehn Uhr wird eineinhalb Stunden lang geprobt.

Geht alles glatt, dann startet ab Dienstag einer der aufsehenerregendsten Prozesse der Zweiten Republik. Grasser muss sich gemeinsam mit 14 weiteren Angeklagten wegen Untreue und Bestechung im Zusammenhang mit der Privatisierung von 62.000 Bundeswohnungen verantworten. Es geht um eine Provision von 9,6 Millionen Euro, die von Peter Hochegger und Walter Meischberger von Zypern über das US-Steuerparadies Delaware auf drei Konten in Liechtenstein geschickt wurden. KHG war bei der Vergabe des BUWOG-Deals Finanzminister. Er entschied, wer den Zuschlag für den Verkauf bekam und soll den "Tatplan für die parteiliche Entscheidung", so behauptet Staatsanwalt Gerald Denk, entworfen haben. Der Prozess gilt auch als Abrechnung mit der Ära Schwarz-Blau.

Eine scheint sich von dem juristischen Krimi die Festtagsstimmung nicht verderben zu lassen – Fiona Pacifico-Griffini-Grasser (52).

Erst vor wenigen Tagen erleuchte Grassers Ehefrau bestens gelaunt in der berühmten Mailänder Galleria Vittorio Emanuele II. den prachtvollen Glitzer-Swarovski-Christbaum.

Eine Swarovski muss eben immer funkeln, auch wenn der Ehemann um seine Existenz kämpft. Selbst wenn das Timing nicht gerade taktvoll erscheint, so sind die Auftritte von Fiona mit oder ohne KHG rar geworden.

Überraschend stabile Ehe

Acht Jahre nach dem Beginn der BUWOG-Ermittlungen haben sich die Grassers de facto aus dem Society-Leben zurückgezogen. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen: Etwa wenn Grassers Freund Sigi Wolf seinen 60. Geburtstag in Fontana mit 300 Gästen (darunter auch Bald-Kanzler Sebastian Kurz) feiert. "Fiona und Karl-Heinz waren gut drauf und gingen liebevoll miteinander um", sagt ein Gast.

Gerade der elitäre Freundeskreis hatte der Ehe von Fiona und KHG keine hohe Langlebigkeit vor der Hochzeit attestiert. Selbst Grassers Spezi und Trauzeuge Walter Meischberger war skeptisch. "Anfangs wollte Meischi es ablehnen, Trauzeuge zu sein. Erst der Freundeskreis überredete ihn", erzählt ein Grasser-Freund. Doch die Ehe zwischen der millionenschweren Swarovski-Erbin und dem Ex-Sonyboy hält seit zwölf Jahren. "Fiona ist ein Clan-Mensch. Ich glaube, gerade die jahrelangen Ermittlungen hat das Band zwischen den beiden stärker gemacht", sagt ein Grasser-Vertrauter. Aber wie gesagt, Partytiger sind sie schon lange nicht mehr.

Bis 2011 war das ganz anders. Da glänzten die Grassers vom Jägerball über Opernball bis zum Kitzbüheler Hahnenkamm-Rennen auf dem Society-Parkett.

Selbst vor Homestorys schreckten sie nicht zurück: So gewährte das Glamour-Couple der Kronenzeitung Einblick in ihr 416 Quadratmeter großes Penthouse in der Wiener City, das 2013 an den mittlerweile verstorbenen Karl Wlaschek verkauft wurde. Um stolze elf Millionen Euro bot der Ex-Minister die Luxus-Immobilie über "Christie’s" feil. Allerdings soll Grasser kräftige Abstriche bei der Übertragung des Wohnrechts an Wlaschek gemacht haben.

Warum der Wiener Wohnsitz verkauft wurde? Hier existieren unterschiedliche Argumentationen. Um die Anwaltskosten berappen zu können, heißt es. Seit Jahren buttert der Ex-Finanzminister horrende Summen in seine Verteidigung.

In Interviews betont der Ex-Finanzminister gerne, dass er "wirtschaftlich ruiniert sei". Im Vorjahr bezifferte Grasser die Kosten mit rund zwei Millionen Euro. Dabei wird es nicht bleiben. Das erst kürzlich von seinem Anwalt Manfred Ainedter präsentierte Gutachten über Grassers mediale Vorverurteilung "wird rund 200.000 Euro gekostet haben", schätzt ein Anwalt. Das Urteil im BUWOG-Prozess wird erst für 2019 erwartet – das bedeutet eine Unmenge an Prozesstagen, und der Ex-Haider-Vertraute hat gleich zwei Spitzenjuristen zu seiner Verteidigung engagiert. "Grassers Rücklagen sind mit Sicherheit schon aufgebraucht", meint ein Freund.

