Politik | Inland
24.06.2017

"Fürchte mich nur vor dem weißen Hai"

Die Bildungsministerin über Kritik an der Schulreform, und warum sie mit Haien tauchen geht.

KURIER: Frau Ministerin Hammerschmid, wahrscheinlich ist nur eine Kammerreform in Österreich noch schwerer zu verhandeln als ein Schulreformpaket. Wie viel muss man einstecken können, um am Ende erfolgreich zu sein?

Sonja Hammerschmid: Es waren keine einfache Verhandlungen. Aber ich bin ein sehr positiver Mensch (lacht). Wenn ich von einem Thema überzeugt bin, dann versuche ich wirklich zu kämpfen. Dafür musste ich vieles einstecken, das stimmt schon. Aber für ein Ziel bin ich bereit, über manche Hürde zu steigen und mich neu an den Tisch zu setzen, um Lösungen zu finden. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt. Am Ende des Tages benötigt man auch das Gespür, wann Entscheidungen zu treffen sind, um den Sack zumachen zu können. Dieses Verhandlungsgeschick habe ich in meiner Zeit als Rektorin gelernt.

Wenn Sie alleine eine Reform ohne ÖVP und Grüne hätten machen können, was würde in der Reform drinnen stehen, was jetzt noch nicht paktfähig war?

Wir haben an 36 Gesetzen und an Hunderten von Verordnungen die Stellschrauben, die die Pädagogen bis zum letzten Beistrich festgezurrt haben, gedreht. Das ist wirklich ein Paket, das uns in eine neue Schulzukunft führen wird, und das die Bildung aus ihren Fesseln befreit. Hätte ich völlig allein entscheiden können, dann hätte ich in der behördlichen Struktur zwischen Bund und Ländern noch vieles verändert. Aber auch hier ist uns einiges gelungen. Die amtsführenden Landesschulratspräsidenten wurden bisher von den Landeshauptleuten bestellt, und ich wurde nicht einmal gefragt. Es gibt keinerlei Qualifikationskriterien für dieses Amt. Jetzt haben wir erstmals Kriterien und eine Auswahlkommission mit externer Unterstützung. Diese Kommission wird dem Landeshauptmann und mir eine Liste an Kandidaten vorschlagen, aus der wir dann gemeinsam auswählen. Wenn das kein verbesserter Auswahlprozess ist, dann verstehe ich die Welt nicht mehr.

Wenn alles so paletti ist, warum steigt dann die Lehrergewerkschaft auf die Barrikaden. Sie vermutet ein verstecktes Sparpaket, und dass Großklassen kommen werden. Ist das ein Pawlowscher Reflex, oder kann die Gewerkschaft die Gesetzesvorlage nicht sinnerfassend lesen?

(Lacht). Das müssen sie die Gewerkschaft fragen. Die Klassenschülerzahl von 25 wird im Rahmen der Ressourcenverteilung verfassungsrechtlich verankert: Bei einer zu hohen Landesdurchschnittszahl der Schüler je Klasse gibt es keine Zustimmung des Ministeriums zum Lehrerstellenplan. Also ich denke, wir haben mit Hosenträgern und Rucksack abgesichert, dass hier kein Sparpaket kommen wird. Ich nehme die Reaktion der Gewerkschaft zur Kenntnis, kann sie aber nicht nachvollziehen. Wir haben mit der Gewerkschaft 22 Tage und Nächte verhandelt, sind zu einem Ergebnis gekommen, und ich gehe davon aus, dass Handschlagsqualität zählt.

Sie fordern ein zweites Gratiskindergartenjahr. ÖVP-Chef Sebastian Kurz fordert eine Schließung der islamischen Kindergärten. Ein gangbarer Weg für Sie?

Einfach zu behaupten, alle Kindergärten sind schlecht, ist eine oberflächliche und populistische Aussage. Es braucht eine Evaluierung. Bei einer solchen Einrichtung muss der Qualitätsrahmen stimmen, die Pädagogen müssen entsprechend ausgebildet sein. Da muss man hinschauen. Wenn es Probleme gibt, muss man handeln.

Man kennt ihre Standpunkte in der Bildung. Wie schaut es bei anderen Politik-Themen aus. Würden Sie auch Ministerin unter Rot-Blau sein?

