Politik | Inland
03.08.2017

SJ-Chefin will Fußball als Männerdomäne "aufbrechen"

In Österreich wird der Erfolg des Frauennationalteams gefeiert. Das Land ist stolz auf die ÖFB-Kickerinnen. Doch was passiert, wenn der Hype abgeklungen ist? SJ-Chefin Julia Herr fordert Reformen in der Sportförderung und heimischen Bundesliga.

Im KURIER-Forum wird gejubelt. User Herwig Losbichler schreibt: "Schon jetzt die Mannschaft des Jahres!" In einem anderen Kommentar heißt es, dass das Spiel besser war als "jeder Tatort". Leser Franz Knotz hätte sich zwar noch nie Frauenfußball interessiert, "aber jetzt bin ich vom Saulus zum Paulus geworden. Ich kann nur sagen Hut ab."

Gemeint ist das Frauennationalteam, das nach dem Elferkrimi gegen Spanien im Halbfinale der Europameisterschaft 2017 in den Niederlanden steht. Das rot-weiß-rote Team ist die Überraschung des Turniers und sorgt für Euphorie im Land der acht Millionen Teamchefs. Dass die Stadt Wien nun das Semifinale gegen Dänemark auf einer Großleinwand am Rathausplatz überträgt, zeigt: Die ÖFB-Kickerinnen haben die breite Masse erreicht.

Fußball als Männerdomäne "aufbrechen"

"Es wäre schon cool, wenn junge Frauen jetzt vermehrt Fußball spielen", sagt Anna, Burgenländerin, 17 Jahre alt und leidenschaftliche Kickerin. Seit der Volksschule spielt sie Fußball. In der Jugendmannschaft dribbelte sie den Ball bei Burschen vorbei, mit 16 Jahren wechselte sie zu einem Frauenverein. Dieser hat sich aber aufgelöst. "Es gab zu wenige Fußballerinnen", erklärt Anna. Sie hat zwar einen anderen Verein mit einer Frauschaft gefunden, dieser sei aber zu weit entfernt gewesen. "Meine Eltern sind berufstätig, können mich nicht immer zum Training fahren und mit dem Bus ist das auch nicht möglich."

Die 17-jährige Burgenländerin wird von Julia Herr flankiert. Die Vorsitzende der Sozialistischen Jugend (SJ) hat zum Treffen mit Anna geladen, um "die Chance zu nützen", wie sie sagt. Der Hype bei der Europameisterschaft sei nämlich eine gute Möglichkeit, Fußball als Männerdomäne "aufzubrechen" und Frauenfußball in der Öffentlichkeit zu platzieren - auch nach dem Großturnier. Wie sie das machen will, erklärt die SJ-Chefin im KURIER-Gespräch.

Von Bundesliga bis Förderungen

Ihre erste von drei Forderungen zielt auf die Bundesliga ab. Bisher mussten Fußballklubs verschiedene Kriterien erfüllen, um eine Lizenz für Österreichs höchste Spielklasse zu erhalten. Dazu gehört zum Beispiel die Führung von Nachwuchsmannschaften und eine Jugendförderung. "Das ist gut, aber wir denken weiter", sagt Herr und urgiert ein weiteres Kriterium: "Der Erwerb der Lizenz soll in Zukunft nur möglich sein, wenn die Vereine auch Frauenfußballsektionen betreiben.“

Professioneller Frauenfußball benötige auch eine professionelle Infrastruktur. Bis zur Umsetzung soll es eine Vorbereitungsfrist von etwa zehn Jahren geben, sodass alle Vereine mitziehen können. Notwendigkeit sieht die Sozialistische Jugend deshalb gegeben, weil nur wenige Bundesliga-Vereine bisher Frauenfußball fördern. "Wenn Rapid Wien oder Red Bull Salzburg eine Frauenfußballsektion hätte, wäre das für viele Mädchen ein Anreiz, mit dem Fußballspielen zu beginnen."

Die zweite Forderung betrifft die Schule. Im Rahmen des Ausbaus von modularen Schulsystemen wäre es möglich, Sport-Freifächer anzubieten. "Für gewöhnlich werden ja nur Buben gefragt, ob sie spielen wollen", sagt Herr. Das soll sich künftig ändern, indem klassenübergreifend ein Modul Fußball ermöglicht wird - sofern sich genügend Mädchen finden, die das auch wollen.

Drittens muss die Sportförderung nach Ansicht der SJ um einen finanziellen Anreiz für Frauen- und Mädchenteams erweitert werden. "Im Gegensatz zu Männerfußball sind finanzielle Unterstützer im Frauenfußball ziemlich rar", begründet Herr diese Forderung. Wie hoch das Budget sein und in welcher Form es ausgeschüttet werden soll, sei aber noch zu klären.

Gesetzlich festgeschrieben

Der Förderdschungel ist auch im Sport nicht ganz einfach zu entwirren. Fakt ist, dass die Republik seit einigen Jahren 80 Millionen Euro an Sportsubventionen jährlich vergibt. 50 Prozent sind für den Spitzensport vorgesehen, für den Breitensport gibt es 45 Prozent. Die restlichen fünf Prozent entfallen auf "Organisationen mit besonderer Aufgabenstellung im Sport".

Grundsätzlich gibt es noch die Möglichkeit, dass Sportminister Hans Peter Doskozil "Vorhaben gesamtösterreichischer Bedeutung unter Berücksichtigung des Förderungsbedarfs" fördert. 29 Millionen Euro wurden vergangenes Jahr aus diesem Sondertopf ausgeschüttet. Sportanlagen wurden beispielsweise mit 6,7 Millionen Euro gefördert, Spitzenathleten mit rund sieben Millionen Euro. Zwei Projekte im Frauensport erhielten rund 170.000 Euro.