Aus der Perspektive von Grassers Ehefrau Fiona stellt sich der Rückzug so dar: Das Leben mit ihren vielen Hunden sei in der Stadt nicht möglich gewesen. Und "je länger ich in der Öffentlichkeit gestanden bin, umso mehr habe ich erkannt, dass man nach dem Motto "pour vivre bien , il faut vivre caché" leben soll. Frei übersetzt: Um gut zu leben, muss man versteckt leben", erzählte Fiona in einem Interview zu ihrem 50. Geburtstag.

Versteck um 11,8 Millionen Euro

Doch wie schaut so ein Versteck für einen besseres Leben aus? Um ein kleines Landhaus in den Bergen handelt es sich nicht, sondern es fällt viel mehr unter die Kategorie Luxus-Hideaway.

Erst im April hat Fiona den Unterhirzinger Hof in Kitzbühel samt 3000 Quadratmetern Grund von der Holzfamilie Klausner um stolze 11,8 Millionen Euro (inklusive Gebühren kommt der Deal auf rund 12,5 Millionen) gekauft. Gleich im Sommer wurde das Anwesen opulent umgebaut und vergrößert. Elitär ist auch die Nachbarschaft. Nicht weit entfernt lebt die Familie Quandt oder der ehemalige Hugo-Boss-Designer Werner Baldessarini. Die Grundbucheintragung offenbart ein interessantes Detail. Das Anwesen ist mit einem Belastungs- und Veräußerungsverbot zugunsten von Fionas Mutter Marina Giori-Lhota belegt. Auch ein Vorkaufsrecht wurde Grassers Schwiegermutter eingeräumt. Juristen interpretieren diese Maßnahme so: Entweder hat Giori-Lhota einen Teil oder sogar die ganze Kaufsumme bezahlt. Oder: Ein anderer Grund könnte sein, dass sich die Grassers mit diesem Schachzug vor der Justiz und allfälligen Schadensersatzzahlungen im Falle einer Verurteilung schützen wollen.

Wie leben die Grassers nun in Kitzbühel?"Sie gehen fast täglich am Schwarzsee laufen oder mit den Hunden spazieren", erzählt ein Kitzbüheler. Im Café Luca treffen die Kitzbüheler KHG öfters an. Vor allem mit Sport versucht sich Grasser körperlich und mental fit zu halten. Und in den letzten Jahren war er hauptsächlich "viel Vater" ( Tochter Tara ist zehn Jahre alt). Seine Frau Fiona bürstet täglich ihre fünf Hunde und zehn Katzen. Sie spricht mit ihren Blumen. Über dieser Idylle hängt das Damoklesschwert. Angesprochen auf den Prozess und einer möglichen Verurteilung zitiert Grasser gern Papst Franziskus, der sagt: "Es ist ein Fehler, wenn man meint, man kann nur glücklich sein, wenn man ein perfektes Leben hat". Zumindest mental scheint der Ex-Politiker für alles gerüstet zu sein.

OGH entscheidet am Montag

825 Seiten Anklageschrift, 617 Seiten Gegenschrift, ein runderneuerter Großer Schwurgerichtssaal und über ein Jahrzehnt Ermittlungen der Justiz - und alles (vorerst) umsonst? Am kommenden Montag entscheidet in Wien der Oberste Gerichtshof (OGH) darüber, ob am nächsten Tag einer der größten Korruptionsprozesse der 2. Republik startet - oder wieder in die Warteschleife geht.

Auf der Anklagebank sollen 14 Beschuldigte Platz nehmen, angeführt vom ehemaligen Finanzminister und Politstar Karl-Heinz Grasser und seinem Trauzeugen Walter Meischberger. Doch nicht vor den Kadi muss der Mitangeklagte ehemalige Raiffeisen Oberösterreich-Chef Ludwig Scharinger, der nach einem Sturz bei einem Urlaub in Russland laut einem gerichtlichen Gutachten nicht prozessfähig ist.

Zuständigkeit der Richterin

Ob der Prozess wie geplant am 12. Dezember beginnen kann, hängt von der Zuständigkeit von Richterin Marion Hohenecker ab. Gegen deren Zuständigkeit für das Strafverfahren im Wiener Straflandesgericht sind mehrere Angeklagte rechtlich vorgegangen. Nun ist am Montag der OGH am Zug ist um zu entscheiden, ob sie oder ein anderer Richter, eine andere Richterin den Schöffensenat anführt. Laut Verteidiger ist Hohenecker nämlich für die Causa gar nicht zuständig.

Angelpunkt ist die Zuständigkeit Hoheneckers für den mitangeklagten Ex-Immofinanz-Chef Karl Petrikovics. Weil sie für ihn im Villa Esmra-Untreueverfahren zuständig ist, hat sie auch den Grasser-Prozess übertragen bekommen und bereitet sich seit Monaten darauf vor. Sollte sie die Zuständigkeit für Petrikovics aber durch einen OGH-Spruch verlieren, dann könnte auch ihre Zuständigkeit für den Grasser-Prozess wackeln. Daher wird die OGH-Entscheidung Montag nachmittag mit Spannung erwartet.