(Lacht). Diese Frage stellt sich für mich jetzt nicht. Darüber können wir nach der Wahl reden. Es gibt jetzt den Kriterienkatalog. Die Sozialdemokratie wird schauen, dass sie nach der Wahl einen Partner bekommt, der bei diesen Themen mitgehen kann.

Die Flüchtlinge sind eine enorme Belastung für das Schulsystem. Müsste da nicht gerade für Sie die Schließung der Mittelmeerroute kein Vollholler sein?

Die Schließung der Mittelmeerroute zu fordern, bringt eine gut klingende Überschrift. Was mir fehlt, ist das konkrete Konzept der Umsetzung. Im Schulbereich ist es mein Anliegen, die Kinder, die jetzt schon da sind, in die Gesellschaft zu integrieren und ihnen eine Chance zu geben. Dafür haben wir 850 Sprachpädagogen, Schulpsychologen, Sozialarbeiter an die Schulen geschickt.

Kommen wir zu ihnen, sie wollten Designerin werden, schafften aber die Aufnahmeprüfung für die Angewandte nicht. Wie kam es dann zum naturwissenschaftlichen Studium?

Es gab immer zwei Leidenschaften: Das war Mode. Und als kleines Mädchen wollte ich Chirurgin werden. Das hat sich insofern verbreitert, dass ich mit Medizin begonnen habe, aber auch Molekularbiologie und Genetik studiert habe. Markus Hengstschläger und ich waren damals in einem Jahrgang.

War es gerechtfertigt, dass sie die Aufnahmeprüfung an der Angewandten nicht schafften?

Das war absolut korrekt (lacht). Ich bin eine gute Handwerkerin, aber das Fünkchen Kreativität für eine sehr gute Designerin fehlt mir. Das ist ein Plädoyer für das Auswahlverfahren an den Kunstuniversitäten. Es geht darum, die Besten zu finden, und das war ich sicher nicht. Bei Medizin war ich ein klassischer Drop-out. 2000 Leute im Fight um Labor- und Sezierplätze, diese Massen habe ich als Mädl vom Land damals nicht gepackt. Daher bin ich in der Molekularbiologie gelandet.

Entwerfen sie heute noch Outfits?

Das mache ich mit großer Leidenschaft (lacht). Es hängt gerade ein Sommerkleid mit halb fertig eingenähtem Ärmel bei mir zu Hause, das auf die Fertigstellung wartet. Vor zwei Jahren habe ich mir mein Opernballkleid selbst genäht.

Sie waren die zweite Rektorin in Österreich und brechen gerne in Männerdomänen ein. Hätten Sie diese Karriere auch mit Kindern machen können?

Ich denke schon. Aber ganz einfach wäre es nicht gewesen, weil es noch sehr tradierte Rollenbilder in unserer Gesellschaft gibt und ein unheimlicher Druck auf junge Frauen ausgeübt wird.

Ihr Mann nimmt an Triathlons teil. Ist das auch ein Ziel von Ihnen?

Nein, (lacht). Sport ist ein wichtiger Ausgleich, den ich brauche, um zur Ruhe zu kommen. Laufen ist für mich eine echte "Droge", wo ich abschalten und neue Ideen entwickeln kann. So ein Lauf über zehn bis zwölf Kilometer ist fast schon eine meditative Übung für mich. Aber Sport hat bei mir ausschließlich mit Wohlfühlen zu tun und nicht mit Qual und Überwindung. Meine zweite Leidenschaft ist Tauchen.

Tauchen sie gerne in eine andere Welt ab?

Absolut. Die Tierwelt ist faszinierend, und in diesem Blau zu schweben, ist sehr beruhigend.

Sind sie Haien schon mal begegnet?

Natürlich (lacht).

Keine Angst?

Absolut nicht. Das ist normal. Aber im Roten Meer gibt es keine gefährlichen Hai-Arten. Nur vor dem Weißen Hai fürchte ich mich. Bei einer Begegnung dieser Art hätte ich sicher Federn.

Ein Merkmal von ihnen ist, dass sie sehr oft bei Interviews im TV oder Radio lachen. Lachen sie Probleme weg?

Nein, ich bin nicht realitätsfern. Das darf man nicht vertauschen. Aber ich bin ein durchaus fröhlicher und optimistisch denkender Mensch. Zum Glück. Das macht mir das Leben oft leichter. Mein Lachen ist nicht gekünstelt oder aufgesetzt. So bin einfach ich.