Politik | Inland
06.01.2018

Franziskus: Abkehr von Rom, eine Kirchen-Revolution

Der Papst ermuntert die Bischöfe in der Welt zu dezentralen Fortschritten, wie das Priesteramt für Verheiratete zuzulassen. Rechte Papst-Kritiker wollen diesen Weg in die Moderne jedoch verhindern. Die Initiative eines Österreichers unterstützt den Papst.

KURIER: Herr Professor, Sie betreiben eine Initiative in der Kirche, um Papst Franziskus zu unterstützen. Was tut der Papst, dass er das braucht?

Paul Zulehner: Der Papst mutet der Kirche eine neue pastorale Kultur zu. Demnach wird der Mensch wird nicht nach den Gesetzen verurteilt, sondern der konkrete Mensch wird angeschaut, und es wird gefragt: Wie kann die Kirche ihm zur Seite stehen, sodass es mit seinem Leben gut weiter geht? Man spricht weniger von Sünden der Menschen, sondern von ihren Wunden, man moralisiert nicht, sondern man heilt. Papst Franziskus ist kein Ideologe, sondern ein Hirte, der sich um den einzelnen Menschen in seiner je einzelnen Situation kümmert. Diese pastorale Kultur orientiert sich vor allem bei Scheidung und Wiederheirat an der orthodoxen Ostkirche, die das seit Jahrhunderten so betreibt. Ein kleiner rechter Flügel kritisiert den Papst dafür.

Was ist der Kern des Streits?

Letztlich geht es um die Frage: Ist die katholische Kirche bereit, in der modernen Welt anzukommen? Oder tendiert sie doch wieder dazu, sich zurück zu ziehen, wie das schrittweise unter Johannes Paul II und Benedikt dem XVI gewesen ist? Der Mentor von Papst Franziskus, Kardinal Martini, hat gesagt, die katholische Kirche sei 300 Jahre hinter der modernen Welt zurück.

Um in der Moderne anzukommen, muss aber viel geschehen – zum Beispiel gegenüber Frauen und Homosexuellen.

Das stimmt, es stehen einige Fragen auf der Tagesordnung der Kirche. Wo hat die Kirche selbst an Diskriminierungen mitgewirkt? Wie kann sich das Familienbild wandeln? Die Schlüsselfrage lautet aber: Wie kann der Mensch Gott verbunden sein und von da her in einer unglaublichen Freiheit Mensch sein? Wer sein Knie vor Gott beugt, beugt es nie mehr vor einer Partei, vor der Wirtschaft, vor sozialen Medien. Der trägt seine Autonomie als Geschenk Gottes in sich: eine unantastbare Freiheit des Gewissens. Und dieses Gewissen ist in verantwortlicher Solidarität zu leben.

Gibt es bald Priesterinnen?

Bevor es Priesterinnen gibt, wird es eine Öffnung des katholisch-kirchlichen Amts für Verheiratete geben. Ich vermute, dass dies lateinamerikanische Bischöfe auf der Amazonassynode 2019 beschließen werden. Der Papst dürfte ihnen die Rückendeckung geben. Das wird andere unter Druck setzen, dem Beispiel der Lateinamerikaner zu folgen. Auf diese Weise wird sich die Kirche verändern. Es ist eine der wichtigsten Entscheidungen in diesem Pontifikat, dass der Papst den Zentralismus überwindet.

Roma locuta ( Rom hat gesprochen) und damit basta, gilt nicht mehr?

Das ändert sich insofern als das, was Rom sagt, von der Peripherie kommen kann. Bisher tanzte alle Welt nach der römischen Pfeife. Jetzt sagt man, Rom geht in die Schule der Regionen, der Kontinente, der Bischofskonferenzen, lernt dort, und sagt dann: Okay, das akzeptieren wir für die Weltkirche oder unterstützen es, zumindest vorerst, regional. Das ist eine Revolution. Alle unsere Bischöfe haben immer zu den Kirchenvolksbegehren gesagt: bei weltkirchlichen Fragen können wir nix machen. Dieser Satz ist out. Jetzt sind die Bischofskonferenzen gefragt, Dinge, die für uns wichtig sind, zu entscheiden, den Vatikan zu informieren, und der Papst kann sagen: Genau so macht es! Papst Johannes Paul II war ein um die Einheit besorgter Zentralist, der glaubte, Rom müsse alles bestimmen. Der Nachteil des Zentralismus war, dass vieles, das sich regional durch das Wirken des Geistes entwickelt hat, nicht in die Politik der Weltkirche einging. Diesen Entwicklungsverlust, diese Stagnation macht Papst Franziskus jetzt wett, indem er sagt: Der Heilige Geist ist nicht nur in Rom.

Nimmt der außereuropäische Einfluss auf die Kirche zu?

Es war eine Sensation, dass ein Nicht-Europäer Papst wurde. Ich persönlich bin sicher, der nächste wird auch kein Europäer sein. Ich tippe auf den Philippino Luis Tagle. Er ist genau so in den Slums von Manila aufhältig wie es Bergoglio in den Slums von Buenos Aires war. Der wäre auch noch jünger, er wäre ein Langzeitpapst.

Hat er eine Chance?

Ich hoffe, dass Papst Franziskus noch genug Kardinäle ernennt, die nicht aus Europa kommen. Die Europäer haben keine Mehrheit mehr im Kardinalskollegium. Das nächste Konklave wird hart. Was sich jetzt in Kleingefechten abspielt, wird sich dort im Großen abspielen. Dann geht es ums Eingemachte: Setzen wir den Kurs des Franziskus fort? Oder nicht?

Wurde die Kirche sozialer?

Ja, aber nicht marxistisch, sondern biblisch und in einer Theologie des Volkes begründet. Franziskus hat aus erster Hand gelernt, dass die Kirche nicht in erster Linie die Reichen zu unterstützen hat, sondern dass vor allem die, die unter die Räder des Lebens kommen, die bevorzugten Adressaten sind. Darum wünscht er sich eine arme Kirche an der Seite der Armen. Und die Reichen bittet er, mit ihm für die Armen zu wirken. Für uns ist das eine schwierige Frage: Was heißt es in Deutschland, in Österreich, in Amerika, eine Option für die Schwächeren abzugeben? Es geht nicht nur darum, dem Einzelnen zu helfen, sondern um eine Sozialpolitik zur Überwindung der Armut. Deswegen ist die Kirche in diesem Pontifikat ein unüberhörbarer Teil des sozialen Gewissens der Gesellschaft geworden.

Heute ist Dreikönigstag. Glauben Sie, dass die Kinder wieder mehr Gefallen an der Kirche finden, wenn sich die Kirche mehr ins Weltgeschehen einbringt?

Ich hoffe schon. Wir haben einen Pisatest für Lesen, Schreiben, Rechnen. Aber haben wir einen Test für die Fähigkeit, solidarische Verantwortung zu übernehmen? Für die Lust an der Freiheit? Die neue Generation ist top-informiert, was auf der Welt passiert. Da gehört dazu, dass man auch etwas über die Schönheit der Welt erfährt: Was ist der Sinn der Schöpfung? Wie kann ich ein liebesfähiger Mensch werden? Es gibt keinen anderen Zweck im Leben, als ein liebender Mensch zu werden, der keinen anderen auf dem Boden liegen lässt.

Paul Zulehner und die Francis-Initiative

Die Initiative "Pro Pope Francis" (pro-pope-francis.com) wurde vom Theologen Thomàš Halik und dem Religionssoziologen Paul Zulehner gegründet. Zweck ist, die schweigende, breite Mitte der Kirche sichtbar zu machen, um zu zeigen, dass die rechten Papst-Kritiker nur ein kleiner Flügel sind. Ein offener Brief der beiden Gelehrten hat bereits 70.000 Unterstützer. Nun organisieren Halik und Zulehner ein globales Netzwerk von 175 Spitzentheologen, die den Weg des Papsts theologisch begründen. Ziel ist, am 2. vatikanischen Konzil anzuknüpfen und zu sichern, dass der Weg der Kirche in die Moderne nicht wieder verlassen wird.

Buch: Paul Zulehner: Ich träume von einer Kirche als Mutter und Hirtin, 2018, Patmos Verlag